Dienstag, 30. September 2014

Zum Geburtstag eines kleinen Meisterwerks: Louisa May Alcott's >>Little Women<<

Heute vor knapp 150 Jahren veröffentlichte Lousia May Alcott ihr erfolgreichstes Werk: Little Women (1868). Im Deutschen bekannt als Betty und ihre Schwestern gerät es hierzulande, so scheint mir, immer ein wenig in Vergessenheit.

Dabei ist Alcotts Roman charmant, atmosphärisch, gefüllt mit großartigen Charakteren und gewissermaßen zeitlos. Auch zeigt sich hier, dass LeserInnen nicht nur im Internetzeitalter verstärkt Einfluss auf das kreative Schaffen von Schreiberlingen haben: Beim zweiten Teil (damals unter dem Titel Good Wives vermarktet, später mit Little Women in ein zweiteiliges Buch verschmolzen) orientierte sich Alcott nicht allein an ihren eigenen Vorstellungen, sondern auch an den Wünschen ihrer Fans.

Und doch blieb sie sich treu. Denn ihre Charaktere kann man durchaus unkonventionell und feministisch nennen. Ohne zu viel zu verraten: Vor allem was ihre Hauptfigur angeht, hält sich Alcott nicht strikt an die (Liebes-) Romankonventionen ihrer Zeit. Denn obwohl sie sich dazu bewegen ließ, Little Women in eine Liebesgeschichte münden zu lassen, zeichnen sich die Figuren gleichermaßen durch andere Lebensbereiche und -entscheidungen aus: die Beziehungen zwischen den Schwestern, Familie, Selbstverwirklichung, Freundschaften und Nächstenliebe.

Ein toller Roman für die düstere Jahreshälfte
(Foto: Roland Büchter)
Im Zentrum der Geschichte steht Josephine March, die zweitälteste Schwester von vieren, die ihren eigenen, klugen Kopf hat, ihrer Zeit voraus ist und, wie die meisten inspirierenden Romanheldinnen, ein gutherziger Wildfang ist. Meg ist als älteste ernster, braver, identifiziert sich mit der konventionellen Frauenrolle der Zeit, weiß aber auch genau, was sie will. Während Beth sich durch Schüchternheit und Sanftmütigkeit auszeichnet, sieht sich Amy, das Küken, auch mit zwölf schon als richtige Lady und übt sich in Eitelkeit. Sie ist aber auch eine strebsame Künstlerin, während Jo und Beth schriftstellerisches und  musikalisches Talent beweisen.



Alcotts Roman stellt eine Ausnahme dar im 19. Jhd., wo Literatur für heranwachsende Mädchen noch rar war. Alcotts Schreibstil und ihre Geschichte (sie basiert durchaus auf ihrer eigenen Familie) sind sehr warm und herzlich, aber auch sehr authentisch und menschlich. Vor dem Hintergrund des amerikanischen Bürgerkriegs, in dem Vater Robert March als Kaplan in der Union Army dient, erfüllt auch “Marmee” eine Vorbildfunktion, sowohl was ihren eigenen Charakter, ihre Handlungen und Überzeugungen angeht, als auch die Art und Weise, wie sie jede ihrer Töchter ermutigt, sie selbst zu sein und ihre individuellen Persönlichkeiten stärkt.

Nicht jede Geschichte in Little Women geht so aus, wie der Leser es zunächst erwarten mag, und das ist gut so. Auch die männlichen Figuren können, jeder auf seine Weise, die LeserInnen für sich gewinnen. Hier hat Alcott beispielsweise Jane Austen eine Menge voraus, die es nie ganz verstand, ihre Männer zu "dynamisieren". Wem Austen (wie übrigens auch einigen unserer LitClub-Mitgliedern) zu trocken, leblos und nüchtern ist, wird von Betty und ihre Schwestern positiv überrascht sein.

Little Women ist ein engagiertes Buch, das man auch fast 150 Jahre nach seiner Erstpublikation am besten in der Herbst- oder Weihnachtszeit liest, wenn man ohnehin gerne nostalgisch wird, eingewickelt in eine kuscheligen Decke und mit einer Tasse Kakao in der Hand. 

Tipp: Ich bin oft kein Fan von Literaturverfilmungen und vor allem bei Hollywood-Produktionen sehr kritisch, die Verfilmung von Little Women (1994) jedoch schau ich mir immer wieder gerne an!

von Freya 

Freitag, 26. September 2014

Freyas SUB im September

Ich gebe es zu – mein SUB baut sich meist sehr viel schneller auf als ab. Das liegt zum einen daran, dass ich eine furchtbar wählerische Leserin bin und mich selten ein Buch so richtig in seinen Bann zieht. Zum anderen fällt es mir manchmal schwer, zusätzlich zum beruflichen Lesepensum auch noch in meiner Freizeit zu lesen. Außerdem lese ich am liebsten abends im Bett. Das bedeutet, dass ich oft nicht so weit komme, wie ich es gerne würde, bevor ich mit dem Buch in der Hand einschlafe! 

SAB (Stapel angelesener Bücher):  

Zuletzt eingeschlafen bin ich beim ersten Kapitel von 

  • The Luminaries (Eleanor Catton) – ein über 800 Seiten langer Schinken mit kriminalistischen Elementen über den Goldrausch im Neuseeland des 19. Jahrhunderts. Bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt, hat es 2013 den Man Booker Prize mit nach Hause genommen. 
  • The Campus Trilogy (David Lodge) – ein Geschenk meiner Mutter, die beim Lesen herzlich lachen musste. Noch fehlt mir der Zugang, aber ich bin ja auch hier wieder eingeschlafen. 

Foto: Roland Büchter

SUB (Stapel ungelesener Bücher): 
  • The 900 Days: The Siege of Leningrad (Harrison Salisbury) – wieder so ein Schinken. Die über 1000 Seiten gedenke ich bereits seit ein paar Jahren zu lesen, und ich habe mir fest vorgenommen, es noch dieses Jahr zu schaffen!
  • Four Freedoms (John Crowley) – mal was anderes: ein Roman über die Rolle von behinderten Menschen im zweiten Weltkrieg
  • The Color Purple (Alice Walker) – ein Buch von dem ich glaube, dass man es gelesen haben muss. Ob ich recht habe, muss ich natürlich noch herausfinden.
Ich gehöre zu den Menschen, die auch gerne Kinderliteratur lesen. – Ja, auch Bilderbücher! Und deswegen liegen auf meinem Stapel auch: 

  • The Dark (Lemony Snicket) – der deutsche Titel ist “Dunkel”. Ich liebe aber die typische Snicket-Manier, die in ihrer humoristischen Originalität oft nicht gut übersetzt werden kann, und lese Englisches grundsätzlich im Original. 
  • The Adventures of Tom Sawyer/ The Adventures of Huckleberry Finn (Mark Twain) – als Kind habe ich die tolle deutsch-kanadische Fernsehserie rauf und runter geschaut, aber beschämenderweise die Bücher nie angerührt. Das soll sich nun ändern. 
von Freya 

Montag, 22. September 2014

Rezension: >>Kunkku<< von Tuomas Kyrö

Ich bin ein Freund großer Brüste. Das hat mir ein bisschen Ärger eingebracht: Rausschmiss und Scheidung.“ – Ich bin ganz ehrlich, ab diesem Moment hatte der finnische Autor mich für seinen 600 Seiten schweren Roman gewonnen

Die Worte stammen von Kunkku bzw. Kalle XIV. Penttinen, dem letzten König Finnlands, dessen Leben mit den geschichtlichen Ereignissen verwoben ist. Unter der Aufsicht des Hofmarschall wird alles für das Königskind erledigt. Auch Kunkku muss bestimmte Erwartungen erfüllen, doch der sensible Thronfolger will lieber Tennis spielen, später „Verrari“ fahren und Frauen kennen lernen. Chaos ist die Folge. 

Alltagsgegenwart versus Königskind 

Kyrö schafft ein aberwitziges Potpourri aus umgeschriebenen Ereignissen des 20. Jahrhunderts. Nicht Schweden, Finnland ist das neutrale und politisch stabile Land des Nordens, das dem inhaftierten Mao Tse-tung den Königlich Finnischen Friedenspreis verleiht. Und wenn Opfer des Holocaust täglich dem auf der Mauer des Spandauer Gefängnisses stehenden Hitler Trauerreden vorlesen, kann von politischer Korrektheit keine Rede sein. Das finnische Möbelkonzept von EKIA sowie das Olympiabuch von Sir Orwell mit dem Arbeitstitel 1994 sind nur Beispiele der vielen gegenwärtigen Phänomene und popkulturellen Intertextualität, mit denen der Roman spielt. 

Spannend wird der Roman durch seine abwechsenden Erzählstränge – Kunkkus Heranwachsen und die Gegenwart. Letztere ereignet sich ein Jahr nach dem von Kunkuu verschuldeten Zusammenbruch der Monarchie. Inzwischen fast sechzigjährig arbeitet Sozialhilfeempfänger Pena, wie Kunkku sich nunmehr nennt, als Lagerarbeiter im Elektrohandel. Seine Frau ist abgehauen, sein Sohn sitzt im Knast und die depressive Tochter isst den ganzen Tag nur Paprikachips.

Hightlight: Hauptfigur 

Traurig über den Lauf der Dinge sieht Pena sich in der Verantwortung und ist entschlossen, die Dinge anzugehen. Glücklicherweise lernt er die handfeste, gläubige Helen kennen, „Penas Helferin in weltlichen Angelegenheiten“. Denn der ehemalige König hat nie selbständig sein müssen. Sie lehrt ihm, wie eine Bibliothek funktioniert, wie man seinen Liebsten eine Mahlzeit zubereitet und schwierigere Probleme angeht. 

Pena-Kunkku ist das Highlight dieses Romans: voller Fehler, aber herzensgut. Unüberlegt, intuitiv und kindisch – ein Hedonist sondergleichen –, gleichzeitig gefühlvoll, empathisch und völlig uninteressiert am Machtgerangel der Erwachsenenwelt. Und obwohl seine Verführbarkeit durchgehend Schmunzeln bewirkt, ist Pena auch ein tragischer Charakter. Für seine Familie will er nur Gutes, doch bekommt er nichts auf die Reihe, weil er so wenig vom Alltagsleben und den gesellschaftlichen Strukturen versteht.

Doch eines versteht Pena: Dass er nun glücklich ist. Weil er frei und nicht mehr allein ist. Wenn er sagt, dass „alle Tage schon allein deshalb schön sind, weil man am Leben sein darf“, wird deutlich, was ihn bewegt. Er weiß die kleinen Dinge des Lebens zu schätzen. Der Höhepunkt seiner Alltagsfaszination findet sich im vom Sozialamt überreichten „besten roten Jogginganzug der Welt“

Humor und Wahrheit, Satire und Menschlichkeit 

Durch Penas Entwicklung bekommt diese Satire eine tiefere Bedeutung. Inmitten der skurrilen Geschichte finden sich Gedanken über den Umgang mit anderen Menschen und den persönlichen Weg zum Glück. Ironisch, doch überraschend ernsthaft, werden diese Lebensweisheiten einzelnen Figuren in den Mund gelegt. So erkennt Kunkkus Amme, dass man sein Glück „nicht zu weit weg und zu umständlich suchen“ dürfe, und Pena lernt von Helena, dass das Leben „glücklich und traurig zugleich“ sei. 

Manchmal hält die Erzählung inne. So denkt Pena darüber nach, warum es so wichtig ist, als Kind auf den Schoss genommen zu werden. Vielleicht sind diese menschlichen Momente gerade deshalb so bewegend, weil sie im Kontext der Satire stehen, zu der die Erzählung stets schnell zurückkehrt. 

Dieser Roman ist ein Geschenk für die Seele. Er bringt dich zum Lachen und lehrt zwei wesentliche Dinge: Sei glücklich! Die Wahrheit wird dich weiter bringen! Oder um es mit den Worten JFKs zu sagen: „Höre auf Dein Herz. Der Ort des Herzens wechselt allerdings. Manchmal sitzt es im Gehirn. Manchmal in der Seele. Dann wieder im Hodensack. Oft im Bauch. Gib deinem Herzen Nahrung, gib ihm Hamburger.“ 

von Hanna

Freitag, 19. September 2014

Straßenlektüren: Engagement mit Stigma

Schnurr-stracks zum Businesspartner 

Katzen: sehen das Wesentliche
(Foto: Roland Büchter)
Mein Mann ist ein großer Katzenfan. Und neben den Bergen anspruchsvoller Literatur, die unsere Wohnung zum überquillen bringen, liest er auch gerne mal Unterhaltungsromane über Katzen. Ich schenkte ihm also zu Weihnachten A Street Cat Named Bob (deutsch: Bob der Streuer) von James Bowen - was ich eher zufällig entdeckte - ohne zu wissen, was es damit genau auf sich hatte.

Bowen ist ein ehemaliger Drogenabhängiger und Obdachloser aus London. Seit Jahren verdient er sein täglich Brot mit Gitarrespielen in Covent Garden. Als er den Entschluss gefasst hatte, nach zehn Jahren der Verzweiflung sein Leben zurechtzurücken, lief ihm ein kranker rotfelliger Kater zu. Nachdem Bowen ihn gesund gepflegt hatte, wich dieser nicht mehr von seiner Seite. Er folgte James überall hin, leistete ihm beim Musikmachen Gesellschaft. In seinem Buch hält der Katzenbesitzer fest, wie er durch Bob wieder Hoffnung schöpfte, sich ein neues Leben aufbaute und mit seinem Fellknäuel zu einer internationalen Berühmtheit wurde.

Big Issue-Stadt: Edinburgh
(Foto: Roland Büchter)

Street News are a Big Issue!

Wie viele Obdachlose oder Arbeitslose beschloss Bowen, ins Straßenzeitungsverkaufsgeschäft einzusteigen. Die Idee zur Straßenzeitung kam in den 1980ern in New York auf (Street News), um eine Alternative zum Betteln zu bieten. Die erfolgsreichste und erste Straßenzeitung Englands, die auch Bowen verkaufte, nennt sich The Big Issue (TBI). Auch in Deutschland gibt es über 40 Magazine, die sich oft an ihrem Beispiel orientieren. Doch jeder von uns hat schon dankend abgelehnt oder Verkäufer gänzlich ignoriert, wenn sie versuchten, einen Verkauf zu landen. 
 
Aber wieso eigentlich?

Viele Straßenzeitungen (z.B. Biss, München, Hinz&Kunzt, Hamburg, fifty-fifty, Düsseldorf) werden wie TBI von ausgebildeten Journalisten geschrieben und behandeln diverse kulturelle und politische Themen. Einige gestalten Themenhefte (z.B. trott-war, Stuttgart, strassenfeger, Berlin), andere mischen Lokalnews mit Weltgeschehen (draussen, Münster).

Doch Straßenzeitungen kämpfen immer noch mit Stigmatisierung. Viele denken, dass sie sich ausschließlich mit Obdachlosigkeit beschäftigen, andere, dass die Tätigkeit der Verkäufer nicht ehrenwert ist. Was aber Bowen mit seinem Buch gelang, ist, Verständnis zu schaffen: Dafür, dass Straßenzeitungen wichtige Funktionen haben, dass sie interessant sein können, und vor allem, dass sie mit richtigen Jobs verbunden sind. Denn die Zeitungshändler selbst müssen die Magazine erwerben bevor sie sie zu einem festgelegten Preis an einem festgelegten Ort verkaufen dürfen. Selbstständige also, die vom Ertrag ihres Erfolgs leben.

Straßenzeitungen als vielseitige Projekte

Am Rande der Gesellschaft:
Straßenzeitungsverkäufer
(Foto: Roland Büchter)
Straßenmagazine sind engagiert: sie schaffen sozialversicherungspflichtige ArbeitsplätzeBiss hat mittlerweile ein paar Duzent Festangestellte –, rufen Bücherspender-Cafés ins Leben (Hinz und Kunzt), holen Menschen von der Straße und bekämpfen soziale Vorurteile. Sie unterhalten und klären auf. Sie holen armutsgeplagte Menschen aus ihrer Unsichtbarkeit und sozialen Randlage.

Wenn euch also mal wieder eine Parkbank (Braunschweig), ein Donaustrudl (Regensburg), eine Kippe (Leipzig), ein Bodo (Bochum, Dortmund), das HEMPELs (Kiel), das Asphalt-Magazin (Hannover) oder vielleicht sogar eine Big Issue angeboten wird, denkt zweimal nach, bevor ihr vorbeieilt

von Freya


James Bowen: A Street Cat Named Bob. Hodder and Stoughton Ltd., 2012. 
James Bowen: The World According to Bob. Hodder & Stoughton, 2013.
James Bowen: Bob, der Streuner. Bastei Lübbe, 2013.
James Bowen: Bob und wie er die Welt sieht. Bastei Lübbe, 2014. 


http://archiv.nationalatlas.de/wp-content/art_pdf/Band12_114-115_archiv.pdf 
http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/notizbuch/strassenzeitungen-weltweit-biss-jubilaeum-100.html 
http://www.strassenfeger.org/archiv/article/2148.0002.html 
http://www.tagessatz.de/geschichte_der_strassenmagazine.html


Montag, 15. September 2014

lesErLeben ist 4!


Still und unbemerkt - auch von uns, ähem - ist unser Literaturclub 4 Jahre alt geworden! Und zwar schon Mitte August. 

Aber auch mit einem Monat Verspätung möchten wir unseren Geburtstag zum Anlass nehmen, um allen MitleserInnen - ob bei unseren Treffen oder hier auf dem Blog - herzlich Danke zu sagen, für vier wunderbare Jahre Lesefreude!

Und damit geht es auch diese Woche wieder weiter :-)

Freitag, 12. September 2014

Literatur bringt Lebensfreude: Vorlesen im Altenpflegeheim - die dritte!

Letzte Woche waren wir - Sigrid, Julia und ich - wieder einmal zum Vorlesen im Pflegeheim. Wie auch die letzten Male haben wir dabei wieder gemerkt, wie viel der Kontakt zur Außenwelt und zu jungen Leuten alten Menschen bedeutet

Als wir das Heim betraten, saßen unsere Zuhörerinnen schon erwartungsvoll in einer gemütlichen Runde beisammen. Um die sonnigste Jahreszeit auch literarisch ausklingen zu lassen, hatten wir für diesen Anlass Sommer- und Spätsommertexte ausgewählt. Sigrid läutete die Vorleserunde mit einem Auszug aus Astrid Lindgrens Ferien auf Saltkrokan ein, der für die richtige Atmosphäre sorgte - so konnten sich auch unsere Zuhörerinnen fast wie im Urlaub fühlen. Danach lasen wir Gedichte von Goethe, Wilhelm Busch, Christian Morgenstern, Eichendorff und anderen bekannten - sowie einigen weniger bekannten - SchriftstellerInnen. 

Ein bisschen schwedisches Flair mit Ferien auf Saltkrokan
(Foto: Roland Büchter)
Bereits bei Goethes Heideröslein war ziemlich schnell klar, wie viel Freude unser Besuch wieder einmal machte. So unterbrach eine heitere, zierliche Dame schon nach der ersten Strophe mit ihrem zart-zittrigen aber durchaus lebhaften Gesang

Nach dieser unerwarteten aber willkommenen Einlage ging es weiter, und wir bemühten uns natürlich, möglichst laut und deutlich zu lesen. Glücklicherweise hatten wir es diesmal leichter als bei den letzten Treffen, da wir einen Aufenthaltsraum ganz für uns bekamen. Wir hatten dankbare Zuhörerinnen, die sehr konzentriert und interessiert unseren Worten lauschten.

So manch ein Gedicht brachte die Damen zum Lachen, und auch das Pflegepersonal hatte sichtlich Spaß an der Abwechslung. Mittlerweile waren uns einige Gesichter auch schon bekannt, was für Vertrautheit sorgte. Eine richtige Mädelsrunde!

Als die kleine alte Dame, die neben mir im Sessel zu versinken schien, uns mit großen Augen fragte, ob wir ihr schon den nächsten Vorlesetermin nennen könnten, hatte sich die halbe Stunde auch schon wieder doppelt gelohnt. Vielleicht wird beim nächsten Mal ja ein wenig gesungen! Und vielleicht sitzen dann auch wieder ein paar Männer unter uns...

von Freya

Montag, 8. September 2014

Rezension: »Anständig leben« von Sarah Schill

Es ist mal wieder die Zeit im Jahr, in der ich mir Gedanken darüber mache, wie ich eigentlich leben möchte. Das umfasst auch die Frage: Welche Werte sind mir wichtig? Und wie kann ich mein Leben danach ausrichten?

Umwelt- und Tierschutz sowie Gesundheit tauchen immer wieder auf meiner Werte-Liste auf. Das sollten sie eigentlich jeden Tag. Aber wie das immer so ist: Plastikmüll findet man eigentlich total doof, was einem aber erst dann wieder einfällt, wenn man gerade den zweiten gelben Sack für den Monat aus dem Haus schafft.

Seit einigen Jahren werden viele Selbstversuch-Bücher auf dem Markt geworfen: über das Experiment, vegan zu leben, über die Reduktion von Müll, über das SelbstversorgerInnen-Dasein und über die Herausforderung, ein Jahr lang nichts Neues mehr zu kaufen.

Als Gedächtnisstütze für das gute Gewissen und als Motivationsantreiber für gute Taten taugen längst nicht alle. Aber Sarah Schills Buch Anständig leben. Mein Selbstversuch rund um Massenkonsum, Plastikmüll und glückliche Schweine hat auf jeden Fall das Potential, den eigenen Allerwertesten in Gang zu bringen, um die Welt ein bisschen besser zu machen.

Auch wenn Anständig leben in der Tragweite des Experiments nicht so tief geht wie beispielsweise Colin Beavans Barfuß in Manhattan, so hinterlässt das sehr kurzweilige Buch von Sarah Schill nach der Lektüre den Drang, beim Einkaufen und Verzehren doch mal wieder ein bisschen das ethische Gewissen anzuschalten. Denn vor allem das sind ihre Themen: vegane Ernährung und die Vermeidung von Plastikmüll.

Schill beschreibt sehr lesefreundlich und realistisch, was ihr Selbstversuch in ihr auslöst - und auch, welche Reaktionen sie von ihrer Familie und ihrem Umfeld erntet. Was Anständig leben aber nachhaltig macht, ist die sehr kluge Auseinandersetzung der Autorin mit den vielen Vertrickungen, die der Versuch mit sich bringt, ethisch »richtig« zu entscheiden. Denn meist ist es gar nicht so einfach, herauszufinden, was eigentlich ethisch »richtig« ist, und was »falsch«. So führt eine simple Frage wie: Kaufe ich regionale Bio-Milch in der Plastikflasche oder nicht-regionale Bio-Milch in der Glasflasche? bei näherem Hinsehen zu einer Nachmittag-füllenden Recherche- und Denkaufgabe. Dank Sarah Schill lernen wir: Es lohnt sich trotzdem.

Sarah Schill: Anständig leben. Mein Selbstversuch rund um Massenkonsum, Plastikmüll und glückliche Schweine, Südwest Verlag, München 2014.

Von Anne-Kathrin

Freitag, 5. September 2014

Sommerlaune, Lachkrämpfe und ein Stückchen Weltfrieden: Garten-Lesung mit Wladimir Kaminer

Es war schon ein bisschen romantisch an diesem lauen Sommerabend mit seinem blauen Himmel, inmitten von schwer behangenen Apfelbäumen und der unaufhörlich rauschenden Lahn. Die ZuhörerInnen saßen eingemummt auf Picknickbänken während Wladimir Kaminer aus seinen Büchern Mein Leben im Schrebergarten und Diesseits von Eden: Neues aus dem Garten vorlaß und dabei noch allerhand Anekdoten erzählte, über die scheinbar auch die vorbeifliegenden Enten immer wieder herzlich schnattern mussten.

Idyllisch: Apfelbäume und blauer Himmel in Gießen
Wer Kaminers Bücher kennt, dem werden sie nicht zwingend als engagierte Literatur ein Begriff sein, sondern in erster Linie als leichte Kost. Dass Kaminer weiß, wie er sein Talent einsetzen muss, haben die zwei Stunden Entertainment, die er an diesem Abend bot, und die einhergehenden Lachkrampf-erscheinungen deutlich gezeigt. Doch sind seine Werke auch stets eine Gesellschaftsanalyse. Sie leben von kulturellen Vergleichen, nehmen es mit der politischen Korrektheit nicht so genau. Und diese Qualitäten bestimmten auch den Charakter der Lesung.

Nach einer kurzen Einführung von Karina Fenner, der Programmleiterin des Hauptgastgebers Literarisches Zentrum Gießen, begrüßte Kaminer sein Publikum. Und brachte vom ersten Moment an alle zum Lachen. Eine volle Stimme schallte mit kräftigem Akzent über unsere Köpfe und strahlte augenblicklich Charme und Sympathie aus. Es war ein Leichtes, ihm zuzuhören. Und das war auch gut so. Denn es ist unfassbar, was man mit Hilfe einer Schrebergartenmetapher alles für Themen heraufbeschwören kann.

Dafür, dass Kaminer erst durch den Wunsch seiner Frau zum Gärtnern kam, ist seine Liebe dazu beeindruckend groß. In Moskau geboren und seit 1990 in Berlin lebend, hat der Schriftsteller nicht nur zum Thema getextet, er ist dieses Jahr auch Schirmherr beim Berliner Staudenmarkt und hat kürzlich eine europäische Landschaftsgartenreise hinter sich gebracht. »Ich mach' auch Gartenfilme«, kommentierte er seinen Einsatz für Arte und legte sogleich los mit humoristischen und historisch wertvollen Vergleichen verschiedener europäischer Gartenkulturen.

Wladimir Kaminer mit Geschichten über »kriminelle« Kleingärtner
Dafür, dass Kaminer seinen ersten Kleingarten wegen »spontaner Vegetation« und Nichteinhaltung des Bundes-kleingartengesetzes abgeben musste, hat er einen guten Überblick über die Schreber- gartenpolitik. In seinem Lieblingskapitel »Rhabarber« beschreibt er liebevoll seine Außenseiterrolle im Schreber- gartenbetrieb sowie die seiner NachbarInnen, die sich dem Verbot von Nadelbäumen nicht beugen, ihm Eier aus Eigenproduktion für seine Freundschaftsomelettes zur Verfügung stellen oder als selbsternannte WunderheilerInnen die Tierwelt unsicher machen. Geschickt zeichnet er dabei ein Schrebergartenbiotop nach, das der vorherrschenden Mikrodiktatur inklusive »Abfall- und Biotoilettengesetz« und »UNO-Versammlungen« trotzt und dabei zu einer Gemeinschaft zusammenwächst. Von der trennenden Mauer, die durch Straßenbahnschienen ersetzt wurde, bis hin zu dem Lokalstolz der SchrebergärtnerInnen über die eigenen Stasiakten (»sonst ist man nicht mehr Teil der Geschichte«) inklusive KGB-Vergleich mit Papierknappheit-Punchline war alles dabei.

Seine Kleingartenbetrachtungen unterbrach Kaminer regelmäßig mit philophischen Anekdoten zum Tod von Meerschweinchen, Generationskonflikten, der Schwierigkeit des Sprachenlernens und der Feststellung, dass seine Kinder es ihm gerade besonders schwer machten, da es so etwas wie eine »deutsche Pubertät in der Sowjetunion« nicht gab. Für jeden war etwas dabei, und das nicht zuletzt, weil für zwei Stunden jeder von uns irgendwie gleich war: Kaminer schafft es, die Menschen ihre Unterschiede vergessen zu lassen. Die »typisch Deutschen«, die »unsichtbares Unkraut wegbrennen«, auch ohne Fahrräder Helme tragen und als einzige Nation ihren Rhabarber so lieben, dass er sich für ein »Rhabarber-Integrationsprogramm« eignen würde, die Vogelbeerenschnaps-liebenden RussInnen, die ihr giftiges Obst hinter AKWs pflücken, da es dort besonders saftig wächst, die KroatInnen, für die das Meer der einzige Friedhof ist, und die in der Russendisko Zuflucht-suchenden UkrainerInnen sind nicht zuletzt wegen Kaminers sehr familiärem Touch an diesem Abend, nun ja, Familie.

Von Freya 

Wladimir Kaminer: Diesseits von Eden: Neues aus dem Garten. Manhattan, 2013. 
Wladimir Kaminer: Mein Leben im Schrebergarten. Goldmann, 2007.

Montag, 1. September 2014

Rückblick: unsere Themen im August

Wir werfen jeden Monat einen Rückblick auf unsere Posts - und wollen euch so die Orientierung und das Nachlesen unserer Beiträge erleichtern! 


Trotz Sommerferien waren wir im August gefühlt etwas aktiver als im Juli, was die (engagierte) Literatur betrifft - was wir vor allem unserem Literaturclub-Mitglied Freya und unserer Leserin Hanna aus Berlin zu verdanken haben.

Hanna hat das neue Buch der finnischen Erfolgsautorin Sofi Oksanen, Als die Tauben verschwanden, erst hier rezensiert und hat anschließend eine Diskussion mit der Autorin in Berlin besucht - eine Veranstaltung, bei der auch deutliche politische Worte fielen.

Außerdem hat Hanna den Roman Eis der finnisch-schwedischen Autorin Ulla-Lena Lundberg rezensiert, das, so findet sie, von uns LeserInnen unter anderem viel Engagement abverlange. 

Doch wie liest man eigentlich engagiert? Was macht engagierte LeserInnen eigentlich aus? Mit diesen Fragen hat sich Freya befasst und damit mal den Fokus von engagierter Literatur auf engagierte RezipientInnen verlegt.

Freya hat außerdem Dara Horns Roman Die kommende Welt rezensiert, das für sie ein »farbenprächtiges Werk der jüdisch-amerikanischen Gegenwarts- literatur« ist. Und wir hatten im August sogar noch eine Rezension im Programm, und zwar zur Abwechslung mal einen Comic: Wer ist hier die Mutter?, ein engagiertes, feministisches, Werk über eine Mutter-Tochter-Beziehung, hat Jessica sehr gefallen.

Vielleicht habt ihr die Rubrik »Und was liest du so?« schon vermisst - endlich, seit langer Zeit, haben wir mal wieder eine unserer LeserInnen befragen können, was sie am liebsten liest und welche Werke sie uns empfehlen kann. Danke an Marion für ihre Tipps!

Deutlich durchgänger ist unser allmonatlicher SUB-Post, den Anne-Kathrin im August mit uns geteilt hat.

Samstag, 30. August 2014

Anne-Kathrins SUB im August

Seit meinem letzten SUB von Dezember habe ich viele »Altlasten« aus dem alten Jahr mittlerweile - nach immerhin acht Monaten im neuen Jahr - gelesen. Und bin sehr stolz auf mich, dass ich es anscheinend trotz allgemein viel zu tun im Leben doch geschafft habe, auch viel zu lesen.

Mein SUB (= Stapel ungelesener Bücher):

- Fegefeuer von Sofi Oksanen (die Hanna vor kurzem live erlebt hat)
- Wolkenfern von Joanna Bator (darauf freue ich mich schon sehr - ich bin ja großer Fan des Vorgängers, Sandberg, wie ihr wisst...)
- Religion ohne Gott von Ronald Dworkin (vielen Dank an Silvia fürs Ausleihen!)
- Schau heimwärts, Engel von Thomas Wolfe
- The Awakening and Selected Short Fiction von Kate Chopin
- A Writer's Diary von Virginia Woolf
- Die Antwort von Alice Schwarzer
- Herr der Seelen von Irène Némirovsky
- The Ginger Man von J. P. Donleavy
- Bertohold Beitz. Die Biographie von Joachim Käppner
- Über Fotografie von Susan Sontag

Von Anne-Kathrin

Mittwoch, 27. August 2014

Inspiration, politische Brisanz und Kopfkino: eine Lesung mit Sofi Oksanen

Vor zwei Wochen hat Hanna uns bereits Sofi Oksanens neuen Roman Als die Tauben verschwanden schmackhaft gemacht. Um sich auch persönlich von der Autorin zu überzeugen, hat Hanna ihr nun in einer Berliner Lesung gelauscht. 

Paradisvogel: Sofi Oksanen im lcb
Ein seltsamer Anblick war sie schon, die finnisch-estnische Schriftstellerin Sofi Oksanen, wie sie da mit ihren neonfarbig-schwarzen Dreadlocks inmitten des überwiegend grauhaarigen deutschen Bildungsbürgertums saß. Am Montag hatte das Literarische Colloquium Berlin (lcb) zur Buchpremiere von Oksanens neuem Roman Als die Tauben verschwanden geladen. 1963 in einer wunderschönen alten Villa am Wannsee gegründet, versteht sich das lcb als Veranstaltungsforum und Gästehaus, Arbeitsstätte und Talentschmiede für Autoren und Übersetzer. Hier haben schon Tagungen der Gruppe 47 stattgefunden. Und dementsprechend war die Atmosphäre leider auch. Ein bisschen veraltet eben. 

Der Autor und Übersetzer Joachim Kalka führte mit einer solch monotonen Stimme und gestelzten Sprache durch den Abend, als kämen sie direkt vom Antikhändler. Dabei waren seine Thesen und Fragen an die Autorin alles andere als doof. Den Einstieg fand er mit der politischen Brisanz des Romans. Als die Tauben verschwanden erzählt von Estland im Zweiten Weltkrieg und in den 60er Jahren, wechselweise unter der Besatzung der Sowjets und der Deutschen. Dabei dreht sich vieles um den damaligen Einfluss der Sowjetunion auf Estland. Sofi Oksanen zog Parallelen zu dem aktuellen Ukraine-Konflikt und sprach von „postmodernem Zirkus russischer Propaganda“. Als sie vor zehn Jahren angefangen habe Romane zu schreiben, habe Russland bereits eine neue politische Haltung gehabt, so Oksanen. Doch sei nicht abzusehen gewesen, wie aktuell das Thema im Jahr 2014 sein würde. 

Es fehlte an jungen Zuhörern
Weiter ging es mit der Vorstellung des Buches, seiner Struktur, Fragen zu den Charakteren und der Rolle Estlands in der EU. Oksanen verlor sich manchmal in ihren Antworten, zum Beispiel über die Verwendung der Begriffe „Nazi“ und „Faschist“ in Estland, gab aber auch viel Interessantes zu ihrer Arbeit preis. So erzählte sie, dass sie sich bei dem Protagonisten Edgar von einer historischen Figur hatte inspirieren lassen, die im Auftrag des KGB denunziatorische Werke über Estland schrieb, und wie sie eine Liebe für diesen Opportunisten entwickelte: „Es ist um einiges faszinierender, über hässliche Charaktere zu schreiben.“ 

Vorgelesen wurde von der Schauspielerin Anna Thalbach und es hat Riesenspaß gemacht, ihr zuzuhören - nicht nur wegen der willkommenen Abwechslung zu den Moderationen. Man musste nicht einmal die Augen zumachen und das Kopfkino spulte trotzdem los. Wäre nicht das staubtrockene und überholte Verständnis des Moderators von Kultur gewesen, hätte dieser Abend richtig lustig sein können. Dann wären vielleicht auch Zuhörer unter sechzig gekommen. Denn auf der Bühne saß eine höchst interessante Frau mit sehr speziellen Interessen und Meinungen, die sich selber gut zu inszenieren wusste – allerdings immer mit einer Armlänge Distanz. Auf die Frage hin, ob Oksanen etwas über ihren vierten Roman des „Estland Quartetts“ verraten könne, sagte sie nur: „Nein, absolut nicht.“ 

von Hanna 

Sonntag, 24. August 2014

Rezension: »Die kommende Welt« von Dara Horn

Dara Horns Roman Die kommende Welt ist ein farbenprächtiges Werk der jüdisch-amerikanischen Gegenwartsliteratur, dessen Geschichte sich über mehrere Jahrzehnte, Orte und Generationen einer Familie – den Ziskinds – erstreckt. Dabei wechselt die Autorin zwischen Erzählperspektiven hin und her und lässt verschiedenste Genres mit einfließen. Dennoch schafft sie es, ihrem Werk eine in sich stimmige Form zu geben.

Im Zentrum steht Benjamin, frisch geschieden und mißmutig angesichts beruflicher Unterforderung und privater Strapatzen. Alles beginnt sich jedoch zu wandeln, als in einer New Yorker Kunstgallerie seine Kindheitserinnerung wachgerüttelt wird. In der Überzeugung, Chagalls Über Witebsk hätte früher im Hause seiner Eltern gehangen, beschließt er, es zu stehlen. Die Museumsangestellte Erica ist ihm bald auf den Fersen und so überredet er Zwillingsschwester Sara, das Gemälde zu fälschen. Während Erica ihrer Detektivarbeit nachgeht und gleichzeitig dem Dieb näherkommt, werden Horns Leser in die verschiedensten Ecken der Familiengeschichte entführt.

So erleben wir zunächst, wie Bens Großvater in den 20er Jahren in einem sowjetischen  Waisenhaus, in dem Chagall unterrichtet, in den Besitz des Gemäldes kommt. Horn führt uns anschließend immer weiter in die Gegenwart, springt dabei zwischen Ben und Saras Realität und der ihrer Vorfahren hin und her. Dass sie sich der Chronologie entzieht, erhöht nicht nur die Spannung, es verdichtet auch die Verknüpfungen zwischen den Figuren und somit die Frage der jüdischen Identität.

Briefmarke mit Chagalls Über Witebsk -
die heimatlose, verlorene Seele des Luftmenschen
(Quelle Wikipedia)
Nicht nur die historischen Rückblicke, sondern auch die von Horn eingeflochtenen jüdischen Volksmärchen und die Bedeutung der Kunst und des Schreibens fügen der modernen Erzählebene etwas Besonderes hinzu. Den Horror des Vietnamkrieges vermittelt Horn genauso treffend wie an anderen Stellen die Folklore-Elemente. 


Ist einem die jüdische Kultur ein wenig vertraut, überrascht es nicht, dass diese Volkserzählungen einen oft zum Schmunzeln bringen: diese Welt, in der man Literatur trinken kann, himmlische Ohrfeigen einen das allumfassende Wissen aus dem Paradis vergessen lassen und Engel sich per Fingerabdruck unter unseren Nasen verewigen, liegt der Autorin am Herzen. Denn diese Geschichten über Ewigkeit und Sinnfindung sind zum Großteil in Vergessenheit geraten – Dara Horn lässt sie hier bewusst wieder aufleben. Ebenso setzt sie mit Chagalls Freund, Der Nister der seine Manuskripte in Leinwänden versteckt ein Denkmal für jüdische Schriftsteller, deren Talente durch den Verlauf der europäischen Geschichte überschattet, zerstört und begraben wurden.

Die kommende Welt engagiert sich also vor allem im Bereich jüdische Kulturgeschichte. Zwar wirken der Anfang des Romans und auch Ben zunächst ein wenig blass, aber spätestens mit Großvater Boris ändert sich dies. Die Tatsache, dass Vietnam-Veteran Daniel, Flüchtling Leonid und auch die beiden weiblichen Hauptfiguren dem Roman mehr Pepp geben als Benjamin, stört angesichts der Mannigfaltigkeit wenig. Der Roman ist nostalgisch, aber nicht altmodisch, mal verspielt, mal schockierend realistisch, aber vor allem erfrischend. Ihren hin und wieder seicht-sentimentalen Ton setzt Horn meist gezielt ein, nur selten droht sie, in den Kitsch abzudriften.

Horns zweiter Roman ist mutig: Die Suche nach Identität, diverse historische Geschehnisse und die Bedeutung von Kunst, Familie, Kultur, Leben und Tod unter einen Hut zu bringen, ist ihr bemerkenswert gut gelungen

von Freya  

Dara Horn: The World to Come. W W Norton & Co., 2006. 
Dara Horn: Die kommende Welt. Berliner Taschenbuch Verlag, 2007.
 

Mittwoch, 20. August 2014

Rezension: »Wer ist hier die Mutter? Ein Comic-Drama« von Alison Bechdel

Vielleicht sollte am Anfang dieser Rezension eine Warnung stehen. Alison Bechdels autobiographisches Comic-Drama Wer ist hier die Mutter? über eine Mutter-Tochter-Beziehung hallt lange nach. Besonders in Töchtern und Müttern von Töchtern, die sich beim Lesen auf das Gefühl des Wiedererkennens gefasst machen können.

Die Heldin Alison hat eine Schreibkrise, über die sie mit ihrer Therapeutin spricht. Es geht um ihre Mutter:
»Ich kann dieses Buch nicht schreiben, wenn ich meine Mutter nicht aus dem Kopf kriege. Aber ich kriege sie nur aus dem Kopf, wenn ich dieses Buch schreibe.«
Die Schreibkrise steht am Anfang des Buchs und markiert somit gleichzeitig ihre Überwindung: Das Schreiben über die Krise und die Gespräche mit ihrer Therapeutin machen es möglich, dass Alison sich mit der konfliktbeladenen Beziehung zu ihrer Mutter auseinandersetzen kann. Die Geschichte der Mutter-Tochter-Beziehung ist dabei gleichzeitig die Geschichte von Alisons eigener Psychoanalyse. Eine Psychoanalyse ist (auch) Erinnerungsarbeit und so versucht Alison die losen Fäden ihrer Erinnerung an ihre Kindheit und ihre (gescheiterten) Beziehungen sowie die aktuellen Konflikte mit ihrer Mutter zu einem Ganzen zusammenzuweben. Die schwarz-weiß-rot gehaltenen Zeichnungen werden dabei immer wieder unterbrochen von Textdokumenten, aus denen Alison zitiert: hauptsächlich den Werken des Psychiaters Donald Winnicott und Virginia Woolfs. Hier greift auch das Medium des Comics besonders stark, denn Bechdel verbindet die zitierten Passagen mit der Darstellung von Alltagsszenen zwischen Alison und ihrer Mutter. Durch diese Übereinanderlegung entsteht eine völlig neue weitere Bedeutungsebene. Es wirkt, als könnte man direkt in Alisons Kopf schauen und auf ihre Erinnerungen und Gefühle zugreifen, während sie über einen Text Winnicotts nachdenkt.

Wer ist hier die Mutter? (im Original im Übrigen: Are you my mother?) berührt auch die generationenübergreifenden Verletzungen, die von Müttern auf Töchter übertragen werden. An einer Stelle fragt die Teenager-Alison ihre Mutter:
»Was ist das wichtigste, was du von deiner Mutter gelernt hast?« Die antwortet sofort:»Dass Jungs wichtiger sind als Mädchen.« Die von Alison so sehnsüchtig gewünschte Anerkennung ihrer Mutter ist dieser bereits ebenfalls verwehrt worden. Dieser Aspekt der Mutter-Tochter-Beziehung macht Wer ist hier die Mutter? nicht zuletzt zu einem feministischen Text.

Mein Fazit: 
Wer ist hier die Mutter? ist absolut lesenswert, ein unglaublicher kluger, ehrlicher, bewegender Comic.

Alison Bechdel: Wer ist hier die Mutter? Ein Comic-Drama. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2014.

Von Jessica