Freitag, 3. Juli 2015

Jessicas SUB im Juni

Ich lese zur Entspannung unglaublich gern Jugend- oder Fantasy-Bücher. Nachdem ich aber die letzte Fantasy-Reihe beendet hatte (Andrzej Sapkowski: Der letzte Wunsch; sehr zu empfehlen!), konnte ich nichts finden, dass ich ähnlich reizvoll fand. Nach ein paar Wochen des Herumlesens probiere ich deshalb etwas für mich komplett Neues: ich lese Science-Fiction. Ich bin ein großer Science-Fiction-Serien und Film-Fan, habe aber noch nie was aus dem Genre gelesen. Womit ich begonnen habe (und was ich ergänzend lese), seht ihr unten in meinem SAB. Julias Tipp vom Mai (Ann und Jeff Vandermeer (Ed.): The Time Traveller’s Almanac: The Ultimate Treasury of Time Travel Stories) werde ich mir auch gleich besorgen. Wenn ihr weitere Tipps habt, immer sehr gern her damit!

SUB (= Stapel ungelesener Bücher)
- Paul Auster: Reisen im Skriptorium.
- Billie Holiday: Lady sings the Blues. Autobiographie
- Nina Simone (with Stephen Cleary): I put a spell on you. Autobiography

SAB (= Stapel angelesener Bücher) 
- Ann Leckie: Die Maschinen. Ein Roman aus der fernen Zukunft. 
- Stanislaw Lem: Solaris.
- Stephen Hawking: Die illustrierte kurze Geschichte der Zeit.
- J.P. McEvoy & Oscar Zarate: Quantentheorie. Ein Sachcomic. (Anne-Kathrin hatte das schon mal hier rezensiert.)
- Gretchen Rubin: Better than Before. 
- Yasmina Khadra: Worauf die Affen warten.

Freitag, 26. Juni 2015

Rezension »Israel. Soziologische Essays« von Eva Illouz


Mit Texten von Eva Illouz hatten wir uns schon häufiger beschäftigt, bisher immer mit dem Fokus auf ihren Werken zu Liebe und Beziehungen im Kapitalismus. Doch Illouz ist auch eine engagierte Bürgerin Israels, die immer wieder Artikel zum aktuellen politischen und gesellschaftlichen Geschehen schreibt.
Im vorliegenden Band sind insgesamt 14 Essays von Illouz zusammengestellt. Alle Beiträge erschienen zwischen 2012 und 2014 in der israelischen Tageszeitung Haaretz und nur drei wurden bereits in Frankreich oder Deutschland veröffentlicht. 

Sie beginnt mit einem Essay über die Frage, ob man ein/e jüdische/r Intellektuelle/r sein kann, verstanden als eine Person die Distanz zu ihrer nationalen oder religiösen Identität hat, um der Gesellschaft einen moralischen Spiegel vorhalten zu können. Denn häufig wird ihnen vorgeworfen es fehle ihnen ‚Ahabath Israel‘, der Liebe zum jüdischen Volk und der jüdischen Nation, die Solidarität mit allen Handlungen Israels geradezu zwingend fordert. Doch gerade hier finde Illouz sollten Intellektuelle dies nicht unhinterfragt lassen, sondern sollten daran arbeiten die Bedingungen für Solidarität zu beleuchten und jeden falschen Schein als solchen entlarven.

Illouz beschäftigt sich daher auch mit der Frage, ob Israel zu jüdisch ist. Sie macht deutlich, dass mit einer aufgezwungenen staatlichen Orthodoxie nicht nur Nicht-Juden, sondern auch säkulare und nicht-ultraorthodoxe ausgeschlossen werden. Deshalb unterstützt sie auch die Bemühungen ‚israelisch‘ und nicht ‚jüdisch‘ als Nationalität israelischer BürgerInnen anzuerkennen. Sie fordert damit nicht den jüdischen Hintergrund des Staates zu nehmen, sondern die Religion zu entpolitisieren und ihr die ‚Heiligkeit‘ zurückgeben.
Damit könnte auch die extreme soziale Ungleichheit innerhalb des Staates angegangen werden, die sich in den Protesten 2011 deutlich gezeigt hat und in ‚feudalen‘ Regeln begründet liegt, so Illouz. Trotz der überaus friedlichen Proteste, die auf Konsens und Ausgleich angelegt waren, konnte sich hier eine extreme nationale Rechte positionieren, die fundamentale Prinzipien von Demokratie, Wohlfahrts- und Rechtsstaat untergraben wollen. Daher versucht Illouz auch eine Rückbesinnung auf die historische Entwicklung der Linken, mit ihre grundlegenden Rahmen der Freiheit und Gleichheit alles, um diese Bezeichnung nicht länger als Schimpfwort durchgehen zu lassen.
Eine weitere Ungleichheit, die sie benennt ist die Diskriminierung anhand ethnischer Zugehörigkeit. Illouz beschreibt neben der Diskriminierung von Arabern und Nicht-Juden auch die Diskriminierung von Mizrachim, Juden die aus Asien, dem Nahen Osten, arabischen und anderen muslimischen Ländern stammen, durch Juden europäischer Herkunft (Aschkenasen) und der iberischen Halbinsel (Sepharden)
Als eine weitere Ursache für die Verschleierung von sozialen Problemen kommt sie wieder auf die unhinterfragte Solidarität mit dem Staat zu sprechen. Diese wird nicht nur durch den beim Militär erlernten Gehorsam unterstützt, sondern auch durch ein gesellschaftliches Narrativ der Trauer. Eine solche nationale Trauergemeinde, die rückwärtsgerichtet und handlungspolitische eingeschränkt ist, da Trauer nicht gestört werden darf. Sie kann aber kein tragfähiges Konzept für die Zukunft bilden. Doch genau das benötigt Israel nach Illouz und sie möchte daher eine Nation der Hoffnung, als die Israel gegründet und gedacht wurde, entgegensetzen.

Insgesamt sind die Essays sehr interessant und man erfährt viel zu Israels innergesellschaftlichen Entwicklungen, die häufig in den Medien nicht präsent sind. Man merkt, dass Illouz geprägt ist durch ihr Leben in Frankreich und dessen republikanische Grundlagen, was sie auch selbst betont. Sie vergisst dabei aber nicht die besondere Position in der sich Israel befindet, mit der ständigen Bedrohung seiner Existenz. Sie lässt auch schon zu Beginn des Buches keinen Zweifel daran, dass Juden das Recht auf eine Nation haben, aufgrund der Historie auch ein größeres moralisches Recht dazu als andere. Ziel ihrer Überlegung ist vor allem eins: Illouz kämpft für einen funktionierenden  israelischen Staat, der für alle seine BürgerInnen ein Gemeinwesen bietet. Und diese Forderung kann man nur unterstützen. 

Eva Illouz: Israel.Soziologische Essays, Suhrkamp Berlin 2015

von Julia 

Montag, 22. Juni 2015

Stimmen zur Lesung und Diskussion mit Laurie Penny


Wir freuen uns noch einige Stimmen unserer Mit-/Leserinnen zur Lesung und Diskussion mit Laurie Penny hier veröffentlichen zu können:

‚Wer so schnell denken und anregende Ideen zu fast allen erdenklichen Themen parat zu haben scheint, muss (!) sich nicht nur mitteilen, sondern darf gern sogar noch lauter sein.
Laurie Penny beeindruckte mich vor allem dadurch, dass sie aus der öffentlichen Kritik um ihre Person das einzig richtige macht,  namlich Kraft und Motivation zu schöpfen. Nebulöse Halbwahrheiten sucht man bei ihr vergeblich;  lieber denkt sie auch im Sekundentakt scheinbar 'unangenehme' Gedanken laut. Da sie so unkompliziert mit den Anwesenden in den Dialog ging, war man fast versucht sie nach der Lesung auf ein Bier einzuladen. Wäre sicher interessant geworden.‘ Steffi 

‚Ich fand die Veranstaltung sehr inspirierend aus mehreren Gründen:
- Habe festgestellt, dass jeder von uns oben hätte sitzen können und etwas dazu sagen können. Dass wir Frauen uns aber oft nicht trauen, weil wir, wie Penny sagte, meinen erst einen Abschluss haben zu müssen, um eine Meinung äußern zu können
- Frauen bei der Veranstaltung einen enorm hohen Bildungsstand hatten-glaube kaum, dass einer der Arbeiterfrauen sich getraut hätte, selbst wenn sie gut Englisch gesprochen hätte.
- Ich immer noch nicht verstehe, warum Frauen sich nicht gegenseitig unterstützen, sondern sich Steine in den Weg legen und niemand den anderen so leben lässt, wie er/sie es für richtig hält, denn es gibt nicht die eine richtige Lebensweise, die man befolgt und dann ist alles gut
- Ich festgestellt habe, dass ich eine tolle Partnerschaft habe, in der ich keinem sagen muss, was er zu tun hat, denn es ist selbstverständlich, dass wenn man zusammen lebt, man Pflichten und Freiheiten teilt
- Ich mir gewünscht hätte, dass mehr Zeit für einen echten Dialog gewesen wäre, denn alle Zuhörer haben nur einzeln Kommentare gegeben, aber dann ist keiner nochmal auf das Gesagte eingegangen, sondern es wurde ein neues Thema besprochen
- Was ich daneben fand, dass die Männer runtergeputzt wurden, die einen Beitrag gaben, denn die wenigen waren auf unserer Seite und werden meiner Meinung nach durch solche Aussagen verscheucht und geben die Botschaft weiter: Ich wollte mich beteiligen, aber mich hat keiner ernst genommen und die Weiber sind doch so doof, wie behauptet wird -> so entsteht kein Dialog zwischen Mann und Frau.‘ Eine Teilnehmerin

'Mir hat das Autorinnengespräch mit Laurie Penny gut gefallen. Ich finde es toll, wie engagiert und konsequent sich Penny, die ja in unserem Alter ist, für die "großen Fragen" Feminismus, Gerechtigkeit und das gute Leben einsetzt. Darin hat sie mich mitgerissen und bestärkt, dass das es keine wirkliche Alternative zu dem Wagnis gibt, sich dem grellen Licht der Öffentlichkeit auszusetzen, um gehört zu werden. Darin ist die unheimlich kluge und offene Feministin ein tolles Vorbild.
Allerdings stimme ich anscheinend nicht ganz mit Pennys Sichtweise zum Dialog zwischen den Geschlechtern überein. Sie hat sehr deutlich gemacht, dass gewisse Dialoge erst einmal reine Frauensache sind und bleiben sollten. Ich kann dieser Haltung zwar bis zu einem gewissen Grad etwas abgewinnen, bin aber trotzdem der Ansicht, dass nun grundsätzlich umgekehrter Ausschluss (d. h. Männer sollen nicht bei allen feministischen Themen mitreden dürfen) nicht zum gewünschten Ergebnis - einem gerechten und respektvollen Miteinander - führt.‘ Anne

Donnerstag, 18. Juni 2015

Lesung und Diskussion mit Laurie Penny am 12.06. in Frankfurt am Main


»For men love is a reward they get for their work, for women love is work.«
»Some of my best friends are men.«
»That is a very personal question, but I will try my best to answer it.« 
Laurie Penny

Diese Sätze lassen erahnen, dass die Lesung und Diskussion am 12.06. mit Laurie Penny in Frankfurt a.M. lustig, ernst, persönlich und vor allem hochinteressant war. Die Veranstaltung war eine Buchvorstellung und Diskussion mit Marie Schmidt, Redakteurin der ZEIT. Nach einer Einführung zur Autorin, las Penny ein Stück aus dem Kapitel „Liebe und Lügen“ aus ihrem Buch »Unsagbare Dinge«, aus dem das erste der oben angeführten Zitate stammt. In der anschließenden spannenden Diskussion mit Schmidt und dem Publikum konnte viele von Pennys Ansichten vertieft werden.

 
Eines der zentralen Ergebnisse von Pennys Gesellschaftsanalyse ist dass Männer und Frauen ‚loveable‘, das heißt begehrenswert, sein müssen. Für Frauen ist dies jedoch harte Arbeit und bedeutet ein ständiges Ausbalancieren zwischen gut sein, aber nicht besser als ein potentieller Partner. Sollten sie das nicht schaffen, sind sie zu einem Leben in Einsamkeit verurteilt und Gespött ausgesetzt, alte Jungfer etc.. Außerdem sind Frauen durch die begrenzte Zeit in der sie Mütter werden können oder werden sollen, einem enormen Druck von außen ausgesetzt sich diesem Regime zu unterwerfen. Trotz der mannigfaltigen Möglichkeiten zur Kontrolle der Fortpflanzung, die im Gegensatz zu den ersten Verhütungsmitteln befreiend sein kann, werden Diskussion über ‚zu alte Mütter‘, das Einfrieren von Eizellen und Abtreibung geführt. Penny fordert statt dessen Diskussionen über ‚forced birth‘ und über Leihmutterschaft, die viel angemessener und drängender sind.
Männer dagegen haben die Freiheit zu warten und lagern viel der – natürlich unbezahlten - Familienarbeit an Frauen aus. Während Männer neben der wirtschaftlichen Arbeit viel persönliche Zeit haben, wird diese Zeit bei Frauen von Familienarbeit eingenommen. Dabei werden sie ständig von außen kontrolliert. Frauen können in diesem System nicht gewinnen, sondern müssen alle Ängste und Sorgen sowohl für die Partnerschaft und für Kinder und Schwangerschaften tragen. Daran etwas zu ändern ist schwer, denn es gibt enorme Widerstände und einen regelrechten Rückschlag im Bereich der Emanzipation. Denn hier steht durchaus viel Macht auf dem Spiel, die durch die soziale Kontrolle von Reproduktion immer noch ausgeübt werden kann.
Unbestritten ist es auch für viele Männer in der Gesellschaft nicht einfach, sie dürfen keine Gefühle untereinander zeigen. Doch da bedeutet sämtliche emotionale Arbeit muss von Frauen erledigt werden. Es fehlen akzeptable Vorbilder verletzlicher Männer: ‚If you had James Bond in your circle of friends, you would advise your friends to stay away from that guy, he kills people.’ (Penny). Trotz dieser Entwicklung hat bisher kein Mann ein Buch darüber geschrieben, weshalb Penny derzeit an einem Buch zum Thema arbeitet. Dazu hat sie um Rückmeldungen von Männern gebeten und auch bereits sehr viele Zuschriften erhalten. Darunter viele emotionale Zuschriften und Dinge die Männer nicht untereinander oder in der Öffentlichkeit ausdrücken können, z.B. Erfahrungen sexueller Gewalt.
Unterschätzt wird besonders im Bereich Sexualität der Anteil sozialer Konstruktion. Diese wird als natürlich-biologisch fundiert angesehen, obwohl die Gesellschaft definiert was sexy ist. Leider wird Feminismus häufig mit einer negativen Einstellung gegenüber Sex verbunden. Es ermöglicht ein einfaches Feindbild, das in den Medien gut verwertbar ist. Feminismus wird reduziert auf die Ansicht, dass Sex schlecht für Frauen sei, dabei sollte es eine Diskussion um die notwendige sexuelle Befreiung von Frauen (und Männern) geben. Denn trotz ‚Sex and the City‘ ist Sex weiterhin für viele Frauen nicht frei. Seit dem Erscheinen der Serie gab es keine Entwicklung: es existiert auch weiterhin kein populäres Narrativ in der Frauen Sex haben und nicht erleiden. Es bleibt dabei, dass „gute“ Frauen Sex wollen, aber nur die „Schlechten“ Sex haben. Besonders deutlich wird dies in der Sexualisierungsdebatte, der sowohl von Konservativen als auch von einigen Feministinnen geführt wird. Der Mythos des jungen reinen Mädchens wird beschworen, dass durch die Medien unvermittelt sexualisiert wird.
Aufgrund dieser stereotypen medialen Repräsentation von Feminismus besteht immer die Gefahr, dass man in das Klischee der Rache-Feministin hineingedrängt wird. Penny sieht dies jedoch auch als Chance und schlägt eine ‚Unterwanderung‘ des Mainstreamfeminismus vor, um neue Ideen in die Öffentlichkeit zu bringen und damit eine neue Entwicklung anzustoßen. Auch wenn sie erschreckend viel Hass für ihre Vorstellung einer gesellschaftlichen Gleichheit aller abbekommt, steht sie weiterhin in der Öffentlichkeit und arbeitet an dieser Entwicklung. Sie versucht den Fokus auf die positiven Zuschriften die sie erhält und die daraus entstehenden Netzwerke zu richten.
Natürlich gibt es auch viele Männer die gerne an einer neuen Gesellschaftkonzeption der Geschlechter-gerechtigkeit mitarbeiten wollen, fühlen sich aber vom feministischen Diskurs ausgeschlossen. Penny rät diesen Männern dazu erst mal zuzuhören und sich klar zu machen, dass Frauen diese Erfahrung bei allen Themen außer der feministischen Diskussion machen.

Trotz dieses recht langen Berichts (danke an alle die bis hierher durchgehalten haben) war die Zeit viel zu schnell um. Man hätte gerne noch viel länger und intensiver mit dieser beeindruckenden Laurie Penny diskutiert, stellte sich dann aber doch einfach fürs signieren an.

von Julia

Donnerstag, 4. Juni 2015

Ankündigung: Lesung von Laurie Penny am 12.06. in Frankfurt am Main

Vor kurzem haben wir hier Laurie Pennys neues Buch »Unsagbare Dinge« rezensiert. Nun bietet sich die Möglichkeit mit der Autorin persönlich zu diskutieren. Am 12.06. um 20 Uhr wird sie in Frankfurt am Main zu einer Buchvorstellung im Gespräch mit Marie Schmidt, Redakteurin der ZEIT, zu Gast sein. Die Veranstaltung wird in englischer Sprache stattfinden und verspricht sehr interessant zu werden. Falls einige von Ihnen/Euch auch Zeit und Interesse haben, würden wir uns freuen mit Euch zusammen mit Laurie Penny an der Veranstaltung und später hier auf dem Blog zu diskutieren. Weitere Informationen findet Ihr auf der Seite des Verlags und der ZEIT.

Freitag, 29. Mai 2015

Julias SUB im Mai


Hin und wieder mache ich mir Sorgen, ob meine Bücherstapel nicht umfallen alles unter sich begraben. Derzeit ist nicht die Anzahl der Bücher das Problem, sonder das einige sehr seitenstarke Exemplare dabei. Natürlich hindert mich das nicht daran noch weitere Bücher und Lesetipps auf meine Liste oder den Stapel aufzunehmen. Die Anregung für Conan Doyle habe ich schon aus Sigrids SUB übernommen und freue mich schon darauf mich mit ihr dazu auszutauschen. 

SUB (= Stapel ungelesener Bücher) 
- Anne Brontë: Agnes Grey 
- Arianna Hufington: Die Neuerfindung des Erfolgs. Weisheit, Staunen, Großzügigkeit – was uns wirklich weiterbringt 
- Ian McEwan: Solar 

SAB (= Stapel angelesener Bücher) 
- Arthur Conan Doyle: The Complete Novels and Stories Volume I (Die 1000 Seiten sind vollgepackt mit tollen Fällen und dann folgt Band 2)
- Kathryn Stockett: The Help 
- Ann und Jeff Vandermeer (Ed.): The Time Traveller’s Almanac: The Ultimate Treasury of Time Travel Stories (800 Seiten Zeitreisen, vom bekannten Klassiker bis hin zum Geheimtipp sind die besten Geschichten versammelt)

von Julia

Dienstag, 26. Mai 2015

»Und wie seht ihr das?« - »Erklärt Pereira« von Antonio Tabucchi, Teil II

In unserer Rubrik »Und wie seht ihr das?« wollen wir euch unsere Literaturclub-Treffen näher bringen: In Interviewform werden wir euch Fragen und Meinungen präsentieren, die wir so in geselliger Runde an- und ausdiskutiert haben und so gleichzeitig auch die Werke besprechen, die wir lesen.

Ist Pereira eine politische Figur, bzw. seine Wandlung im Laufe des Romans glaubhaft?
Freya Pereira ist vielleicht zunächst das, was viele Menschen in der Gesellschaft sind. Er möchte sich eigentlich aus allem möglichst heraushalten, keinen Ärger haben und keinen Ärger machen, aber in ihm klopft das Gewissen an, seine Moral, seine Menschlichkeit und die Tatsache, dass politisches und privates aufeinanderprallen. In Pereiras Fall  verleitet ihn dies letztendlich dazu, zu einem politisch-handelnden Menschen zu werden. Glaubhaft finde ich das auf der einen Seite schon, da Pereira für mich eine sehr erfolgreich dargestellte Romanfigur ist. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich immer noch so denke, wenn ich Pereira gedanklich in die reale Welt versetze. Es wirkt am Ende ein wenig so, als würde Pereira aus sich selbst heraustreten, vielleicht auch aus der Erzählung heraustreten, und das phlegmatische, Omelette- und Zuckerlimonade-liebende Ich, was wir zuvor die ganze Zeit erlebt haben, zurücklassen. Im Rahmen der Fiktion finde ich das glaubhaft, aber vielleicht nicht unbedingt realistisch.

Johannes Pereira ist für mich nicht eindeutig politisch in seinem Handeln. Am Anfang des Buches ist er betonend apolitisch, und sein späteres Handeln, insbesondere am Ende des Buches ist meiner Meinung nach vor allem von einem Drang nach Freiheit motiviert, insbesondere Freiheit der Kultur und der Presse. Unter den Umständen Portugals zu seiner Zeit ist dies natürlich sehr politisch.

Julia Für mich ist Pereira ein sehr gutes Beispiel einer Figur, die im Laufe der Handlung zu einer politischen Figur wird. Es wird ziemlich nachvollziehbar deutlich, wie eine Person, die sich selbst für unpolitisch hält, aufgrund der Umstände und den Ereignissen, der sie sich nicht verschließen kann, sich politisiert. Es ist ein interessantes Beispiel für die mutige Tat eines Einzelnen, der mit den Gegebenheiten nicht mehr leben kann. Sein Akt des zivilen Ungehorsams steht beispielhaft für die Taten von vielen in Portugal, die leider nicht gewürdigt wurden (konnten).

Sigi Ich glaube, er ist von Anfang an eine politische Figur. Auch wenn er es zu Beginn nicht wahrhaben oder offen zugeben möchte. Es ist ein Buch, das wunderbar zeigt, dass sich kein Bürger dem politischen Leben entziehen kann. Aufgrund der Form kann man aber auch nicht genau sagen, ob er sein Engagement verschweigt und herunterspielt, sich also in einem möglichen Verhör herausredet, oder ob er tatsächlich so absichtlich wenig involviert ist und wirklich versucht hat, sich trotz der Konfrontationen herauszuhalten. Das bleibt offen und dem Leser überlassen…ich glaube, auch aufgrund der Form, dass er von Beginn an politischer war, als er selbst beschreibt.

Was mochtet ihr besonders/gar nicht an dem Buch?
Freya Den Erzähl- und Schreibstil, die kuriosen Angewohnheiten der Hauptfigur, den Feinsinn des Autors, mit dem er dem Leser die politische Botschaft nahebringt. Schlecht fand ich an dem Buch eigentlich gar nichts.

Johannes Besonders an diesem Buch gefiel mir die sehr realistische Beschreibung des Lebens in Portugal, und die Erwähnungen von geschichtlich relevanten Autoren und Werken die zusammen eine schöne Reise durch die Literaturgeschichte ergeben und sehr einschlägig die Charaktere und Situationen untermalt.

Julia Mir gefielen besonders die Erzählweise und die behutsame, graduelle Wandlung von Pereira. Der Stil, der nach einer Protokollaufzeichnung klingt, ist besonders und macht das Lesen interessanter. Hin und wieder wären ein paar mehr Informationen zu Pereira und seinem früheren Leben schön gewesen, aber insgesamt hat mir das Buch sehr gut gefallen.

Sigi Ich mag es sehr, dass das Buch so gut konstruiert ist und die Form dennoch beim Lesen so mühelos wirkt. Man kann spielerisch mit dem Buch umgehen, man wird zum Detektiv, informiert sich, blättert nochmal zurück und kombiniert. Wo sagt er was, warum? Und warum sagt er etwas nicht, warum lässt er dies komplett aus? Sehr spannend und irgendwie interaktiv. Wunderbar geschrieben.

von Lisa

Tabucchi, Antonio: Erklärt Pereira, dtv, München 1997 
www.dtv.de
 

Samstag, 23. Mai 2015

»Und wie seht ihr das?« - »Erklärt Pereira« von Antonio Tabucchi, Teil I

In unserer Rubrik »Und wie seht ihr das?« wollen wir euch unsere Literaturclub-Treffen näher bringen: In Interviewform werden wir euch Fragen und Meinungen präsentieren, die wir so in geselliger Runde an- und ausdiskutiert haben und so gleichzeitig auch die Werke besprechen, die wir lesen.

Hat der Roman das gehalten, was ihr euch unter dem Titel vorgestellt habt?
Freya Ich weiß gar nicht, was ich mir unter dem Titel vorgestellt habe. Eigentlich gar nichts. Klar, man konnte mutmaßen, dass es sich um eine Art Rechtfertigung, Bericht oder Zeugenaussage handelt, aber das habe ich zunächst gar nicht so reflektiert. Vom Stil her und von der Atmosphäre in der Geschichte hat es zu meinen Erwartungen gepasst.

Johannes Da ich komplett blind an das Buch herangegangen bin, hatte ich auch keine konkreten Vorstellungen über das Buch. Von daher kann ich diese Frage nicht wirklich beantworten.

Julia Eigentlich konnte ich mir unter dem Titel nicht besonders viel vorstellen. Ich war mir nicht sicher, ob eine Person namens Pereira etwas erklärt oder die Figur Pereira und ihre Handlungen von einer anderen Person erklärt werden. Daher war ich für beides offen und da eine der beiden Versionen tatsächlich den Inhalt recht gut beschreibt, war ich nicht überrascht.

Sigi  Ehrlich gesagt, ich war positiv überrascht. Denn Pereiras Erklärungen sind nicht etwa eintönig oder simpel strukturiert, und somit auch nicht ausschließlich inhaltlich interessant und relevant. Die Form der Erzählung ist gleichzeitig sehr wichtig und tritt dennoch beim Lesen in den Hintergrund, sodass sich das Werk sehr einfach lesen lässt. Das Wichtige steht zwischen den Zeilen und das macht das Buch formal und inhaltlich interessant.

Findet ihr, dass Pereira gut erklärt hat?
Freya Auf jeden Fall. Der Roman bzw. seine Übersetzung ist unheimlich gut geschrieben, der Text ist anspruchsvoll, aber gleichzeitig ist das Lesen absolut mühelos und entspannt. Pereira wird dargestellt als zunehmend komplexe Figur.  Die Erzählungen sind mit vielen kuriosen und liebevollen Details gespickt, was den Bericht intimer erscheinen lässt. Man hat also das Gefühl, einer Erzählung zu lauschen, bei der einem nach und nach bewusster wird, welch Ernst und welche Tragik dahinter steckt. Und man ist sich weder ganz sicher, worauf die Geschichte hinauslaufen wird, noch für wen man als Leser steht. Soll man sich in der Rolle eines Polizisten oder Richters sehen? Eines Anwalts? Oder eines Freundes?

Johannes Definitiv! Pereiras Schilderungen über Portugal unter dem Regime von Salazar sind äußerst realistisch gehalten, und lassen einen direkt in seine Welt eintauchen.

Julia Das man nicht wusste, wer der Adressat der Erzählung ist, hat einen sehr für Pereira eingenommen. Vor allem die Art wie er etwas nicht erzählt hat, fand ich sehr interessant. Immer wieder sprach er z.B. seine Träume an, wandte jedoch ein, dass es nicht zum Thema gehöre. Auch  seine frühere Tätigkeit als lokaler Journalist wird immer nur angeschnitten und macht damit auf diese Figur sehr neugierig. Trotzdem kann man seiner Entwicklung gut folgen und man „hört“ ihm gerne zu.

Sigi Pereira erklärt sehr gut. Denn das Wichtigste erklärt er – zumindest erstmal – nicht. Und das ist sehr gut umgesetzt, weil das nicht Gesagte die Erzählung genauso charakterisiert wie das Gesagte. Wunderbar wird das Buch dadurch, dass es man diese Konstruiertheit nicht spürt, da man es sehr gut durchlesen kann. Aber man braucht Fantasie und Hintergrundwissen, um der Aussage des Buches auf die Spur zu kommen.

von Lisa

Tabucchi, Antonio: Erklärt Pereira, dtv, München 1997 
www.dtv.de