Montag, 5. September 2016

Rezension: »Zwei um die Welt« von Hansen Hoepner und Paul Hoepner

Über die reiselustigen Zwillinge Hansen und Paul Hoepner bin ich vor einiger Zeit beim Durchzappen im TV gestolpert. In einer Dokumentation durchquerten die beiden Anfang-Dreißigjährigen gerade mit ihren Fahrrädern einen ziemlich reißenden Fluss irgendwo zwischen Berlin und Shanghai. Ich blieb fasziniert von dem Projekt der beiden Hoepners, mit dem Fahrrad von Berlin nach China zu fahren, vor der Mattscheibe hängen.

Nun haben die beiden Brüder ein neues Abenteuer gewagt, und es dieses Mal in Buchform dokumentiert: Zwei um die Welt - in 80 Tagen ohne Geld heißt ihr Projekt. Der Buchtitel lässt schon vermuten, was sich die beiden Autoren ausgedacht haben: Ohne Geld wollen sie die Welt über die Nordhalbkugel umrunden; betteln ist verboten, dafür wollen sie sich mit selbstgemachten Schmuck aus Sachen, die sie auf der Straße finden (Fahrradspeichen, Kronkorken) und mit Gelegenheitsarbeiten genug Geld verdienen, um die Welt in 80 Tagen zu umrunden.

Von Berlin aus geht es zunächst quer durch Westeuropa nach Lissabon, von dort aus weiter nach Kanada und anschließend nach Asien; meist per Anhalter, manchmal auch zu Fuß oder mit Flugzeug oder Bahn. Mit dabei haben Hoepner und Hoepner nur einen selbstgebauten Koffer, einen Rucksack und Equipment, um ihr Abenteuer filmisch und fotografisch zu dokumentieren. So einfach wie sich diese Reise anhört - das Länderhopping hat so seine Tücken:

»Jedes Mal beginnt man bei null, die Wortfetzen, die man gerade erst gelernt hat, gelten nicht mehr. Wie funktioniert dieses Land? Was kostet ein Taxi, ein Brot, ein Kaffee, woher bekommt man Trinkwasser, ohne dafür Geld auszugeben? Wo kann man Geld wechseln, und wie weit wollen wir uns überhaupt auf Malaysia einlassen, wenn wir schon heute Abend im Flieger nach Indien sitzen

So ganz reibungslos verläuft die Weltumrundung nicht: Die Zwillinge berichten, dass es Momente gab, in denen sie ihre Reise einfach abbrechen und nach Berlin zu ihren Freundinnen zurück wollten. Dass der Plan, in 80 Tagen wieder in Deutschland zu sein, auch kein bewusstes Eintauchen in ein Land und seine Kultur ermöglicht, und sicherlich auch keine Erholung. Und sie sind sich eben auch des moralischen Dilemmas bewusst, das ihr Plan, unterwegs Geld zu verdienen, unweigerlich erzeugt: 

»Die Fahrt geht durch Gegenden, wie ich sie in meinem Leben noch nicht gesehen habe: riesige Müllberge türmen sich am Straßenrand, und sogar um diese späte Uhrzeit klettern Kinder und Straßenhunde darauf umher, um nach Ess- oder Verwertbarem zu suchen. Es stinkt bestialisch nach Aas, Müll und Fäkalien. [...] Willkommen in Indien, geht mir der Gruß des Grenzbeamten durch den Kopf. Die Leute hier müssen Müll essen, und wir machen ein Abenteuerprojekt in diesem Land. Das alles kommt mir gerade so unglaublich doof vor.«

Und doch finden Hoepner und Hopener immer wieder Auftrieb für ihre Reise - was vor allem auch mit den vielen tollen und hilfsbereiten Menschen zu tun hat. Manchmal bieten sie ihr Haus für Übernachtungen an, spendieren den Brüdern ein Essen, oder bauen die Zwillinge nach einem harten Tag wieder moralisch auf - wie dieser ältere Mann in Indien:

»Als ich ihm von den Erlebnissen am Mittag erzähle, die uns so an unseren Vorhaben zweifeln lassen, hält er kurz inne und sagt dann mit einer Stimme, der man alles glauben will: ›Sehr ihr, was ihr macht, hat eine weit größere Bedeutung, als einfach nur günstig um die Welt zu kommen. es geht hier nicht um Geld, sondern darum den Menschen zu zeigen, dass es überall auf der Welt, in jeder Kultur und jeder Nation, Leute gibt, die gut sind und die gerne helfen. Ob sie wohlhabend sind oder arm. [...] Ihr zeigt der Welt, wozu sie fähig ist [...].
«

Genau diese Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit, von der die beiden Hoepners berichten, macht die Essenz dieses tollen Buches aus. Es zeugt eben genau davon - von der Welt und ihren BewohnerInnen, wozu sie im positiven Sinne fähig sind. Die Autoren beschreiben diese Begegnungen authentisch und ohne Überdramatisierung. Das ist sehr klug, denn die Hilfsbereitschaft der Menschen, die ihnen rund um die Welt begegnet, ist hochemotional und bewegend genug.

Und auch das Buch ist mit viel Liebe gemacht: Auf der Umschlaginnenseite ist die Reiseroute abgedruckt, was bei der Orientierung sehr hilft. Neben den unterhaltsam und generell dramaturgisch sehr gut geschriebenen Kapiteln (hier hatten die Hoepner-Brüder Hilfe von Co-Autorin Marie-Sophie Müller) begeistert das Buch außerdem mit Fotos von der Reise sowie sechs QR-Codes für Video-Bonusmaterial. 

Hansen Hoepner/Paul Hoepner: Zwei um die Welt - in 80 Tagen ohne Geld, 2. Aufl., Malik, München 2016.

Von Anne-Kathrin

Mittwoch, 24. August 2016

Rezension: »Der Osten« von Andrzej Stasiuk

Andrzej Stasiuks Ich-Erzähler hat sich wieder auf den Weg gemacht. Nach seinen Reisen nach Mittel- und Osteuropa in seinen Geschichten vom Fernweh und dem Roman Hinter der Blechwand verschlägt es ihn in seinem neuen Roman mit dem programmatischen Titel Der Osten ganz weit eben genau dorthin: nach Russland, in die Mongolei, nach China. Stasiuk hat dafür einen geschichtsträchtigen Grund:

»Weil ich ein Kind des Kommunismus war, weil mein Onkel in der Schublade zwischen Ventilen, Zangen und Korkmaschinen seinen Parteiausweis aufbewahrte. Russland war die Quelle, aber China sollte die Woge werden, die die Welt überschwemmen würde. Deshalb musste ich dorthin fahren, um zu sehen, wie sich jetzt der Kommunismus verwandelte, dessen Kind ich war. Sein Ende in meinem Land erschien mir zu belanglos, zu banal, als dass daraus eine Erzählung hätte entstehen können. Ich musste mich überzeugen, dass meine Geschichte Teil eines größeren Ganzen war.« 


Stasiuks zuweilen etwas mürrischer und melancholischer Ich-Erzähler interessiert nicht den Hochglanz der Länder, die er bereist. Im Gegenteil: Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass er umso mehr aufblüht, je mehr er in die ungeschönte historisch-kulturelle Essenz einer Gegend und deren BewohnerInnen vordringt. Ihn reizen die tieferliegenden Schichten der Gesellschaft, Vergangenheit und Gegenwart, die vermeintlichen und die wahrhaft schmutzigen Kapitel. Darin wühlt er mit Eifer herum:

»Darum ging es mir. Um die Ausdruckskraft des Seins. Darum, mir den postimperialen Rost anzusehen und zu schauen, wie aus diesem Rost Sand rieselte. Das genügt mir, falls jemand fragen sollte, und um das zu sehen, kann man fünf- oder sechstausend Kilometer zurücklegen.«

Auf diesen mehreren Tausend Kilometern Reise sucht Stasiuks Erzähler nach der Verbindung des Kommunismus, den er als Kind erlebt hat, zu dessen gegenwärtigen Spuren viel weiter östlich. Aber es geht für Stasiuk nicht nur um eine Auseinandersetzung mit diesem Teil der Geschichte. Auch das Grauen der spezifisch polnisch-deutsch-jüdischen Geschichte ist Bestandteil seiner Erzählung und der Erinnerung als Pole, der 1960 geboren wurde:

»Im Reich der Kindheit, im Reich der Unschuld. Im Osten, rechts von der Weichsel. In der Vorhölle. Auf der Müllhalde menschlicher Reste. In der Finsternis des Kontinents. Man kann sich nicht lösen von dieser Gegend, von dieser Erde, die wie ein Schichtkuchen aus Fleisch, Blut und Knochen ist. Aus dieser mit DNA getränkten Erde.«

Trost über das Dasein als solches, den der Erzähler beispielsweise in der Weite und Kargheit der Wüste Gobi findet, und die Trostlosigkeit genau desselben Daseins liegen in dem Roman sehr dicht beieinander. Stasiuks Ich-Erzähler nutzt die Reisen in die Ferne des Ostens zu schwermütigen Reflexionen über das Sterben und die Vergänglichkeit generell, aber auch über die Freiheit und die Globalisierung, die er in China gesucht und gefunden hat:

»Wenn ich durch die chinesische Peripherie und die chinesischen Läden irrte, konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass all das auf den Augenblick zustrebte, da dieser Leviathan in der Lage sein würde, aus rosa Plastik, aus Gummi und Folie auch unsere Gedanken und unsere Träume herzustellen.«

Der starke Sog gen Osten, den der Autor immer wieder fühlt und in seinen Romanen auslebt, ist faszinierend - und er ist auch faszinierend be- und geschrieben: In Der Osten findet sich wieder diese für Stasiuk-Werke ganz charakteristische Stimmung, die mich so begeistert; vielleicht liegt es an der Illusion der Autobiografie, mit der Stasiuk seinen Ich-Erzähler spielen lässt, wahrscheinlich aber vor allem auch an der spezifischen Schreibe Stasiuks. Er formuliert eher simple Sätze, die doch jeder für sich und insbesondere auch im Gesamten ein Kunstwerk sind. Auch wenn ich den polnischen Originaltext nicht kenne: Die Übersetzung aus dem Polnischen von Renate Schmidgall erscheint mir dabei ebenfalls ganz herausragend.

Der Osten ist wieder ein großartiges Buch von Stasiuk, eine wahre Lesefreude; insbesondere für all jene, für die Poesie und Minimalismus, Reisen und Heimat, Endlichkeit und stoische Lebensfreude hervorragend gut zusammenpassen.


Von Anne-Kathrin

Montag, 27. Juni 2016

Rezension: »Was noch zu tun ist. Damit Frauen und Männer gleichberechtigt leben, arbeiten und Kinder erziehen können« von Anne-Marie Slaughter

Vor einigen Jahren machte ein Artikel unter FeministInnen, Businessmenschen und TradtionalistInnen Furore: Anne-Marie Slaughter, ehemalige Direktorin des politischen Planungsstabs im US-Außenministerium unter Hillary Clinton, hatte im Magazin The Atlantic eine steile These aufgestellt: Frauen könnten eben immer noch nicht »alles haben«. Warum das so sei, erklärte sie damals in ihrem Artikel Why Women Still Can't Have It All.

Die Aufregung und die Debatte, die daraufhin entstanden, kreisten um die Tatsache, dass sich Slaughter entschieden hatte, ihre hohe politische Position aufzugeben, um mehr Zeit und Aufmerksamkeit ihren Teenager-Söhnen zu widmen. Das erschien vielen Frauen, die so hart dafür gekämpft hatten, Karriere und Familie zu vereinbaren, als harter Schlag ins Gesicht. Denn Slaugther, eines ihrer großen Vorbilder für Vereinbarkeit, proklamierte öffentlich, dass der Wunschtraum, beides zu haben, oft nicht der Realität entspreche. Die Verwirrung war groß, denn fast zeitgleich verföffentlichte Facebooks Geschäftsführerin Sheryl Sandberg ihr Motivationsmanifest Lean In, in dem Sandberg Frauen riet, sich in die Karriere reinzuhängen und die Vereinbarkeit Wirklichkeit werden zu lassen.

Nun hat Anne-Marie Slaughter ihre Gedanken ebenfalls in Buchform gegossen und ein viel beachtetes Buch vorgelegt, in der sie ihre eigene Entscheidung, ihre Sicht auf das Dilemma der Vereinbarkeit von Karriere und Familie und mögliche Lösungsstrategien skizziert. 


Slaughter möchte (jüngeren) Frauen darin »die nötige Dosis Realismus« mit auf den Weg legen, denn jenseits aller Planungen für Karriere und Familie könne im Leben trotzdem alles anders laufen: »Sie können alles haben, wenn Sie sich nur genügend für Ihre Karriere engagieren ... und wenn Sie das Glück haben, nie an den Punkt zu geraten, an dem das sorgfältig austarierte Gleichgewicht zwischen Beruf und Familie kippt [Hervorhebungen im Original].« Diese realistische(re) Einschätzung der Probleme hinsichtlich Vereinbarkeit wirkt für ein Buch aus dieser Sparte sehr erfrischend.

Die Autorin macht deutlich, dass wir auf der Ebene der Gesellschaft noch sehr viel zu tun haben, um wirkliche Gleichberechtigung, auf der die Vereinbarkeit von Familie und Karriere beruht, zu erzielen. Dabei nimmt sie die Arbeitswelt, aber auch das Individuum, Frau und Mann, in die Pflicht. Begrüßenswert ist die Tatsache, dass Slaughter sich sehr wohl bewusst ist, dass sie als weiße, gut ausgebildete und privilegierte Frau in einer ganz anderen Position ist als diejenigen Frauen, die mehrere Jobs gleichzeitig machen müssen, um ihre Familien zu ernähren; in deren Leben Armut und Gewalt eine dominierende Rolle spielen.

Ihre Lösungsansätze klingen für europäische LeserInnen trotzdem nicht gerade innovativ und bleiben etwas kraftlos: Sie plädiert dafür, Eltern eine Arbeitszeitreduzierung zu ermöglichen, stellt flexible Arbeitszeitmodelle der großen amerikanischen Konzerne vor und appelliert an die Gesellschaft, care-Arbeit, also die Pflege von Kindern oder älteren Angehörigen, aufzuwerten.

Das ist der große Wehmutstropfen an Slaughters Buch. Sie bietet nur Lösungswege an, die sich einen Ticken zu nahtlos in die bestehende (Geschlechter-, Gesellschafts- und Wirtschafts-)Ordnung einpassen. Gerade für diejenigen, die sich schon seit langem mit der Frage nach Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen einsetzen, klingen die Vorschläge der Autorin, die mittlerweile Präsidentin und Geschäftsführerin des politischen Think Tanks New America ist, nicht gerade revolutionär. So ist Slaughters Buch wohl eher für diejenigen Frauen und Männer relevant und wichtig, die in die Thematik einsteigen.

Anne-Marie Slaughter: Was noch zu tun ist. Damit Frauen und Männer gleichberechtigt leben, arbeiten und Kinder erziehen können, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016.

Von Jessica und Anne-Kathrin

Dienstag, 14. Juni 2016

Rezension: »Gutes besser tun. Wie wir mit effektivem Altruismus die Welt verändern können« von William MacAskill

»Gutes zu tun«, was immer das auch letztendlich heißt - das ist für William MacAskill nicht genug. Der 29-jährige, der Philosophieprofessor in Oxford ist, findet: Wenn wir Gutes tun, dann doch möglichst das Beste. Einfach nur für den guten Zweck zu spenden, für eine gemeinnützige Organisation zu arbeiten oder Fairtrade-Produkte im Alltag zu kaufen, sei zwar gut; aber eigentlich sollten wir mit unserer Zeit und unserem Geld das Maximale an Unterstützung für eine größtmögliche Anzahl an Menschen bewirken. Das bezeichnet MacAskill als »effektiven Altruismus«. 


Als effektive AltruistInnen sollten wir uns laut MacAskill vor jeder Spende oder Jobentscheidung die folgenden fünf Fragen stellen: »1. Wie viele Menschen profitieren davon und in welchem Maß? 2. Ist dies das Wirksamste, das Sie tun können? 3. Ist dies ein vernachlässigter Bereich? 4. Was wäre andernfalls geschehen? und 5. Wie gut sind die Erfolgsaussichten, und wie viel wäre ein Erfolg wert?«

Diese Fragen erläutert der Philosoph in seinem Buch kapitelweise mit Beispielen und vor allem mit statistischen Berechnungen. So kommt er unter anderem zu der Annahme, dass es sinnvoller ist, für Entwurmungsprogramme zu spenden als für die Hilfe unmittelbar nach einer großen Naturkatastrophe. Auch ist es für ihn aufgrund seiner Berechnungen klar, dass wir viel mehr bewirken können, wenn wir uns finanziell für die ärmsten Länder der Welt engagieren als für den heimischen Naturschutz. So weit, so nachvollziehbar.

Im Gegensatz zu ExpertInnenmeinungen, die unter anderem von dem deutschen Ökonomen Niko Paech vertreten werden, ist MacAskill zudem der Meinung, dass wir ruhig weiter einem gewissen Lebensstil frönen und mit relativ gutem Gewissen zum Beispiel Flugreisen unternehmen könnten. Wir könnten uns nämlich durchaus mithilfe von Spenden von den Emissionen »freikaufen«. Und zuguterletzt rät er, gerne auch in sehr gut bezahlten Jobs Geld zu scheffeln - unter anderem im Bankensystem -, um einen Großteil des Einkommens zu spenden. Damit, so MacAskill könnten wir viel mehr Gutes in der Welt tun, als wenn wir Brot für die Welt, die Caritas und Co. arbeiten würden.

Gutes besser tun ist ein sehr interessantes Buch, das wichtige Denkanreize gibt und seine LeserInnen intellektuell und moralisch herausfordert. Es ist radikal in dem Sinne, dass der Autor konsequent unter einem Gesichtspunkt Wohltätigkeit durchdekliniert: Gutes tun ist zu wenig, wenn mensch etwas Besseres erreichen kann - die optimalste und effektivste Hilfe gibt es und wir müssen sie mithilfe unseres Verstandes finden. Nicht weniger fordert William MacAskill, der nicht nur ein Buch über den »effektiven Altruismus« geschrieben hat, sondern auch eine Karriereberatung für all jene gegründet hat, die mit ihrer Berufstätigkeit am effektivsten Gutes tun wollen.
 
Allerdings: So ganz unkritisch sind viele Prämissen von Gutes besser tun für mich nicht. Meine wesentlichen Kritikpunkte lauten:

a) MacAskill findet, effektive Altruisten sollten einen Job in Bereichen wie dem Hedgefondsmanagement annehmen, um das damit verbundene exorbitant hohe Gehalt zu großen Teilen gemeinnützigen Organisationen zukommen zu lassen. Auch die Tatsache, dass er nicht für eine generelle Einschränkung des Fliegens ist und die Frage nach einem Konsumverzicht außer Acht lässt, macht mich stutzig. Daran kritisiere ich letztendlich, wie andere KommentatorInnen vor mir, dass somit all jene, die diesen Ratschlägen folgen, ein System unterstützen, das Ungerechtigkeit, Armut und Not erst ermöglicht beziehungsweise verstärkt.  

b) Das Buch richtet sich klar an eine wohlgebildete, potentiell wohlhabende LeserInnenschaft - insbesondere augenscheinlich an Leute, die wie MacAskill selbst an renommierten Universitäten wie Oxford, Cambridge oder Harvard studiert und die sowohl Ressourcen als auch den kulturellen/habituellen Background haben, sich um Wohltätigkeit zu kümmern. Daran ist nichts Schlechtes, im Gegenteil. Gerade diese Gruppe von Menschen, die so viele Privilegien hat, sollte geben. Allerdings werden sich umgekehrt wohl viele, die nicht an den besten Universitäten studiert und die bislang nicht einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften (damit könne mensch laut dem Autor in der Welt viel bewirken) angestrebt haben, von MacAskills Ratschlägen nicht angesprochen fühlen. Von Menschen, die gar nicht studiert haben, ganz zu schweigen (ihre Karrierechancen werden in einem einzigen Absatz lapidar abgehandelt). 

c) MacAskill ist Dualist - er unterstellt vielen WohltäterInnen, auf ihr Herz zu hören anstatt auf ihren Verstand, wenn sie spenden oder sich für einen guten Zweck engagieren. Dagegen möchte er ein rein »rationales« Modell von Berechnungen stellen. Damit führt er den Jahrhunderte alten vermeintlichen Widerspruch zwischen rationalem Denken und emotionalem Fühlen weiter, der von der aktuellen Emotionsforschung in Zweifel gezogen wird. Natürlich ist sein Hinweis, dass wir oft relativ planlos aufgrund von dramatischen Bildern in den Medien spenden, sehr wichtig. Ich zweifle allerdings stark an der Aura der Rationalität, mit der sich der Autor umgibtUm es in alten Dualismen auszudrücken: Zu Entscheidungen gehören immer der Kopf und das Herz und indem MacAskill dies zu leugnen scheint, leidet in meinen Augen wieder die Authentizität.  

d) Wenn wir alle nur nach dem effektivsten Weg schauen, Gutes zu tun - was ist dann mit den Anliegen, die nicht so effektiv sind, wie andere, die aber auch wichtig sind, dass wir uns ihnen annehmen? Eine zufriedenstellende Antwort auf diese zentrale Frage gibt MacAskill meines Erachtens nicht. Sein Argument bleibt letztendlich immer: Nur die Maximalität unseres Helfens ist geboten - zumindest für all jene, die maximal und effektiv Gutes tun wollen. Sich aus Gründen der Effektivität nicht um seltene Krankheiten oder den einzelnen Menschen zu kümmern, auch um denjenigen, den mensch nicht retten kann - da frage ich mich, wie gerecht eine Welt sein kann, in der nur das Maximale zählt.

Mein Fazit: Gutes besser tun eignet sich hervorragend, um die eigene Position zum Thema »Gutes tun« zu finden, zu stärken oder zu überdenken - ob sie nun einfach »gut« oder »besser« im Sinne des effektiven Altruismus sein muss, das muss dann jede/r selbst entscheiden. 

William MacAskill: Gutes besser tun. Wie wir mit effektivem Altruismus die Welt verändern können, Ullstein Verlag, Berlin 2016.

Von Anne-Kathrin