Freitag, 27. März 2015

Rezension: >>Flut und Boden<< von Per Leo

Ich mache kein Geheimnis daraus: Lange war ich nicht so fasziniert, beeindruckt - und einer Lektüre zugleich streckenweise so müde wie im Falle von >>Flut und Boden<<. Noch einen Nazi-Familienroman wollte ich in naher Zukunft eigentlich gar nicht lesen. Aber Leos Buch ist in diesem Genre etwas Besonderes und überrascht auf mehreren Ebenen. 

Mein Wissen um die Existenz dieses Romans kam nicht etwa daher, dass es 2014 für den Leipziger Buchpreis nominiert wurde. Nein, man hat mich mit den verächtlichen Worten, “da ist ein verherrlichendes Kapitel zu Herbert drin” darauf aufmerksam gemacht. Zwar habe ich nie in Freiburg studiert, aber in Ulrich Herberts Vorlesung, da saß auch ich einmal drin. Herbert ist eine Größe unter den deutschen Historikern und einer, zu dessen Person die Wahrnehmungen in alle Richtungen auseinandergehen – nicht aber in Bezug auf seine Qualitäten als NS-Wissenschaftler.

Per Leo macht sich sein Vorbild im Studium daher auch schriftstellerisch zunutze: Indem er Herberts Seminar "Nationalsozialistischen Vernichtungspolitik während des Zweiten Weltkriegs" und sein individuelles Charisma als Aufhänger benutzt, um dem Leser einen willkommenen Gegenpol zu bieten. Aber einen Gegenpol zu was?

Das 350-Seiten Werk des promovierten Historikers Leo spielt mit dem klassischen Familienroman - und ist doch ganz anders. “In diesem Genre”, schrieb ich ein paar Absätze zuvor. Als "Familienroman" betitelt zwar auch Leo seine Geschichte, lesen tut sie sich aber über lange Strecken wie ein weit ausschweifender literarischer Aufsatz. Wie ein Erzähl-Opa im Ohrensessel, nur peppiger, witziger und philosophischer, kommt der Autor daher.

Opa – ein gutes Stichwort, um zum Kern des Romans zu kommen. Per Leo verschleiert sein Erzähl-Ich nicht, er schreibt als er selbst, er schreibt über seine Familie. Es ist ein Portrait, das er trotz - oder wohl eher gerade wegen – seiner Scham ungeniert an die Öffentlichkeit trägt. Eine Art Selbsttherapie, wenn man so will. 

Leo begibt sich mit seinem Roman "auf die Couch"
(Foto: Roland Büchter)
Als Per Leo im Regal seines verstorbenen Großvaters diverse NS-bejahende Bücher entdeckt, fällt er in eine tiefe Krise. Ich – der Nazi-Enkel. Ein vielfach in der Literatur und den Medien verarbeitetes und gefürchtetes Eingeständnis. Als Geschichtsstudent mit Nazi-Komplex besucht er also den psychologischen Dienst der ALU Freiburg, um von seiner inneren Leere zu berichten. Von der Beraterin zunächst nicht ernst genommen, erwähnt er im Nebensatz die Entdeckung der SS-Vergangenheit seines Großvaters – Grund genug für eine Diagnose! Doch Per Leos Umgang damit zeigt, dass man die deutsche Vergangenheit auch anders aufarbeiten kann. Er spielt mit seinen historischen Quellen, mit Textauszügen aus persönlichen Dokumenten der Familienmitglieder, und tut dies lebhaft, humorvoll und in höchst eleganter Sprache. Zugegeben, man merkt am Stil, dass Leos “Roman einer Familie” von einem geübten Geisteswissenschaftler verfasst ist. In Teilen sind sowohl Sprache als auch Inhalt verschachtelt, gestelzt, akademischer Natur und teilweise schwer verständlich. Seine seitenlangen philosophischen Überlegungen und Passagen sind zweifellos Geschmackssache. Und doch holt er seine Leserschaft – ganz gleich welcher Art – immer wieder ab und erhält ihr Interesse an der Geschichte und seinem Erzählstil aufrecht.

“Geschichte” sollte man hier mindestens im doppelten Sinne verstehen, denn in der Tat tritt Leo an Vieles in seinem Text aus ideengeschichtlicher Perspektive heran. Er bietet dabei eine analytische Betrachtung der menschlichen Psyche, indem er insbesondere zwei ihm (auf ganz unterschiedliche Weise) nahestehenden Figuren nachzeichnet: Sein Großvater Friedrich Leo ist kein Selbstverwirklicher. Er scheitert im Privatleben sowie im Beruflichen – bis sich ihm die Möglichkeit bietet, bei den Nazis Karriere zu machen: im Rasse- und Siedlungshauptamt. Den Kontrast dazu bildet sein Onkel Martin, anhand dessen Werdegang er gelungen darstellt, wie bei gleicher Sozialisierung zwei völlig unterschiedliche Seelen heranreifen: eine anthroposophisch geprägte, und eine nationalsozialistisch korrumpierte. Dabei schafft Leo es, den üblichen Klischees auszuweichen. Er kratzt nur an der Oberfläche der Kriegsgeschehnisse, doch gerade dadurch gewinnt seine Schilderung etwas erfrischend Neues.

Der Roman kommt in vielerlei Weise ohne die uns bekannte Dramatik aus. Aber wirkt dies wie Verharmlosung oder überzeugt das Werk gerade dadurch? Entscheidet selbst...

von Freya 


Per Leo: Flut und Boden: Roman einer Familie, Klett-Cotta Verlag, 2014. 

Dienstag, 24. März 2015

Rezension »Todesangst und Überleben nach extremer Gewalt« von Marlene Pfaffenzeller


»Es gab dann einen kurzen Wortwechsel, dann zogen die Männer plötzlich eine Waffe und erschossen meinen Vater mit sieben Schüssen. Wir Kinder haben alles mit angesehen.« Eloia (Name von M. Pfaffenzeller geändert) aus Kolumbien

Die Neurologin und Psychiaterin Marlene Pfaffenzeller hat in Ihrer Praxis jahrelang traumatisierte Flüchtlinge behandelt. Flüchtlinge und Einwanderer aus der Ost-Türkei waren immer wieder Patienten von Pfaffenzeller, ein Kollege, der lange Jahre in Ruanda gearbeitet hat, lud sie ein und eine familiäre Verbindung brachte sie nach Kolumbien. Kontakt zu den Opfern kam auch über  Menschenrechts-organisationen zustande, die in den entsprechenden Gebieten aktiv sind. 

Pfaffenzeller stellt den Interviews eine kurze Einführung in die historische und gesellschaftliche Situation in den besuchten Gebieten voran. Nach einigen Eingangsfragen zur Geschichte der Opfer, ihrer Kindheit und bereits bestehenden Erkrankungen der Person und deren Familie, berichten die Opfer von ihren jeweiligen Erlebnissen. Die Interviewten aus der Ost-Türkei erzählen vor allem von Übergriffen von staatlicher Seite, in Kolumbien berichten die Opfer sowohl von regulärem Militär, als auch von paramilitärischen Gruppen und kriminellen Banden als Gewalttäter und in Ruanda kommen die Taten der verschiedenen Bürgerkriegsbeteiligten zur Sprache.

Die Lebenswege der Interviewten vor und nach (oder in der weiter andauernden gewaltbelasteten Umgebung) sind sehr unterschiedlich. Egal wie intensiv die Gewalterfahrung war, die die einzelnen Personen erlebt haben und wie sie diese verarbeitet haben, fällt eine Gemeinsamkeit auf: auch wenn sie sich nach ihren Erfahrungen für weitere Gewaltopfer eingesetzen oder versuchen ihre Gesellschaft zu verbessern, ist doch deutlich, dass sie erschüttert waren, was Menschen einander antun können. Es wird außerdem deutlich, dass viele Gewaltopfer Frauen und Mädchen sind, während die Gewalttäter häufig Männer sind. Einige der Opfer wurden durch die Gewalt nicht nur traumatisiert, sondern erfuhren auch anschließend Stigmatisierung und Ausgrenzung durch Familie und Freunde. Dies führt zu einer prekären Lage in Gesellschaften, in der viele von Anfang an erfahren, dass man als Opfer auch noch dafür geächtet wird Opfer zu sein. Es entsteht eine gefährliche Spirale.

Ausführlichere Informationen zu den Situationen in den einzelnen Ländern und der bisherigen Forschung in der Verarbeitung von Traumata, z.B. ob Frauen deutlich mehr unter Gewalt leiden oder ob sie eher bereit sind Hilfe in Anspruch zu nehmen und sich zu ihren Erlebnissen zu äußern, wären eine tolle Ergänzung für die Interviews gewesen.
Trotzdem ist dies ein wichtiges Buch, das für die extremen Erfahrungen und das Leid sensibilisiert, die viele Menschen erleiden mussten. Die Erzählungen sind nicht einfach zu lesen und zu verarbeiten. Es wird deutlich, dass nach einem Krieg, Bürgerkrieg, Terrorattacken oder wie auch immer die Gewalt benannt wird, nicht einfach ein Schlussstrich gezogen werden kann. Dies schafft hoffentlich mehr Verständnis für Flüchtlinge und traumatisierte Bevölkerung in Zeiten der verstärkten Ausgrenzung und weltweit immer neuen Gewaltausbrüchen.

Marlene Pfaffenzeller: Todesangst und Überleben nach extremer Gewalt. Interviews mit traumatisierten Menschen in der Türkei, Südamerika und Ruanda, Kulturmaschinen Verlag Ochsenfurt 2014

von Julia

Freitag, 20. März 2015

Rezension »Titos Brille – Die Geschichte meiner strapaziösen Familie« von Adriana Altaras

Wir freuen uns heute einen Beitrag unserer Gastbloggerin Maren posten zu können. Sie hatte sich bereits in unserer Rubrik Und was liest Du so? vorgestellt und lässt uns jetzt an ihren Eindrücken zu Adriana Altaras teilhaben. 

»Jede Familie hat gleichermaßen viele Geschichten wie Geheimnisse. Die Geschichten muss man sich unentwegt anhören, damit die Geheimnisse im Dunkeln bleiben.«

Nach dem Tod ihrer Eltern erbt Adriana Altaras, geboren 1960 in Zagreb, das Auto ihres Vaters, einige Tausend Euro, die Wohnung ihrer Eltern in Gießen und ein laufendes Restitutions-Verfahren gegen die kroatische Regierung. Vor allem aber erbt sie Geheimnisse, Neurosen und Müll. Ihre Eltern haben alles aufgehoben, 34 Jahre lang. Aber sie findet, neben bis oben hin vollgestopften Schränken auch Dokumente, Bilder und Filme. Sie findet Erinnerungen – skurrile, lustige und traurige.

Ihr Erbe veranlasst sie dazu, in ihrem Roman Titos Brille, die Geschichte ihrer jüdischen Familie aufzuschreiben und ihren Geheimnissen auf den Grund zu gehen. Sie erzählt von ihrer Großmutter Hermine, die zusammen mit ihren zwei Töchtern in von italienischen Besatzern verwalteten Lagern inhaftiert war. Sie erzählt von ihrem Vater Jakob und ihrer Mutter Thea, die bei den kommunistischen Partisanen im ehemaligen Jugoslawien für Marschall Tito gekämpft haben und später, enttäuscht und verraten von der eigenen Partei, fliehen mussten. Sie erzählt von ihrer Tante Jelka, von der sie 1964 nach Italien geschmuggelt wurde, von Onkel Miko, der an der Klagemauer Saft an Touristen verkauft hat, von der Bar-Mizwa ihres Sohnes, von ihrem deutschen Ehemann, von Heimweh und Herkunft und von ihren Dibbuks, den Geistern der Verstorbenen.

Der Buchtitel erklärt sich aus einem der vielen Familiengeheimnisse. Jakob Altaras war ein Held. Vor einem wichtigen Kampf der Partisanen hat er Titos Brille repariert und sie haben den Kampf gewonnen. Es stellte sich heraus – Tito trug überhaupt keine Brille. Es gibt einige solcher Heldengeschichten über ihren Vater, aber welche davon wahr und welche falsch sind, wird Adriana Altaras wohl nie erfahren. Sie trägt es mit Fassung: »Se non è vero, ben trovato! – falls es nicht wahr ist, ist es doch gut erfunden!«

Der Roman ist geprägt vom temperamentvollen Charakter der Autorin und erzählt neben der bewegenden Familienchronik auch etwas über das heutige jüdische Leben in Berlin, über jüdische Bräuche, Regeln und Abläufe, mit denen die Autorin in einigen Punkten selbst hadert. Es sind sowohl humorvolle als auch traurige, aber vor allem ehrliche Geschichten die Adriana Altaras in Titos Brille zusammengetragen hat. Sie erzählt mit Leidenschaft, Selbstironie und viel jüdischem Witz (im wahrsten Sinne des Wortes, da einige jüdische Witze zum Besten gegeben werden).

Ebenso unterhaltsam wie das Buch ist der gleichnamige Film, in dem die Autorin den Zuschauer mit auf eine Reise zu den Orten ihrer Vergangenheit nimmt. Mit dem 26 Jahre alten Mercedes ihres Vaters fährt sie von Berlin nach Gießen, an den Gardasee zu ihrer Tante, nach Split, den Geburtsort ihres Vaters und schließlich nach Zagreb. Der dokumentarische Stil in dem der Film gedreht wurde und die immer wieder eingeschobenen Ausschnitte aus alten Super 8 Filmen, geben dem Film eine besondere Authentizität. Ein lohnenswerter und schöner Film.

Buch und Film machen direkt Lust auf Adriana Altaras zweites Buch Doitscha – Eine jüdische Mutter packt aus. Man will mehr lesen über diese jüdisch-deutsche Familie.

Adriana Altaras: Titos Brille. Die Geschichte meiner strapaziösen Familie, Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main, 2012

von Maren

Dienstag, 17. März 2015

»Und wie seht ihr das?« - »Die Frau des Arbeiters« von Minna Canth, Teil II

In unserer Rubrik »Und wie seht ihr das?« wollen wir euch unsere Literaturclub-Treffen näher bringen: In Interviewform werden wir euch Fragen und Meinungen präsentieren, die wir so in geselliger Runde an- und ausdiskutiert haben und so gleichzeitig auch die Werke besprechen, die wir lesen.

Wie fandet Ihr das Ende?

Leonie Wenig überraschend und etwas vorhersehbar. Ein Pluspunkt war für mich, dass es sich um ein Ende handelt welches, meiner Meinung nach, die Leserin etwas entrüstet zurücklässt, anstatt die entstandenen Spannungen bezüglich der Beziehungen zwischen Frauen und Männern im Stück durch die Figuren aufzulösen. Eine solche Methode würde ich als durchaus ‚engagiert‘ bezeichnen, schafft sie es doch die Leserin zumindest zum Nachdenken über die Thematik anzuregen. Viele Zeitgenossinnen konnten sich sicher mit der Frau des Arbeiters und ihrer Unfähigkeit sich aus ihrer Situation zu befreien identifizieren.  

Anne-Kathrin Leider ganz und gar zur Tragödie passend…

Lisa Das Ende hat mir – im Gegensatz zum Rest des Buches – nicht gut gefallen. Der Tod der Protagonistin erschien mir als zu romantisch und, messen wir es an naturalistischen/realistischen Maßstäben, ein Bruch mit dem Genre. Das Elend des Lebens, die Gewalt der ökonomischen Abhängigkeit und Ausweglosigkeit innerhalb der finnischen Gesellschaft, die zuvor realistisch und erdrückend beschrieben wurden, wird durch den Tod der Protagonistin aufgebrochen: Wie durch göttliche Gnade erlöst er die »Frau des Arbeiters« von den irdenen Qualen – sie stirbt nicht (nur?) an Hunger, Kälte oder körperlicher Gewalt, sondern vor Gram an und über die Gesellschaft und Lebensbedingungen. Der harten Linie des Realismus ist somit gegen Ende eine, vor dem Schlimmsten bewahrende Kraft entgegengesetzt: der Tod. Allerdings, und das verleiht dem Abschluss des Dramas gesellschaftliches Gewicht, wird der Sohn nun von der Arbeiterin erzogen – der Tod der Mutter hat ihm damit einen Ausweg aus der Misere geboten. Ihm eröffnet sich dadurch zumindest die hoffnungsvolle Option, ein besserer (?) selbstbestimmter Bürger/Mensch/Mann(?) zu werden und damit die Zukunft seines Landes mitzugestalten.

Jessica Tja, ohne zu viel zu verraten würde ich sagen, ich hätte mir zwar ein anderes Ende gewünscht, aber in der Logik des Stückes macht es absolut Sinn.

Julia Schon kurz nach Beginn hatte ich die ‚Befürchtung‘, dass ein solches Ende kommen würde und es passt zum Anspruch von Canth etwas verändern zu wollen. Dies funktioniert häufig nur mit den entsprechenden Verläufen der Figuren.  

Sigrid Das Ende ist zum Glück offen und bietet kein Happy End und keine Erkenntnis seitens des Mannes im Bezug auf die dargestellte Ungerechtigkeit. Denn so entlässt das Drama ihre Leserin und hoffentlich auch ihre Leser mit der Erkenntnis von Unrecht und Diskriminierung. Wir waren uns in der Diskussion hinterher unklar, ob das Drama auch um 1885 in Finnland genauso kritisch rezipiert werden konnte oder ob sich Männer beispielsweise im Recht gesehen haben und Frauen Johanna selbst die Schuld an ihrer Situation gegeben haben könnten.

Würdet Ihr das Buch weiterempfehlen, warum (nicht)?

Anne-Kathrin Wer mal auf ganz wenigen Seiten lesen möchte, auf wie viele unterschiedliche Weisen Frauen mitten im Herzen einer Gesellschaft unterdrückt, erpresst und erniedrigt werden können – und das Ganze dann nicht nur historisch zu lesen ist –, der sollte mit Minna Canths Drama anfangen. Und auch im Hinblick auf eine sozialistische Perspektive ist das Drama auf jeden Fall die Lesezeit wert.

Jessica Ich habe das Stück schon weiterempfohlen! Auch an einen Lesekreis, da ich finde, dass man es sehr schön besprechen kann. Außerdem war die Autorin für uns ja eine Entdeckung, und ich fände es schön, wenn auch andere sie für sich entdecken würden! Es lohnt sich.

Julia Es ist auf jeden Fall empfehlenswert. Einmal aufgrund seiner Darstellung der historischen Gegebenheiten, zum anderen sollte Minna Canth aufgrund ihrer enormen Leistungen auch außerhalb Finnlands viel bekannter werden.

Leonie Ja. Die Direktheit des Stücks macht es auch für mich als jemanden, der eigentlich weniger gern Dramen liest, leicht zugänglich. Als Muss erscheint mir allerdings ein Interesse an der Genderthematik, sonst kann man der Darstellung wahrscheinlich eher wenig abgewinnen.   

Lisa Ich würde das Drama weiterempfehlen, da es, meiner Meinung nach ein sehr kurzweiliger Text ist, der zugleich wichtige gesellschaftliche Thematiken bespricht. Die Schilderung des Werdegangs der »Frau des Arbeiters«, der unweigerlich in einer Tragödie enden musste, lässt den Leser mitleiden und wütend über die gesellschaftlichen Plagen, also den Alkohol und die (verrohten) Männer schimpfen. Es ist ein Text, der es schafft die Leser mitzureißen und ihnen darüber eine Zeit und ein Land näher zu bringen, die den meisten fremd und unvorstellbar erscheint.

Sigrid Ich würde es schon alleine deshalb weiterempfehlen, weil Minna Canth meines Erachtens zu Unrecht so unbekannt ist. Finnland war das erste europäische Land, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts das uneingeschränkte Wahlrecht für Frauen eingeführt hat und Ende des 19. Jahrhunderts wurde bereits das kritisierte Ehegüterrecht abgeschafft und die Gütertrennung eingeführt. Zudem schafft es Canth auf diesen 82 Seiten nicht nur die Geschlechterrollen und die Rechtsprechung zu kritisieren. Sie schlägt den Bogen auch von der Klassengesellschaft, der Situation der Arbeiter über die Religion, den Kapitalismus bis hin zu Intoleranz und Rassismus. Auf jeden Fall lesenswert - im besten Fall mehrmals damit man auch alle Anspielungen findet. ;-)

Samstag, 14. März 2015

»Und wie seht ihr das?« - »Die Frau des Arbeiters« von Minna Canth, Teil I

In unserer Rubrik »Und wie seht ihr das?« wollen wir euch unsere Literaturclub-Treffen näher bringen: In Interviewform werden wir euch Fragen und Meinungen präsentieren, die wir so in geselliger Runde an- und ausdiskutiert haben und so gleichzeitig auch die Werke besprechen, die wir lesen.

Was war Euer erster Eindruck von Die Frau des Arbeiters?

Anne-Kathrin »Huch, mal wieder ein Drama!« Nee, im Ernst, ich brauche immer ein paar Seiten, bis ich mich daran gewöhnt habe, wie kondensiert Handlung in Dramen meist ist, ohne literarische Schnörkel und Längen, und manchmal auch ohne helfende Einordnung und Emotionen durch eine/n ErzählerIn. Neben der formalen Ebene war ich aber auch auf inhaltlicher Ebene ob der gleich einsetzenden Ungerechtigkeiten gegenüber den weiblichen Figuren gleichsam konsterniert. 
 
Sigrid Zuerst war ich bei unserer Recherche nach einem engagierten finnischen Roman, bzw. in diesem Fall Drama, überrascht, dass der Name Minna Canth und die Errungenschaften dieser Frau doch leider so unbekannt sind in Anbetracht dessen, was sie für die Rechte der Frauen in ihrem Land geleistet hat. Ihr Engagement und ihre Hartnäckigkeit haben ihr anscheinend letztendlich dazu verholfen, dass ihr Geburtstag nun in Finnland als Tag der Gleichberechtigung gefeiert wird.
Ihr Drama Die Frau des Arbeiters ist auf dem Weg dahin eines ihrer wichtigsten Werke. Mein erster Eindruck war dabei geprägt von den stereotypen Geschlechterrollen und der Ohnmacht und Hilflosigkeit als Leserin gegenüber der verfahrenen Situation in dieser Erzählung. Denn Canth urteilt in ihrem Werk nicht offensichtlich, sondern packt die Leserin bei ihrer Moral; Sie stellt die Männer als verantwortungslose Trunkenbolde dar, die alle Rechte besitzen – vor dem Gesetz und innerhalb der Gesellschaft, und porträtiert die Frauen größtenteils als hilflos, ergeben und oberflächlich. Die Frauen waren, bis auf die Marktfrau, oft eher zu bemitleiden und in ihrer Situation gefangen.

Jessica Ich habe mich gefreut mal wieder ein Drama zu lesen! Was mich am Anfang verwirrt hat, waren die vielen Figuren, man bekommt aber schnell einen Zugang zum Stück.

Leonie Mein erster Eindruck war gut. Mir haben die Dynamik zwischen den Charakteren des Stücks gefallen und der umweglose Einstieg in die (Gender-)Thematik. Die Frau des Arbeiters hat mir als Protagonistin anfangs allerdings weniger zugesagt. Die Figur erschien mir etwas flach im Vergleich mit den anderen Frauen wie z.B. der Marktfrau Vappu und dem »Zigeunermädchen« Kerttu.

Julia Zuerst musste ich mir die Namen der Figuren genau anschauen, die finnischen Namen, wie Vappu oder Risto, waren für mich doch eher ungewöhnlich. Gleich auf den ersten Seiten steigt Minna Canth direkt ins Geschehen ein, tolle Abwechslung mal wieder ein Drama zu lesen, und schon am Anfang wundert man sich über die Reaktionen der Figuren. Recht schnell möchte man vor Wut auf die ungerechten gesellschaftlichen Gegebenheiten eigentlich lauthals protestieren und das Buch eigentlich weg werden. Doch Genau dieses Gefühl bewegte einen dazu weiterzulesen.

Lisa Die ausgelassene, freudige Erregung angesichts der anstehenden Hochzeit und die damit verbundenen Träume und Hoffnungen, zerschlagen sich bereits während der Feierlichkeit. Dieses zu Anfang freudige Moment weicht einer bedrückenden Gesellschaftsbeschreibung, welche die sozialen Themen als Leitmotive des Dramentextes einführt: die Rolle der Frau, die Rolle des Mannes, Kapitalismus, Alkohol, Elend und Tod. Dieser erste komplizierte Eindruck in die Vielschichtigkeit der finnischen Gesellschaft, die Kompromisslosigkeit, das vorherrschende Leid und die ohnmächtige, der Frau von der Gesellschaft zugeschriebene Rolle, bestätigt sich im Laufe der Lektüre.

Schätzt ihr die gezeigten Lebensgeschichten und die Schilderung der gesellschaftlichen Zusammenhänge als historisch genau ein?

Lisa Leider kenne ich mich in der finnischen Geschichte nicht gut genug aus, um diese Frage fundiert zu beantworten. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass die Beschreibungen relativ authentisch sind: russische/ schwedische Wörter innerhalb der Dialoge verweisen zumindest auf eine soziohistorischen Einfluss der beiden Länder auf Finnland. Bezüglich der geschilderten Lebensgeschichten, scheinen sie stereotyp gezeichnet zu sein: »Die Verrückte«, »Die brave Frau«, »Die Rebellin/Sozialistin(?)« – höchst wahrscheinlich sind deren geschilderte Lebensweisen und -geschichten stark an der außertextuellen Wirklichkeit orientiert.

Jessica Es war alles sehr nachvollziehbar geschildert, und die Details beziehen sich z.T. auf damalige gesellschaftliche Ereignisse, Debatten oder Veränderungen. Ich glaube, das Stück hatte auch den Anspruch einzelnes historisch genau darzustellen und wird der literarischen Strömung des Realismus zugeordnet.

Anne-Kathrin Das kann ich nicht genau sagen, mir aber gut vorstellen, dass sich vieles 1885, dem Jahr, in dem das Drama erschien, genauso abgespielt hat: etwa der Verlust der finanziellen und sozialen Eigenständigkeit der weiblichen Figur Johanna durch Heirat des mittellosen, alkoholsüchtigen Arbeiters Risto; die soziale Ausgrenzung und Erniedrigung der »Lotterliese«, einem Roma-Mädchen.
Sehr interessant finde ich, dass das finnische Parlament anscheinend noch 1885 ein Gesetz verabschiedet hat, wonach das Eigentum von Frauen auch in der Ehe bei ihr verbleibt. Dies könnte – falls eine direkte Verbindung zwischen dem Erscheinen von Minna Canths Werk und der Gesetzesinitiative bestünde, was ich schlicht nicht weiß – ein schönes Beispiel dafür sein, wie kritische und engagierte Literatur Realpolitik beeinflussen kann.

Julia In der Geschichte selbst kommt vieles an ungerechten Verhältnissen zusammen: die Ausbeutung der ArbeiterInnen, die Diskriminierung von Minderheiten, die Benachteiligung der Frauen. Da Minna Canth aktiv gegen die Verhältnisse vorgehen wollte und den Anspruch hatte auf die Probleme aufmerksam zu machen, denke ich, dass sie sich sehr genau auf die tatsächlichen Verhältnisse gestützt hat.

Leonie Ohne eine wirkliche Ahnung von der Geschichte und gesellschaftlichen Entwicklung Finnlands zu haben: Mir kamen die Zusammenhänge plausibel vor, vor allem im Hinblick auf die ähnlichen sozialen Gegebenheiten der europäischen Nachbarn. Auf historische Genauigkeit würde ich mich nicht festlegen wollen, kann mir aber sehr gute Gründe vorstellen, warum eine zeitgenössische Autorin auf diese durchaus viel Wert gelegt haben könnte. 

Sigrid Als historisch genau schätze ich die rechtliche Gegebenheit ein, die Canth thematisiert und kritisiert: das patriarchale Ehegüterrecht. Risto, die männliche Hauptfigur, brüstet sich zu Beginn damit, dass er eine Frau gefunden hat, die so hübsch ist und so viel Mitgift mit in diese Ehe bringt. Die gesellschaftlichen Folgen der Kombination von einer Eheschließung unter diesen Voraussetzungen und einem sorglosen, egoistischen und verantwortungslosen Mann werden in diesem Drama bestimmt überhöht dargestellt, erfüllen aber ihren Zweck. Denn Canth erhebt, wie gesagt, nicht den explizit Zeigefinger, sondern führt die Leserin an die Schicksale der Frauen heran und entlarvt die Doppelmoral und die Nutznießung der Männer. Diese radikale Gegenüberstellung und die unglücklichen Missverständnisse und Verstrickungen, die dadurch entstehen und letztendlich zum Tod der Protagonistin Johanna führen, heben die Ungerechtigkeit dieses patriarchalen Ehegüterrechts sowie der gesellschaftlichen Rollen hervor.