Sonntag, 25. Januar 2015

Rezension: »Not That Kind of Girl« von Lena Dunham


Schonungslos. Offen. Witzig. Verstörend. Verzweifelt. Und irgendwie Mut machend. So habe ich Lena Dunhams Lebensbericht einer 27jährigen gelesen. Not That Kind of Girl hat im englischen Original den Untertitel A Young Woman Tells You What She's 'Learned'. Die Anführungszeichen, die in der deutschen Fassung fehlen, geben im Titel den ironischen Geschmack des Buches wieder. Das ist keine Autobiographie einer frühreifen und oberschlauen Mitzwanzigerin, wie es ihr in der Kritik unterstellt wurde. Es ist auch kein postpubertäres Tagebuch. Vielmehr schildert die Autorin in der Form autobiographischer Essays einzelne Episoden ihres Lebens mit einer Schonungslosigkeit, die manchmal an die Grenzen des Erträglichen stößt. Insbesondere in den Szenen, in denen sie von ihren ersten (frustrierenden) sexuellen Erfahrungen erzählt, will man als LeserIn weiterblättern und hofft, dass sie nicht noch weiter ins Detail geht. Was sie aber dann doch tut. 

Wir erfahren von dem Verlust ihrer Jungfräulichkeit, ihrer ersten Masturbation und dem einen Mal, das mit einem Kondom in der Zimmerpalme endete. Vieles ist peinlich, ein bisschen verrückt und häufig komisch. Aber Lena Dunhams Sprache ist klar und schnörkellos. Die Texte sind häufig witzig illustriert, und manchmal sind es nur Listen wie »Was ich in meiner Handtasche habe« oder »17 Dinge, die ich von meinem Vater gelernt habe«. Sie erzählt von ihren Therapien, ihren Ängsten und ihren Gedanken an den Tod.

Auch wenn Lena Dunham eine besondere Persönlichkeit ist - neben ihrer Tätigkeit als Autorin ist sie vor allem bekannt als Erfinderin, Produzentin, Regisseurin und Schauspielerin der TV-Serie Girls -  schreibt sie von den Dingen, die uns alle, auch die Über-30-Jährigen, zumindest von Zeit zu Zeit beschäftigen: Fühle ich mich wohl in meinem Körper? Wenn nicht, wer gibt mir das Gefühl, das mit mir etwas nicht stimmt? Werde ich in meinen Beziehungen gut behandelt? Welche Menschen zählen wirklich in meinem Leben? Wo ist mein Platz in dieser Welt? Und wie komme ich dahin?

Das Buch will nicht provozieren, sondern offenlegen wie die Autorin bestimmte Ereignisse erlebt hat, was sie dabei gefühlt hat. Es ist der Versuch sich selbst und die Welt um sich herum besser zu verstehen. Deshalb ist es an vielen Stellen so berührend und deshalb macht es auch Mut, trotz Enttäuschungen und Rückschlägen den eigenen Weg zu gehen.

Lena Dunham: Not That Kind of Girl. Was ich im Leben so gelernt habe. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2014.

Von Jessica

Dienstag, 13. Januar 2015

Rezension: »Physik der Schwermut« von Georgi Gospodinov

In den letzten Monaten ging es hier sehr nordisch zu. Da möchte ich mal wieder Literatur aus dem Osten einbringen – aus einem kleinen Land, das 2007 in die EU aufgenommen wurde, bis 2013 aber nicht dem Schengen-Raum angehörte und immer wieder als Beispiel einer unerwünschten Armutsmigration von den Rändern Europas ins reiche Zentrum herhalten musste: Bulgarien. 


Migration ist ein auch ein zentrales Thema in der bulgarischen Literaturgeschichte. Viele in Mitteleuropa bekannte Autoren wie Ilija Trojanov, Julia Kristeva, Tzvetan Todorov, Georgi Markov oder Dimitré Dinev sind selbst emigriert. Sie haben sich meist eine neue Sprache zu eigen gemacht und publizieren nicht auf Bulgarisch. Anders jedoch Georgi Gospodinov, dessen Roman Physik der Schwermut 2014 in einer deutschen Übersetzung erschien. Er hatte 1999 sein erstes Werk in Bulgarien veröffentlicht und konnte in den folgenden Jahren mit dem Natürlichen Roman im Ausland auf sich aufmerksam machen. 2007 erschien dieses Buch auf Deutsch.

Einfühlen in die Fruchtfliege und den Minotaurus


Der zweite Roman Physik der Schwermut inszeniert ein Gedankenexperiment. Der Erzähler leidet an übermäßiger Empathie. Er fühlt sich stark in das Andere ein – in Mitmenschen, Tiere, Zeiten – und beschreibt dessen Erleben. Im Prolog werden diese verschiedenen Perspektiven vorgestellt, z.B. als 1913 geborenes männliches Wesen, als Fruchtfliege, als Embryo im Mutterleib. Aus diesen Standpunkten entsteht ein Kaleidoskop von Erfahrungen und Reflexionen, die menschliche Urängste thematisieren. Insbesondere das Gefühl der Verlassenheit wird mithilfe des Mythos vom Minotaurus – einem Wesen mit dem Körper eines Menschen und dem Kopf eines Stiers, das in einem Labyrinth eingesperrt wurde – untersucht. Der Minotaurus, der in der Sage ein menschenfressendes Ungeheuer ist, zeigt sich bei Gospodinov als Opfer der Zeiten und Lebensbedingungen, als geprägt von Krieg und Sozialismus. 

Leichte Gedanken über Mythos und Geschichte 

Wer bei Gospodinov konkrete Meinungen und Informationen über die gegenwärtige bulgarische Gesellschaft erfahren möchte, wird enttäuscht. Der Roman besteht aus Vergangenheitsschnipseln, die zwar Episoden aus der Geschichte des Landes aufgreifen, aber kein festes Bild ergeben. Er springt wild zwischen Orten und Zeiten hin und her. Es gibt zahlreiche Anspielungen, die man erkennen kann, aber nicht muss. Obwohl die Erfahrungen, die die einzelnen Lebewesen im Roman machen, durchaus zu schwermütigen Reflexionen anleiten, liest sich das Buch jedoch mit Leichtigkeit. Es ist sehr humorvoll, mit schönen Wendungen und viel Sprachwitz, der auch in der Übersetzung verstanden werden kann, geschrieben. Es lohnt sich, den Humor und die Lakonie zu entdecken, die der bulgarischen Sprache und Literatur innewohnen.

Georgi Gospodinov: Physik der Schwermut. Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann. Droschl-Verlag Wien 2014. 336 Seiten. 23 Euro.

Von Christiane 

PS: Christiane kennt ihr bereits spätestens seit unserem Interview mit ihr über engagierte Kinder- und Jugendliteratur. Schaut auf jeden Fall auch auf ihrem Blog vorgelesen | was Eltern über Kinderbücher denken und Kinder so dabei machen vorbei!

Sonntag, 11. Januar 2015

Rezension: »Die Neuerfindung des Erfolgs« von Arianna Huffington



Der programmatische Titel klingt vielversprechend: Arianna Huffington, Autorin, Mitbegründerin des weltweit erfolgreichen Medienunternehmens Huffington Post, will Erfolg neu definieren. Weniger das Streben nach Macht und Geld soll unseren Erfolg ausmachen, als das was sie die "dritte Größe" nennt: Wohlbefinden, Weisheit, Staunen und Großzügigkeit.
 
Konkreter Anlass für das persönliche Umdenken der Autorin war ein Zusammenbruch. In einem Zustand äußerster Erschöpfung verlor sie das Bewusstsein und verletzte sich beim Fallen am Kopf. Dieser Unfall, der dramatisch hätte ausgehen können, hat sie ihre bisherige Lebensführung und die Regeln, nach denen unser Arbeitsalltag funktioniert, überdenken lassen. Als Ergebnis hinterfragt sie die gängige Auffassung von Erfolg, die uns alle in die Erschöpfung treibe, da wir einen Arbeitsalltag mit 12-16 Arbeitsstunden sowie Familienleben, Freizeit und Schlaf nicht unter einen Hut bringen könnten.

Soweit, so richtig.

Als Ausweg aus dieser Situation schlägt sie vor sich auf vier Grundwerte zu besinnen: Wohlbefinden, Weisheit, Staunen und Großzügigkeit.
 
Um das Wohlbefinden zu steigern empfiehlt sie als zentralen Punkt mehr zu schlafen (mindestens 8 Stunden pro Nacht), zu meditieren und spazieren zu gehen. Die weiteren drei Bereiche ergeben sich daraus: auf die eigene innere Stimme hören, den Tod nicht verdrängen sondern sich die eigene Sterblichkeit vor Augen halten, sich Zeit nehmen für die Liebsten und für Bedürftige und sein Potential einsetzen, um der Welt etwas Gutes zu tun.
 
Huffingtons Ansatz mutet sehr amerikanisch an und hat einen deutlichen „du-hast-alles-selbst-in-der-Hand“-Unterton. Dieser kann einerseits natürlich befreiend wirken. Es ändert sich selten etwas, wenn man sich selbst immer als Opfer begreift. Andererseits suggeriert es eine Handlungs- und Entscheidungsfreiheit, auf die nicht unbedingt jeder oder jede zurückgreifen kann. In weiten Teilen des Buches geht es darüberhinaus hauptsächlich um die Steigerung der eigenen Leistungsbereitschaft. In wie fern das Wirtschaft nützt, ist eindeutig. So hat man beim Lesen der Beispiele, was große amerikanische Unternehmen wie Google oder Starbucks für das Wohlbefinden der MitarbeiterInnen tun, weniger den Eindruck es gehe um deren Wohlergehen als darum den Profit zu steigern
 
Auch hält sich die Autorin zurück über gesellschaftspolitische Veränderungen nachzudenken. Zur Entlastung für junge Familien wird zum Beispiel nicht (oder nur in einem Nebensatz) auf mögliche staatliche Unterstützungsmaßnahmen wie Elternzeit o.ä. verwiesen, sondern an den Willen und die Handlungsfreiheit des Einzelnen appelliert.

Als (europäische) Leserin sehe ich das kritisch und die Neudefinition von Erfolg bleibt meiner Meinung nach ohne institutionelle und strukturelle Begleitmaßnahmen eine Mogelpackung.

Das Buch hat zudem noch zahlreiche Längen. Die Autorin bringt für jedes ihrer Argumente eine Reihe an Beispielen, als würde die schiere Quantität allein die Wirksamkeit beweisen; mehr Schlaf sorgt für Wohlbefinden und Leistungssteigerung, denn SportlerInnen tun es, WissenschaftlerInnen haben es erkannt und selbst Charlie Rose versucht mehr Nachtruhe zu bekommen. Das müssen wir als LeserInnen nicht unbedingt wissen und es wirkt redundant. Ebenso wie viele der zahlreichen Zitate lose im Text stehen und die Argumente nicht unterstützen.

Das Buch will alles: griechische Philosophie, europäische Literaturtradition, fernöstliche Medizin, Tradition aller Religionen und neueste wissenschaftliche Erkenntnisse (im Übrigen in der Regel von WirtschaftswissenschaftlerInnen, nicht SoziologInnen, PhilosophInnen, PsychologInnnen o.ä.) zu einer Anleitung zum guten Leben verknüpfen.

Leider bleibt es dabei häufig viel zu oberflächlich. Stark ist das Buch, wenn sie von ihren eigenen Erfahrungen erzählt. Deshalb ist mein Fazit, dass Die Neuerfindung des Erfolgs gern auf die Hälfte der Seiten hätte verzichten können. Ein dichter Essay mit einer Liste an Tipps hätte ausgereicht. Eine wirkliche Neudefinition des Erfolgs bleibt die Autorin uns schuldig...

Von Jessica

Arianna Huffington: Die Neuerfindung des Erfolgs.Weiheit, Staunen, Großzügigkeit - Was uns wirklich weiterbringt. München: Riemann Verlag, 2014.
 

Mittwoch, 7. Januar 2015

Gute Vorsätze fürs neue Jahr - mehr lesen!

Die meisten von uns überlegen sich gute Vorsätze für den Beginn des Jahres. Mehr Sport treiben, gesünder essen, weniger Serien gucken...
Aber mal ehrlich: bis Ende Februar haben wir das wieder vergessen. Warum nehmen wir uns also nicht mal etwas vor, das Spaß macht? 

Ich schlage daher für alle Lesebegeisterten folgenden guten Vorsatz vor: dieses Jahr lesen wir mehr, wir lesen nur noch, was uns gefällt und worauf wir gerade Lust haben!

Dazu gibt es folgende Regeln:

  1. Hört sofort auf zu lesen, wenn euch ein Buch nicht gefällt!
  2. Lest, worauf ihr gerade Lust habt, auch wenn ihr euch vorgenommen hattet, etwas anderes zu lesen.
  3. Habt immer etwas zu lesen dabei (um Nr. 2 und Nr. 3 zu kombinieren lohnt es sich einen e-book Reader anzuschaffen).
  4. Nehmt euch Hörbücher für lange Autofahrten mit.
  5. Für Abenteuerlustige: Geht in die Bibliothek, stellt euch vor irgendein Regal und nehmt fünf nebeneinander stehende Bücher mit nach Hause. Lest aus jedem Buch mindestens die erste Seite. 
Mir scheint das mal ein Vorsatz zu sein, den ich einhalten kann. Wie sieht es mit euch aus?

(Und auch Mark Zuckerberg will dieses Jahr mehr lesen und facebook zu einem riesigen Buchclub machen. Wenn dadurch mehr Leute lesen, warum nicht? Was meint ihr dazu?)

Von Jessica

Mittwoch, 24. Dezember 2014

Schöne Feiertage und bis bald im neuen Jahr!


Wir wünschen euch allen schöne und erholsame Feiertage und danken euch sehr dafür, dass ihr uns auch in diesem Jahr kräftig mit Lesen, Kommentieren und Inspiration unterstützt habt!

Für das neue Jahr 2015 wünschen wir euch Gesundheit, Glück und viel guten Lesestoff!

Wir machen bis zum 5. Januar Blogpause und freuen uns schon jetzt auf das Wiederlesen im Jahr 2015!

Eure lesErLeben-Leserinnen :-)

Montag, 22. Dezember 2014

Rezension: »Kalevala« von Tilman Spreckelsen und Kat Menschik

Die Weihnachtszeit ist nicht immer besinnlich. An den Feiertagen entscheiden sich essentielle Angelegenheiten, Konflikte entladen sich, das große Drama steht zusammen mit dem Weihnachtsmann vor der Tür.

Wer Lust hat, sich über die Feiertage auch literarisch in einer düsteren Atmosphäre zu suhlen, für den gibt es ein ideales Buch für unter den Tannenbaum: die Kalevala, die finnische Nationalsage. 


Die Sage, die der Journalist Tilman Spreckelsen und die Illustratorin Kat Menschik aktuell nacherzählen, ist erdig, brutal, kalt, boshaft, wortkarg, helden- und antiheldenreich, größenwahnsinnig, blutrünstig und gruselig. Faszinierend auf eine eigenartige Weise, dunkel, finnisch. 

Ungebändigte Emotionen in einer vorzivilisierten Welt

Die Kalevala ist nicht nur, aber auch eine alternative Geschichte zur Entstehung der Erde. Die Geschichte beginnt mit einer Ente, die sechs goldene Eier und ein eisernes in einem Nest auf die Knie desjenigen Wolkenmädchens legt, das den Helden der Geschichte, den mächtigen Zauberer Väinämöinen, gebären wird. Noch vor seiner Geburt allerdings zerbrechen die Eier: »Aus Eiweiß und Eigelb wurden der Himmel und die Erde, Sonne und Mond, Wolken und Sterne.«

Väinämöinen schafft die Welt um ihn herum, verwandelt Ödland in geschäftige Dörfer. Er trifft auf Männer, die wie er auf Brautsuche sind. Er trifft auf und ist gleichzeitig auch oft Urheber von Leidenschaft und Verzweiflung, auf ungebändigte Emotionen und Reaktionen, die nur wenig mit unserer heutigen zivilisierten Welt gemein haben.

Gemetzel, Verweiflung, Heldentum

Ein solcher fantastischer Ausflug in eine dunkle, vorzeitliche Märchenwelt voller Gemetzel, Wiederauferstehung und Heldentum kostet einige Nerven, aber sie verspricht auch einen speziellen Zugang zur reichen finnischen Kultur, aber vor allem auch zur fantastischen Literatur. Denn die Kalevala gilt als Inspiration für J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe und Der Hobbit. Wer also Lust hat, über die Feiertage den gerade im Kino laufenden abschließenden Teil der Hobbit-Trilogie anzuschauen, der kann dies nun in dem Wissen tun, dass Mittelerde ihren Ursrpung gewissermaßen in Finnland hatte. 

Trotzdem ist diese Sage sicherlich nichts für junge LeserInnen, und auch nicht für jene, die über Mord und Todschlag nicht gerne lesen. Für alle anderen bietet die Nacherzählung von Spreckselsen und Menschik einen düster-schaurigen Einstieg in eine magische Zeit vor unserer Zeit.

Tilman Spreckelsen/Kat Menschik: Kalevala. Eine Sage aus dem Norden, Galiani, Berlin 2014.

Von Anne-Kathrin

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Auf meiner Wunschliste

Jaron Lanier – Wem gehört die Zukunft?

 

Zugegeben, der diesjährige Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels war mir persönlich zuerst unbekannt. Aber bereits die Ausschnitte seiner Rede aus der Paulskirche, die ich in den Nachrichten hörte, weckten mein Interesse. Er überzeugte mich thematisch auf einem Terrain, das uns allen gleichzeitig bekannt wie fremd ist: die digitale Welt.

Die virtuelle Realität
Wir alle nutzen das Internet, bewegen uns in einer digitalen Welt, die so demokratisch erscheint. Auf den ersten, naiven Blick ermöglicht sie jedem, die Informationen darin abzurufen und für sich selbst zu nutzen. Aber wir hinterlassen Spuren in dieser virtuellen Realität: Spuren, die für uns als Nutzer nicht unmittelbar sichtbar sind. Große Datenmengen (Big Data) werden im Hintergrund verarbeitet, verkauft und somit genutzt, um bspw. Firmen zu ermöglichen, Werbung auf uns zuzuschneiden oder Kundenverhalten besser beeinflussen zu können. Und dies geschieht ohne jegliche gesellschaftliche oder politische Kontrolle. Big Data ist den Global Playern unserer Zeit frei zugänglich.

Digitaler Humanismus
Und hier setzt Jaron Lanier an: Er vertritt die Meinung, dass nur wenige Technologen von diesem Wissen um die Datenspuren und deren Verarbeitung vor allen Dingen wirtschaftlich profitieren. Diese Ausbeutung der Daten ist undemokratisch und veranlasst Lanier, zu einem Humanismus in der digitalen Welt aufzurufen. Dieser bezieht sich nicht nur auf die Daten und deren wirtschaftlichen Nutzen, sondern auch auf das Verhalten der Nutzer im Netz. In Zeiten von Shitstorms und Massenbewegungen, die über das Internet ganze Revolutionen wie den Arabischen Frühling anzetteln, muss man sich laut Lanier die Frage stellen, wie weit kann eine solche Bewegung gehen? Und wenn sie sich zu einer brutalen und unbändigen Bewegung entwickelt, wer oder was hält sie in Zaum?

Wir realisieren den Effekt unserer Handlungen nicht mehr, denn wir erkennen in dieser virtuellen Realität die politischen und soziokulturellen Zusammenhänge nicht: Wir freuen uns darüber, dass alle Informationen und pseudo-demokratischen Möglichkeiten umsonst sind, ohne zu fragen warum? Und auf wessen Kosten?

Nachdem ich mich nun ein bisschen mit der Person Lanier, der übrigens keinen Facebook-Account besitzt, bekannt gemacht und seine Theorien in Ansätzen gelesen habe, steht Wem gehört die Zukunft? ganz oben auf meiner Weihnachtswunschliste. Der Versuch, das Narrativ der digitalen Welt zu definieren, und Lösungsansätze für die Probleme zu finden, die aus der Unkenntnis dieses Narrativs entstehen, fasziniert mich. Und schließlich betrifft mich dieses Thema als regelmäßiger Internetnutzer ganz unmittelbar.

Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?. Hoffmann und Campe. Hamburg 2014.

von Sigrid

Samstag, 13. Dezember 2014

Literarische Weihnachten - Was schenken?

Es sind weniger als zwei Wochen bis Weihnachten - da kann man schon mal langsam nervös werden, wenn man keine Geschenkideen, geschweige denn eingekauft oder gewerkelt hat. 

Zumindest, wenn ihr etwas für Leseratten sucht, haben wir ein paar Tipps für Euch:  
(Foto: Roland Büchter)
  1. Kennt ihr das - ihr wollt eigentlich nur noch schlafen, aber die alte Nachteule neben euch will noch zwei Stunden im Bett lesen? Schaut doch mal, ob ihr nicht ein schönes Booklight findet! 
  2. Das Wort Leseratte ist der Anlass für Barbara Wersbas schön illustriertes Buch "Ein Weihnachtsgeschenk für Walter" (2007). Denn Walter ist eine Ratte, die - wie sollte es auch anders sein - lesen kann! Er lebt bei einer Autorin, die sich skandalöserweise dazu entscheidet, eine Maus statt einer Ratte zur Hauptfigur ihres Werkes zu machen. Das kann Walter sich natürlich nicht einfach so gefallen lassen... Für etwas ältere Kinder, oder Erwachsene, die sich gerne ein wenig verzaubern lassen. 
  3. Mit Steinchen gefüllte Türstopper eignen sich auch super als Buchstützen und sehen meistens nicht so verstaubt aus wie die üblichen Kandidaten. Vielleicht näht ihr ja sogar selbst welche...
  4. Bücher gibt es auch im absoluten Miniformat: Ohrringe und Anhänger für Literaturliebhaber gibt es aus den verschiedensten Materialien und in kreativen Designs. Einfach mal ein bisschen im Netz stöbern! Handgefertigte Unikate sind in und mittlerweile leicht aufzutreiben. Nur der Luxus der "Qual der Wahl" bleibt euch eventuell nicht erspart! 
  5. Ein Gutschein für eine Lesung des Lieblingsautors - da ist die persönliche Widmung mit etwas Glück gleich mit dabei! 
  6. Eine Ebook-Hülle aus Leder hat ja jeder! Aber wie wäre es mit einer selbstgenähten aus robustem Filz? Keine ausgefransten Nähte, die man umnähen muss, und Motive lassen sich schnell und problemlos applizieren. 
  7. Für die schreibbegeisterten Literaturfreaks: Wie wäre es mit einem Gutschein für einen Autorenworkshop
  8. Habt ihr Bücher zuhause, die ihr nicht mehr braucht? Dann ist die Weihnachtszeit sicher ein guter Zeitpunkt, mal im Kinderkrankenhaus, in der Bibliothek oder beim Roten Kreuz nachzufragen, ob gerade Bücherspenden gebraucht werden! 
Was sind eure Ideen für dieses Jahr? 

von Freya

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Anti-Stress-Therapie – Es lebe die Buchhandlung!

Zum ersten Mal seit Wochen fühle ich mich einigermaßen erholt. Und arm. Nicht, weil ich im Urlaub war. Nein, ich komme gerade mit einem Stapel Bücher unter dem Arm aus der Buchhandlung.

Ich gebe es zu – früher noch regelmäßig und stundenlang in den Lesecken von Büchereien und Buchläden zu finden, erstehe ich meine Lektüren mittlerweile schon seit Jahren in erster Linie bei einem, nun ja, allen wohlbekannten Online-Riesen. Es geht schnell, es ist oft billiger, und ich habe nicht schwer zu schleppen.

Leider habe ich über die Jahre aber doch einige Dinge vergessen. Vergessen, warum ich früher mit meiner Mutter durch die Buchläden getingelt bin und ganze Tage bei Barnes & Noble oder in der süßen Buchhandlung Schnelle auf dem Sofa oder Fußboden verbrachte. Vergessen, warum ich als Kind in der Stadtbücherei herumlungerte. Vergessen, warum sich das Schleppen, zwei, drei Euro mehr, und die investierte Zeit manchmal lohnen
 
(Foto: Roland Büchter)

Eigentlich wollte ich nur schnell Haferflocken für meinen angeschlagenen Magen kaufen gehen. Doch bevor ich mich versah, hatte ich so ziemlich jedes Regal abgelaufen, hatte Dutzende von Büchern in den Händen – manche brachten mich zum Schmunzeln, andere begeisterten mich, wieder andere provozierten ein Augenrollen – und summte, wie mir irgendwann auffiel, abwechselnd leise "Es ist ein Ros' entsprungen" und "Für Elise" vor mich hin.

Und irgendwann merkte ich, dass es mir ziemlich gut ging. So entspannt, wie lange nicht mehr, stand ich da, und mit jedem Buch-Cover, mit jeder Seite, die ich überflog, vergaß ich eine Sorge mehr. Ich war wieder Kind und hatte die wunderbare Gabe, die Realität auszublenden, wiederentdeckt. Der Stapel in meinen Händen wurde immer größer, so dass ich ihn hin und wieder beiseite legen musste, um mir ein weiteres Buch anzuschauen. Nach zwei Stunden weckte mich eine Verkäuferin aus meiner Trance, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass der Laden in zehn Minuten schließe. “Achso... ja... kein Problem”, sagte ich etwas beduselt.

Und es war auch keines. Denn hätte ich noch mehr gekauft, hätte das Geld für die Pizza nicht mehr gereicht. Nun sitze ich mit geschwollenem Magen, aber ausnahmsweise ohne Magenkrämpfe, auf dem Sofa. Und ich dachte, ich müsste erst nach Italien fahren

Nächste Woche hole ich mir einen Ausweis für die Stadtbibliothek... 

von Freya 

Montag, 8. Dezember 2014

Rückblick: unsere Themen im November

Wir werfen jeden Monat einen Rückblick auf unsere Posts - und möchten euch so die Orientierung und das Nachlesen unserer Beiträge erleichtern! 



Im November haben wir über Frauenfiguren in isländischen Romanen öffentlich diskutiert. Aber auch hier auf lesErLeben waren wir wieder recht kreativ:
 
Inspiriert von Anne-Kathrins Ein-Wort-Schreibübung hat sich Anne im November an eine »Dramatische Geschichte« über Karin und Martin gewagt - ein Drama mit mindestens zwei Silben. 

Wo lässt es sich besser lesen als auf dem »stillen Örtchen«? Jessica hat anlässlich des Welttoilettentags eine kleine Hommage an diesen für BücherfreundInnen sehr geeigneten Leseort geschrieben.

Wunderbar streiten lässt es sich über die Essays der Feministin Katie Rophie, findet Anne-Kathrin. Sie hat Roiphes Essayband Messy Lives rezensiert.

Über die Weihnachtsfeiertage hofft Julia auf genug Muße, um zwei Klassiker auf ihrem SUB zu lesen. Wir wünschen sie ihr (und uns allen) von Herzen! :-)

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Vorlesen im Altenpflegeheim - die vierte!

Ein bisschen schön und ein bisschen traurig war es dieses Mal im Altenheim in Heuchelheim. Dass wir eine etwas kleinere Gruppe waren als sonst, lag zum einen daran, dass es für einige unserer Stammzuhörerinnen viel Besuch gab. Aber dass wir von unserer besonders kecken Mascha-Kaléko-Bewunderin Abschied nehmen müssten, hatten wir nicht geahnt. Auch unsere begeisterte Sängerin haben wir vermisst, doch wir drücken die Daumen, dass es ihr bald wieder besser geht! 

Über viele vertraute Gesichter konnten wir uns trotzdem freuen - und zum ersten Mal auch über einen Herren in unserer illustren Runde! Angesichts des Temperaturumschwungs der letzten Tage hatten wir beschlossen, dass es auch Ende November bereits Zeit ist, für ein wenig Advents- und Weihnachtstimmung zu sorgen. Und so stimmten wir mit Gedichten und Geschichten unseren Kreis gespannter Zuhörer auf die nächsten Wochen ein. 

Kommt sicher auch in diesem Jahr vorbei: die Weihnachtsmaus
Von Goethe war wie immer etwas dabei, denn wie von "unserer" Pflegerin heiter angemerkt wurde, bringt dieser es immer "auf den Punkt". Auch die Kaléko-Tradition wurde weitergeführt. Beim Lesen altbekannter Texte wurde immer mal mitgeflüstert, was natürlich etwas an der Konzentration nagte, aber auch das Tollste ist am Vorlesen und gleich für das nötige weihnachtliche Flair sorgte.

Das laute Sprechen haben wir uns mittlerweile gut antrainiert und neben geschmackvollem Eichendorff-Kitsch gab es auch genug zu lachen. Sigrid lies es sich natürlich nicht nehmen, wieder in der Astrid-Lindgren-Ecke zu wühlen, und wer kann es ihr verdenken? Weihnachten im Stall gab dem Nachmittag den klassisch-modernen Touch und sorgte für die typisch-weihnachtliche kindliche Nostalgie, die man als Erwachsener ja doch ein wenig vermisst.

Und eins durfte natürlich nicht fehlen. Die Weihnachtsmaus von James Krüss, die Sigi, Julia und ich zusammen vorlasen, kam wie erwartet gut an und machte ordentlich Appetit auf Weihnachtsplätzchen. Gut, dass das Abendessen nicht mehr weit war... 

von Freya


Dienstag, 2. Dezember 2014

Literatur und politischer Protest: Thailändische Studierende protestieren mit Handzeichen aus den "Tributen von Panem"

In diesen Wochen, in denen der dritte Teil der Tribute von Panem in den Kinos läuft, ist ein Symbol aus der Welt der Fiktion in der Realität angekommen. 

Die Tribute von Panem (Orig. The Hunger Games) der amerikanischen Autorin Suzanne Collins ist eine Jugend-Dystopie, in der in einem fiktiven Land zwölf Distrikte von einem einzigen, dem Kapitol, ausgebeutet und unterworfen werden. Die Hauptfigur, Katniss Everdeen, wird über die drei Bände der Saga von einem mutigen Mädchen, das sich für seine Schwester opfern will, zur Symbolfigur des Widerstands gegen die brutale Regierung des Kapitols. Das Zeichen des Widerstands, das in der Verfilmung aufgegriffen wurde, ist eine erhobene Hand mit drei ausgestreckten Fingern.

Dieses Handzeichen ist medienwirksam kurz vor dem Kinostart des dritten Teils von Studierenden in Thailand als Symbol des Protests gegen die Militärregierung benutzt worden und hat damit die Grenzen zwischen Fiktion und Realität durchbrochen. Die Protestierenden nutzen die Aufmerksamkeit, die der Film in der Weltöffentlichkeit bekommt, um einen Teil davon auf ihre Situation zu lenken. Aber sie bedienen sich auch einer Geste, die im Buch die Hoffnung der Widerstandsbewegung symbolisiert und mit Hilfe derer sich die Aufständischen gegenseitig erkennen. Es ist ein Erkennungszeichen und ein politischer Akt.
Die Konsequenzen für die öffentliche Anwendung des Handzeichens sind sowohl im Buch wie auch in der Realität die gleichen: Wer sich offen zum Widerstand bekennt, wird verhaftet.

Es ist absolut gänsehautverdächtig, wie Literatur (in diesem Fall die Verfilmung) auf reale politische Verhältnisse wirken kann. Und wie leicht ein literarisches Zitat, und sei es eine Geste, eine Gefahr für die eigene Sicherheit bedeutet.

Von Jessica

Samstag, 29. November 2014

Julias SUB im November

Beim Blick auf meine beiden Bücherstapel und meinen letzten SUB-Post fällt mir auf, dass ich einiges gelesen habe in den letzten Monaten. Allerdings sind einige Bücher auf dem Stapel geblieben, den sie schon im Januar zierten. Vor allem die umfangreicheren Klassiker scheinen sich in ihrem Stapel wohl zu fühlen. Vielleicht findet sich in der Weihnachtszeit auch ein bisschen Muße um mich den beiden zu widmen. Natürlich erst, wenn die Lektüre der entsprechenden Weihnachtsliteratur erfolgt ist. Die erneute Lektüre von Die Weihnachtsmaus war nur der Auftakt für die vielen Weihnachtsgeschichten. Solltet Ihr noch Tipps für tolle Bücher zum Winter und zu Weihnachten haben, lasst es mich wissen.

SUB (= Stapel ungelesener Bücher)
- Haruki Murakami: Wie ich eines schönen Morgens im April das 100% Mädchen sah
- Arwen Elys Dayton: Resurrection
- Ezra Pound: Poems
- Virginia Woolf: Night and Day

SAB (= Stapel angelesener Bücher)
- Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit (wanderte auch schon vor einiger Zeit vom SUB hierher)
Außerdem die zwei alten Bekannten:
- James Joyce: Ulysses
- Herman Melville: Moby Dick

Montag, 24. November 2014

Rezension: »Messy Lives« von Katie Roiphe

Wenn der erste Blick ins Inhaltsverzeichnis eines Essaybandes auf den Titel »Der perverse Reiz des unaufgeräumten Lebens« trifft, klingt das schon einmal vielversprechend - und verrät damit auch gleich das zentrale Anliegen der Autorin Katie Roiphe in Messy Lives.

Denn Roiphe, US-amerikanische Journalistin und Schriftstellerin, plädiert in ihren Essays für ein Leben mit mehr Um- und Abwegen. Zu steril sei unser bürgerliches Leben, zu konservativ, zu bio, zu angepasst. Unaufgeräumtheit ist für sie ein Wert, für den sie kämpft. Nicht nur ihre Analyse der Retro-Serie Mad Men (die wir hier als engagierte TV-Serie besprochen haben) zeigt ihr: Wir aus der bürgerlichen Mittelschicht legen uns einen Ordnungs- und Sicherheitsfetisch zu, der nicht nur spießig ist, sondern uns auch unnötig beengt. Sie beklagt

»diese offen zutage tretende Phantasielosigkeit, diese geistige Enge und dieser Provinzialismus in eigentlich liberalen, progressiven New Yorker Kreisen, vor allem diese von allen betriebene ständige Beschäftigung mit dem Thema Gesundheit und diesem nie offen verhandelten Vorurteil gegenüber denjenigen, die versuchen, anders zu leben«.

Unabhängige und kluge Schreibe
Roiphe betont immer wieder, manchmal vielleicht etwas zu häufig, wie unaufgeräumt ihr eigenes Leben sei:

»Meine beiden Kinder haben zwei verschiedene Väter, mit keinem von beiden bin ich zusammen. Es hat gedauert, auf dieses Niveau von Unaufgeräumtheit zu kommen, aber am Ende habe ich es geschafft.«

Sie schreibt über das Kinderhaben und Familienwerte, über Literatur, über das Internet, und auch ein bisschen über Politik. Ihre intelligente Analyse über die Feindseligkeit, die Hillary Clinton als Frau im Präsidentschaftswahlkampf entgegenschlug, ist ein Beispiel für ihre sehr kluge und unabhängige Schreibe.
 
Damit eckt Roiphe aber auch an vielen Stellen an. Gerade die Ansichten der Feministin Roiphe zu klassischen und nicht-klassischen feministischen Themen laden zu Debatten ein. Zu streiten lohnt sich nicht zuletzt über ihre These, die Shades of Grey-Fantasien von weiblicher Unterwerfung seien verknüpft mit der zunehmenden Macht, die sich Frauen im beruflichen Leben schaffen. Diskussionswürdig erscheint ebenfalls Roiphes Präferenz im Hinblick auf literarischen Sexismus: So verteidigt sie mit Nachdruck die machistischen Texte von Autoren wie John Updike, Norman Mailer und Philip Roth. Sie ziehe, so schreibt sie, diese Autoren und ihrem Sexismus den nicht weniger sexistischen jungen Autoren der Gegenwart vor. Denn in deren narzistischer Welt spielten Frauen gar keine Rolle mehr. 

Beitrag zur »völligen Vernichtung der literarischen Kultur«
Roiphes Thesen sind manchmal fragwürdig, oft steil und meist irgendwie unbequem. Das macht sie zu einer spannenden und guten Essayistin. Eine, die sich eher über Kritik freut, die den Diskurs schätzt, die Ansporn aus Dissenz zieht, wie ihre Reaktion auf einen Leserbrief aus der New York Times zeigt:

»'Sie leisten nicht nur einen Beitrag zur völligen Vernichtung der literarischen Kultur, sondern auch zur Zerstörung unserer Zivilisation. Denken sie mal darüber nach.'  [...] Ich habe diesen Kommentar im Büro an die Wand gepinnt, wo er als Inspiration für Tage, an denen ich nicht in die Gänge komme, bis heute hängt.«

Katie Roiphe: Messy Lives. Für ein unaufgeräumtes Leben, Ullstein, Berlin 2013

Von Anne-Kathrin