Samstag, 30. Januar 2016

Rezension: »Die beste Entscheidung unseres Lebens« von Friederike Achilles und Philipp Rusch

»Die beste Entscheidung unseres Lebens«: Das ist für die AutorInnen Friederike Achilles und Philipp Rusch ihre Reise um die halbe Welt. In Kuba, Ecuador, Kolumbien, USA, Guatemala, und Thailand, um nur einige der Länderstationen zu nennen, haben Achilles und Rusch kleinere oder größere Abenteuer, immer aber viel atemberaubende Natur, (meist) sehr nette Menschen und viel Horizonterweiterung erlebt - und darüber eine Sammlung von Reiseessays veröffentlicht.


Der Untertitel ihres Buches, Wie wir einfach loszogen und um die halbe Welt reisten, hat mich zwar anfangs in die Irre geleitet - ich dachte, Achilles und Rusch würden mir sagen, wie ich das auch anstellen könne: einfach loszuziehen, den Job, die Verpflichtungen hinter sich zu lassen. Das bleibt aber ihr Geheimnis. Aber wirklich enttäuscht war ich nach den ersten Seiten schon nicht mehr. 

Denn Die beste Entscheidung unseres Lebens ist ein Reisebericht, der sich anfühlt wie die Erzählungen von guten FreundInnen. Nach ein paar Seiten hatte ich das Gefühl, Achilles und Rusch schon lange zu kennen. Das liegt vor allem daran, dass ihre Reisereportagen sehr persönlich sind. Unter anderem dürfen wir beim Besuch von Schuchs Großfamilie in Indien teilhaben; an ihrem Wunsch, Machu Picchu eine touristische Pause zu gönnen; an einen denkwürdigen Ausflug zur bolivianischen Salzpfanne Salar de Uyuni; auch an einem unfreiwilligen Drogenerlebnis und vor allem auch an der Gedankenwelt der beiden. Ihr Blick auf die Dinge ist notwendigerweise subjektiv, und das versuchen Achilles und Rusch auch gar nicht zu verschleiern 

Das AutorInnenpaar unterlässt weitestgehend politische Bewertungen einiger ihrer durchaus nicht ganz unbedenklichen Reiseziele. Doch sie wissen um Phänomene wie Stereotype, um Armutstourismus, und darum wie auch die optimistischste Reisende manchmal nur kapitulieren kann - so zum Beispiel nach der Tour durch eine bolivianische Silbermine, von der Schuch erzählt: »[W]ir sind dem TÜV entwischt. Und der Sicherheit, der Sauberkeit auch, den rauchfreien Bahnsteigen, der guten Ernährung [...] Mit Geschäften ganz ohne Dynamit im Sortiment. Uns geht es so gut, viel zu gut. Wusste ich nicht. Weiß ich nicht immer. Drei Affen an meiner Seite. Auch dafür machen wir das. Für alles, was wir nicht wussten. Oder häufig vergessen.«

Achilles und Schuch schaffen es, die Kontraste zwischen der Freude über das Kennenlernen der Welt mit all ihren wunderbaren und nicht wunderbaren Menschen und dem schönen und dem sehr unschönen Leben, die Leichtigkeit  des Reisenden und die Schwere des Schicksals anderer Menschen einzufangen und gleichzeitig loszulassen.

Ihre Reiseessays sind frisch und witzig geschrieben - und vor allem selbstironisch. Wie andere Reisende auch sind Friederike und Philipp (ich nenne schon nicht mehr ihre Nachnamen, so sehr wirkt die Illusion, wir seien befreundet) immer wieder in TouristInnenfallen getappt, hatten Blasen an den Hacken und auch mal (Welt-)Reiseknatschigkeit. Das begeistert mich so an diesem schönen, leichten Reisebuch - ich denke nicht nur, dass ich die AutorInnen schon lange kenne; ich kann mich in ihnen wiederfinden. Ich glaube nun auch, dass ich es auch schaffen kann: einfach loszuziehen und um die halbe Welt zu reisen. Dazu muss ich kein erfahrener Globetrotter sein, sondern einfach ich selbst, das reicht.

Von Anne-Kathrin

Donnerstag, 21. Januar 2016

»Our Shared Shelf«: Emma Watsons feministischer Buchclub

Die meisten von uns sind mit Emma Watson als Hermione Granger in den Harry Potter-Filmen aufgewachsen. Doch Watson ist nicht nur Schauspielerin. Sie engagiert sich unter anderem auch mit viel Herzblut als UN-Botschafterin und Feministin. Im September 2014 hielt sie beispielsweise eine beeindruckende Rede über Gleichberechtigung (diese könnt ihr hier nachlesen und auch bei youtube anschauen) und rief die Kampagne HeForShe ins Leben. Ein Ziel von Watson ist, Männer dazu zu ermutigen, Geschlechtergerechtigkeit aktiv zu unterstützten.

Nun hat Emma Watson auch noch einen feministischen Buchclub im Internet gegründet. Yay und nochmals YAY!!!

Our Shared Shelf heißt er, und alle interessierten MitleserInnen können sich online daran beteiligen. Pro Monat soll ein feministisches Buch gelesen und kann anschließend in einem Forum auf der Webseite von goodreads.com diskutiert werden. Als erstes hat Watson die Autobiografie My Life on the Road von Gloria Steinem ausgewählt. Für alle, die sie nicht kennen - Steinem ist wahrscheinlich die bekannteste Feministin der USA.

Ich habe mich heute mal bei goodreads.com angemeldet und bin der Our-Shared-Shelf-Gruppe beigetreten. Ich bin gespannt, wie mir dieser Lesezirkel gefällt und ob mich das Online-Konzept mit aktuell knapp 95.000 in der Gruppe eingetragenen MitleserInnen aus aller Welt überzeugt. Vor allem aber freue ich mich auf die Buchvorschläge, die Watson macht. Ich nehme mir fest vor, die Bücher zu lesen - obwohl ich schon für Januar die Deadline für das erste Buch nicht einhalten kann... Das ist dann wohl ein Vorteil eines Online-Lesekreises derart gigantischen Ausmaßes - es merkt keine/r, wenn ich das Buch nicht rechtzeitig gelesen habe ;-)

Seid ihr auch Mitglied in Watsons Buchclub Our Shared Shelf? Wie findet ihr ihre Idee? Habt ihr vielleicht My Life on the Road schon gelesen?

Von Anne-Kathrin

Sonntag, 10. Januar 2016

»Der Schnupfen« von Stanislaw Lem

Wir wünschen Euch allen ein frohes und glückliches Jahr 2016!

Um Euren literarischen Start ins neue Jahr zu unterstützen und eine Anregung für die diesjährige Leseliste zu geben, möchte ich Euch gerne zu Beginn des Jahres als Erstes ein Buch vorstellen.

Vor kurzem habe ich Euch über die »DIE ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher« berichtet, daraus ist dies hier vorgestellte Buch: Stanislaw Lems Der Schnupfen. Lem ist vor allem für seine Science Fiction Romane, wie Solaris oder die Sterntagebücher, bekannt. Er hat jedoch auch zwei Detektivgeschichten verfasst, von denen eine nach langer Zeit wieder im Rahmen der »Zeit Bibliothek der verschwundenen Bücher« erhältlich ist.

Lem bleibt auch in diesem Werk seinem Hang zum kuriosen und außergewöhnlichen treu. Der Detektiv in Der Schnupfen ist ein ehemaliger Astronaut, der damit hadert, dass ihn sein Heuschnupfen die Teilnahme am Mars-Projekt gekostet hat. Seine Beteiligung an dieser Untersuchung einer Detektiv-Agentur kam auch eher zufällig zustande, da er dem Bild der bisherigen Opfer entspricht: Ausländer in Italien, männlich, zwischen 40 und 50, athletisch, er spricht die Landessprache nicht und kennt keine Einheimischen in Neapel oder Rom. Die Reihe von Todesfällen ist so mysteriös, man ist sich nicht mal sicher ob es sich bei den Todesfällen um Straftaten handelt, und bietet so wenige Anhaltspunkte, dass die Detektei überlegt hat einen Lockvogel zu engagieren. 
Man erfährt all diese Dinge nach und nach aus den Überlegungen und Nachforschungen des Ich-Erzählers, der eine Reihe erstaunlicher Erfahrungen macht, u.a. überlebt er einen Bombenanschlag im Flughafen Rom, erlebt einen skurrilen Vorfall an einer Autobahn-Raststätte und macht die Bekanntschaft der aktuellen Größen der französischen intellektuellen Oberschicht. Letzteres jedoch erst als er tatsächlich keinerlei Anhaltspunkte für die Lösung des Falls in Italien findet und ein neuer französischen Computer mit einem experimentellen Softwareprogramm die Lösung des Falles unterstützen soll.  

Nach und nach stellt sich heraus, wie kurios der Fall eigentlich ist und wie wenig sicher ist, dass es sich überhaupt um einen richtigen Fall handelt. Gleichzeitig wird die Reise für den (namenlosen) Ich-Erzähler zu einer Erkundung seiner selbst und zu einer philosophischen Welterkundung. In der Auflösung, die hier natürlich nicht verraten werden soll, bleibt Lem sich in seiner Sicht der Welt und der technologischen Entwicklung treu.

Es handelt sich nicht um eine ‚gewöhnliche‘ Detektivgeschichte, man wird jedoch so schnell durch die Überlegungen des Autors in die Handlung einbezogen, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Dazu kommt, dass es sich um eine sehr schöne Ausgabe handelt, mit geprägten Titel und dem angenehmen Einband. Am Ende steht außerdem noch ein persönliches Nachwort des ZEIT-Kolumnisten Tobias Gohlis.

Stanislaw Lem: Der Schnupfen, Eder & Bach 2015

von Julia

Samstag, 5. Dezember 2015

lesErLeben: Unsere Vorsätze für 2016!

Vielleicht ist euch aufgefallen, dass es im Moment etwas still hier auf dem Blog geworden ist - die gute Nachricht zuerst: Wir sind noch da! :-)

Pinguine?! Sind einfach süß!
lesErLeben haben Jessica und ich vor über fünf Jahren gegründet; der Blog ist seit viereinhalb Jahren online. Das allein macht uns sehr glücklich und stolz.

Und wir wollen weitermachen! Lesen, Vorlesen, Bloggen, Diskutieren! Ohne geht es nicht, haben wir in den letzten Monaten herausgefunden. Nur müssen wir einige Veränderungen vornehmen, damit wir auch weiterhin lesErLeben mit Herzblut erfüllen können:

* Wir treffen uns nun (vorerst) statt monatlich einmal im Vierteljahr. Dann werden wir aber auch ein ganzes Buch besprechen, und nicht nur Teile wie bisher. Viele von uns haben es nicht mehr geschafft, monatlich zu Treffen zu kommen. Wir hoffen aber, dass der Termin alle drei Monate uns dazu ermutigt, den Termin wieder verbindlicher zu planen und einzuhalten.

* Unser thematischer Fokus wird sich von nun an nicht mehr nur auf engagierte europäische Literatur beschränken, sondern wir weiten ihn aus. Künftig wollen wir ganz frei von Ländergrenzen Bücher auswählen, die engagiert sind und die wir lesen wollen. Darunter können von nun an auch Sachbücher sein.

* Wir bloggen weiter! Nur nicht mehr zwei Posts pro Woche, sondern immer dann, wenn wir Zeit haben. Falls ihr schon immer mal etwas zu engagierter Literatur in die Öffentlichkeit tragen wolltet, schreibt uns gerne an.

* Wir lesen auch weiter vor! Wir wollen auch weiterhin in einem SeniorInnenzentrum im Gießener Umland vorlesen. Und wir planen, sofern wir die Zeit finden, im zweiten Halbjahr 2016 auch wieder eine öffentliche Diskussionsveranstaltung mit Literatur.

Wir würden uns sehr freuen, wenn ihr uns auch weiterhin begleitet - hier auf dem Blog, sehr gerne aber auch bei den Treffen!


Von Anne-Kathrin

Mittwoch, 4. November 2015

»DIE ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher«

Welcher Leserin, welchem Leser ist es noch nicht passiert: man sucht ein Buch von dem man etwas gehört hat oder dass jemand anders sehr gelobt hat und es ist vergriffen. Das bedeutet entweder man bekommt es nur noch sehr teuer bzw. in furchtbarem Zustand oder man verzichtet. Dagegen möchten nun die Zeit und der Verlag Eder und Bach etwas unternehmen und haben eine Edition von 12 Büchern herausgegeben, die bisher vergriffen waren. Mit dabei sind Autoren von James Baldwin über Stanislaw Lem und George Sand bis zu Tom Wolfe. Alle Bücher sind einzeln oder in einer Gesamtausgabe zu haben. Die Bücher sind nicht nur inhaltlich interessant, sondern auch sehr schön gestaltet. Sollte sich die Aktion als Erfolg erweisen, besteht die Möglichkeit dass der Verlag das Konzept auch in Zukunft fortführt und immer wieder ein vergriffenes Buch neu herausbringt.

Wir würden uns freuen, wenn auch ein paar vergriffene 'Klassiker' oder lange verschollene Schätze wieder auftauchen. Das ein oder andere Buch aus der Edition werden wir sicher auch lesen und hier mal rezensieren.
 

Weitere Informationen zur Edition gibt es direkt beim Verlag und der Zeit.

von Julia

Donnerstag, 22. Oktober 2015

»Das WillkommensABC« - ein kostenloses Buch für geflüchtete Kinder und ihre Familien

Auch an uns geht das, was momentan als »Flüchtlingskrise« unser aller Leben erreicht, nicht vorbei, im Gegenteil. Wir sind betroffen vom Schicksal vieler Geflüchteter, blicken mit großer Besorgnis auf Pegida und Co., sind dankbar für das große Engagement der ehrenamtlichen HelferInnen - und überlegen, wie auch wir mithilfe von Literatur vielleicht einen Beitrag leisten können. 

Deutlich weiter sind die KollegInnen der arsEdition. Sie haben ein kostenloses Bildwörterbuch mit über 150 Alltags-Begriffen auf Deutsch und Englisch für geflüchtete Kinder und ihre Familien kreiert - Das WillkommensABC.


»Das WillkommensABC möchte allen Neuankömmlingen in Deutschland einfach, schnell und ansprechend einen ersten Zugang zur deutschen Sprache bieten.«

Das Schöne ist nicht nur diese tolle Initiative des Verlags und der IllustratorInnen (die das Buch ehrenamtlich gestaltet haben): Das WillkommensABC kann kostenlos als Druck-pdf, eBook und App unter www.willkommensABC.de heruntergeladen werden.

Laut Angabe des Verlags darf das Buch von jedem benutzt und geteilt werden, solange es nicht zu kommerziellen Zwecken dient. 

Wir freuen uns sehr über diese tolle Initiative aus der Bücherwelt und möchten euch ermutigen, diese Information und die Webseite an Familie, FreundInnen, Bekannte oder Einrichtungen weiterzuleiten, die mit geflüchteten Familien zusammenarbeiten.

Von Anne-Kathrin

Montag, 5. Oktober 2015

Leonies SUB im September


Endlich habe ich eine Lösung für den wachsenden Bücherstapel neben meinem Bett und den daraus resultierenden schmerzenden - da nachts in letzter Zeit des Öfteren angeschlagenen - Zehen gefunden: einen Nachttisch mit einer größeren Ablagefläche! Darauf stapelt sich jetzt (noch) fein säuberlich meine Bettlektüre für den inzwischen deutlich spürbaren Herbst. Obwohl ich mich Tag aus Tag ein mit englischsprachiger Literatur beschäftige, kann ich auch Zuhause nicht die Finger davon lassen, wie man unschwer an meinem SUB erkennen kann. Das einzige nicht englischsprachige Buch habe ich in einem urigen, fantastisch sortierten Antiquariat in Lübeck gefunden und lasse es als Urlaubserinnerung gerne noch ein bisschen länger neben dem Bett verweilen. Sachbücher finden allerdings eher selten den Weg auf meinen Nachttisch. Die habe ich ins Arbeitszimmer verbannt.

SUB (= Stapel ungelesener Bücher)
-         Jonathan Franzen, The Corrections
-         J. M. Coetzee, Disgrace
-         Truman Capote, Breakfast at Tiffany's
-         Orhan Pamuk, Schnee

SAB (= Stapel angelesener Bücher)
-         Frances Hodgson Burnett, The Secret Garden
-         Michael Ondaatje, The Cat's Table
-         Eleanor Catton, The Luminaries


von Leonie

Montag, 21. September 2015

Rezension »Der dunkle Fluss« von Chigozie Obioma


Es mit seinem Erstlings-Roman auf die Shortlist des Man Booker Prize zu schaffen ist beeindruckend und macht sehr neugierig auf den Roman von Chigozie Obioma. Daher haben natürlich auch wir uns das Buch einmal angeschaut. 

Obioma entführt die Leserin/den Leser nach Nigeria im Jahr 1996 in seine eigene Heimatstadt Akure. Er erzählt die Geschichte einiger Brüder in einer kritischen Phase des Erwachsen-Werdens aus der Sicht von Benjamin, einem der Brüder. Die geordnete Familiensituation ändert sich, als der Vater in eine andere Stadt versetzt wird und die sechs Kinder, fünf Söhne, eine Tochter, mit der Mutter in Akure bleiben. Ben ist zehn Jahre alt, der jüngste der vier älteren Söhne und folgt den Älteren. Nachdem der Vater, der den Gehorsam der Söhne streng überwacht, nur noch selten zuhause ist, gewinnen die Jungen an Freiheit und widersetzen sich den Verboten der Eltern. Eines davon ist das Verbot sich dem naheliegenden Fluss zu nähern, der als gefährlich gilt. Doch die Brüder nutzen die unbeaufsichtigte Zeit in der die Mutter arbeitet und fischen am Fluss. Der älteste der Brüder, Ikenna, möchte damit aufhören, doch lässt sich noch ein letztes Mal überreden. Prompt werden die Brüder bei diesem letzten Ausflug gesehen und es folgt eine Strafe. Doch der Grund für Ikenna nicht mehr fischen gehen zu wollen, liegt in einer davor erfolgten Begegnung mit dem „Verrückten“ der Stadt, der eine furchteinflößende Weissagung über den Tod Ikennas macht. Nach dieser Vorhersage nimmt das Schicksal seinen Lauf und die Vorhersage wird eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die mit Tod, Gefängnis und dem Zerbrechen der Familie endet.

In diese Handlung eingebunden ist die Geschichte Nigerias. In Rückblenden – z.B. die Flucht der jüngeren Brüder vor einem Gewaltausbruch nach den Wahlen 93 - und Erklärungen zum Verhalten der Figuren – eine davon: der Vater holt aus Angst vor Unruhen, die sich gegen die Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe richten, die Familie nicht an seine neue Arbeitsstätte nach – erzählt Obioma von der Entwicklung und der Lage Nigerias. Er gibt damit Einblick in die Spannungen seines Heimatlandes aus Sicht der Kinder die dort aufwachsen.

Beeindruckend ist die Sprache in der Obioma diese Geschichte erzählt, die gleichzeitig teilnehmend, mit kindlicher Naivität gespickt ist und Abstand hält. Durch die Verbindung der Familiengeschichte mit der Geschichte und Situation Nigerias, entsteht ein Einblick in ein Land, das man nur aus den Nachrichten kennt. Dabei ist man so in die Tragödie der Familie eingebunden, dass man am Schicksal Bens teilnimmt ohne in einen urteilenden westlichen Blick zu verfallen. Insgesamt ein absolut bemerkenswertes Buch, dessen Autor man sich merken sollte.
Wir sind gespannt auf die Bekanntgabe des Gewinners des Man Booker Prize am 13. Oktober!
 
Chigozie Obioma: Der dunkle Fluss, Aufbau Verlag, 2015

von Julia

Montag, 14. September 2015

Rezension: »Sag alles ab!« von Haus Bartleby (Hrsg.)

Spätestens seit der Lektüre von Tom Hodgkinsons Die Kunst, frei zu sein, interessiere ich mich sehr für den Müßiggang, die Muße, das Freisein und den Sinn und Unsinn von Karriere. 

Umso gespannter war ich auf die Essaysammlung mit dem vielversprechenden Titel Sag alles ab! Plädoyers für den lebenslangen Generalstreik. Herausgegeben werden die Essays vom Haus Bartleby, einem selbsternannten »Zentrum für Karriereverweigerung«, das auch als sympathische Lobbygruppe für das gute Leben jenseits des neoliberalen Effizienz- und Wachstumsgedankens fungieren möchte. 


Der Essayband vereint kurze politische beziehungsweise sozialkritische Essays, Erfahrungsberichte, künstlerische Collagen, Zeichnungen, Gedichte, Songtexte. Die AutorInnen sind junge und junggebliebende Kreative aus Journalismus, Kunst, Wissenschaft und Aktivismus. Deichkind spendiert so einen Songtext, und auch der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis ist mit einem Kapitel seines neuen Buches vertreten. 

Besonders nachdenklich hat mich aber das Interview gemacht, das die Journalistin Mira Assmann mit zwei Kindern über die Schule, das Arbeiten und die Erwachsenenwelt geführt hat. Carlotta (10 Jahre) und Juri (8 Jahre) scheinen genau zu wissen, wie der (neoliberale) Hase in der Welt läuft. In ihren Antworten finden wir aber vor allem schöne einfache Anregungen für all das, was wir als bewusstes, nachhaltiges und gutes Leben bezeichnen.

Sag alles ab! besdticht durch eine bunte, lebhafte und spannende Mischung an Meinungen, Erfahrungen und Gedanken rund um die Frage, wieviel Karriere ein gutes Leben braucht, und vor allem, wie viel Neoliberalismus es (v)ertragen kann.

Genau das ist die wichtige Frage, auf die alle Diskussionen um das gute Leben letztendlich hinauslaufen - umso wichtiger, dass die AutorInnen sich dieser Frage widmen. Sie hinterfragen kapitalistische Dogmen von Karriere, Wachstum und Effizienz kritisch und lassen keinen Zweifel daran, dass wir unsere Zeit auch mal wieder mit umfassender Systemkritik verbringen sollten.

Der schöne Titel Sag alles ab! führt allerdings in die Irre - zumindest diejenigen, die sich praktische und individuelle Tipps für ein einfacheres und entschleunigteres Leben (mit oder jenseits von Karriere und Kapitalismus) wünschen. Aber immerhin finden sie Trost in den Beiträgen einiger AutorInnen, die, genauso wie viele von uns, immer wieder zwischen dem Sinn und Unsinn von Karriere, dem Wunsch nach Selbstverwirklichung, dem Verlagen nach Muße und der Realität des Geldverdienens schwanken.

Haus Bartleby (Hrsg.): Sag alles ab! Plädoyer für den lebenslangen Generalstreik, Edition Nautilus, Hamburg 2015.

Von Anne-Kathrin

Dienstag, 25. August 2015

Crowdfunding von Literatur - »Der Besucher« von Jonathan Löffelbein


Was gelesen und verlegt wird, bestimmten lange Zeit die großen Verlage. Sie machten viel Werbung und setzten die Bestseller. Natürlich gab es immer wieder kleine Verlage, deren Autoren durch Lesereisen auch ein ansehnliches Publikum erreichen konnten, doch auch hier bestimmten ausschließlich die Verleger. Der Selbstverlag war nur für AutorInnen mit den entsprechenden Ressourcen interessant. Das Internet hat hier Möglichkeiten des Selbstverlages angeboten, mit (durchaus umstrittenen) Angeboten kann jede/r sein Werk vor allem elektronisch anbieten. Solche Angebote sind zwar sehr gut zugänglich, doch bietet sich nicht unbedingt eine Möglichkeit mit den verfassten Werken auch tatsächlich etwas zu verdienen oder gar in einem größeren Maße gelesen zu werden und als AutorIn anerkannt zu werden. 

Alternativ dazu werden immer mehr Literatur-Projekte über Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter, VisionBakery oder ähnliche Seiten, finanziert. Hier bietet sich AutorInnen die Möglichkeit herauszufinden, ob ihr Projekt InteressentInnen findet. Außerdem können neben den reinen Druckkosten auch Illustrationen u.ä. finanziert werden. Ein Verlag der ausschließlich mit Crowdfunding arbeitet ist der kladdebuchverlag. Hier entscheidet die potentielle Leserschaft, ob ein Buch veröffentlich wird oder nicht. kladde hat sich auch aus dem Wunsch heraus gegründet Bücher qualitativ hochwertig herzustellen und den AutorInnen einen fairen Preis für ihre Bücher zu zahlen. Damit kombiniert kladde das Crowdfunding mit einem klassischen Verlagsangebot.

© kladdebuchverlag
Über den Hinweis eines Freundes bin auf ein Projekt von kladde aufmerksam geworden: das Buch »Der Besucher« von Jonathan Löffelbein, dass auf Visionbakery nach Unterstützung suchte (die tolle Projektbeschreibung ist immer noch online!). Da ich bisher Bücher nur ganz ‚klassisch‘ gekauft hatte, war ich neugierig und die Beschreibung hat mich sowohl inhaltlich als auch über das Konzept des qualitativ hochwertigen Buches angesprochen. Unter einer Vielzahl von Möglichkeiten zur Unterstützung habe ich mich dann einfach für das Buch zum günstigen Vorverkaufspreis entschieden. Überraschend schnell hatte der Autor die benötigte Summe zusammen und hat dann sein Projekt um Illustrationen im Buch erweitert. Hätten sich nicht genug UnterstützerInnen gefunden, bekommt man sein Geld natürlich zurück. Nach dem Ablauf des Projektes informierte der Autor auch noch mal über den Stand des Projektes und wann man in etwa mit dem Buch rechnen kann. Vor kurzem erhielt ich dann das schön gebundene, illustrierte und ordentlich lektorierte Buch und wurde vom Inhalt nicht enttäuscht.

Die mittlerweile vielfältigen Konzepte zur Veröffentlichung von Literatur können sowohl LeserInnen als auch (potentielle) AutorInnen verwirren. Außerdem ist Crowdfunding kein Selbstläufer. Nur weil man ein gutes Projekt hat, bedeutet es nicht automatisch, dass es auch finanziert wird. Es muss trotzdem vom Autor/von der Autorin beworben werden, um genug Unterstützer zu bekommen. Ich stöbere auch weiterhin gerne zwischen bereits gedruckten Büchern in der Buchhandlung. Doch hin und wieder ein interessantes Projekt, vielleicht von einem bisher unveröffentlichten Autor, zu unterstützen und zu schauen, ob es veröffentlich wird ist eine sehr spannende Sache. Man fühlt sich ein wenig mit dem Buch verbunden und hat das Gefühl die Literaturlandschaft etwas mehr mit beeinflussen zu können. Crowdfunding und ein Verlag wie kladde stellen daher für mich eine schöne Bereicherung des Buchmarktes dar. 
Wie seht Ihr das? Habt Ihr schon eigene Erfharungen mit Crowdfunding von Literatur, als AutorIn oder UnterstützerIn?

von Julia