Dienstag, 25. August 2015

Crowdfunding von Literatur - »Der Besucher« von Jonathan Löffelbein


Was gelesen und verlegt wird, bestimmten lange Zeit die großen Verlage. Sie machten viel Werbung und setzten die Bestseller. Natürlich gab es immer wieder kleine Verlage, deren Autoren durch Lesereisen auch ein ansehnliches Publikum erreichen konnten, doch auch hier bestimmten ausschließlich die Verleger. Der Selbstverlag war nur für AutorInnen mit den entsprechenden Ressourcen interessant. Das Internet hat hier Möglichkeiten des Selbstverlages angeboten, mit (durchaus umstrittenen) Angeboten kann jede/r sein Werk vor allem elektronisch anbieten. Solche Angebote sind zwar sehr gut zugänglich, doch bietet sich nicht unbedingt eine Möglichkeit mit den verfassten Werken auch tatsächlich etwas zu verdienen oder gar in einem größeren Maße gelesen zu werden und als AutorIn anerkannt zu werden. 

Alternativ dazu werden immer mehr Literatur-Projekte über Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter, VisionBakery oder ähnliche Seiten, finanziert. Hier bietet sich AutorInnen die Möglichkeit herauszufinden, ob ihr Projekt InteressentInnen findet. Außerdem können neben den reinen Druckkosten auch Illustrationen u.ä. finanziert werden. Ein Verlag der ausschließlich mit Crowdfunding arbeitet ist der kladdebuchverlag. Hier entscheidet die potentielle Leserschaft, ob ein Buch veröffentlich wird oder nicht. kladde hat sich auch aus dem Wunsch heraus gegründet Bücher qualitativ hochwertig herzustellen und den AutorInnen einen fairen Preis für ihre Bücher zu zahlen. Damit kombiniert kladde das Crowdfunding mit einem klassischen Verlagsangebot.

© kladdebuchverlag
Über den Hinweis eines Freundes bin auf ein Projekt von kladde aufmerksam geworden: das Buch »Der Besucher« von Jonathan Löffelbein, dass auf Visionbakery nach Unterstützung suchte (die tolle Projektbeschreibung ist immer noch online!). Da ich bisher Bücher nur ganz ‚klassisch‘ gekauft hatte, war ich neugierig und die Beschreibung hat mich sowohl inhaltlich als auch über das Konzept des qualitativ hochwertigen Buches angesprochen. Unter einer Vielzahl von Möglichkeiten zur Unterstützung habe ich mich dann einfach für das Buch zum günstigen Vorverkaufspreis entschieden. Überraschend schnell hatte der Autor die benötigte Summe zusammen und hat dann sein Projekt um Illustrationen im Buch erweitert. Hätten sich nicht genug UnterstützerInnen gefunden, bekommt man sein Geld natürlich zurück. Nach dem Ablauf des Projektes informierte der Autor auch noch mal über den Stand des Projektes und wann man in etwa mit dem Buch rechnen kann. Vor kurzem erhielt ich dann das schön gebundene, illustrierte und ordentlich lektorierte Buch und wurde vom Inhalt nicht enttäuscht.

Die mittlerweile vielfältigen Konzepte zur Veröffentlichung von Literatur können sowohl LeserInnen als auch (potentielle) AutorInnen verwirren. Außerdem ist Crowdfunding kein Selbstläufer. Nur weil man ein gutes Projekt hat, bedeutet es nicht automatisch, dass es auch finanziert wird. Es muss trotzdem vom Autor/von der Autorin beworben werden, um genug Unterstützer zu bekommen. Ich stöbere auch weiterhin gerne zwischen bereits gedruckten Büchern in der Buchhandlung. Doch hin und wieder ein interessantes Projekt, vielleicht von einem bisher unveröffentlichten Autor, zu unterstützen und zu schauen, ob es veröffentlich wird ist eine sehr spannende Sache. Man fühlt sich ein wenig mit dem Buch verbunden und hat das Gefühl die Literaturlandschaft etwas mehr mit beeinflussen zu können. Crowdfunding und ein Verlag wie kladde stellen daher für mich eine schöne Bereicherung des Buchmarktes dar. 
Wie seht Ihr das? Habt Ihr schon eigene Erfharungen mit Crowdfunding von Literatur, als AutorIn oder UnterstützerIn?

von Julia

Dienstag, 18. August 2015

Rezension »Das innere Korsett. Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen« von Gabriela Häfner und Bärbel Kerber


Frauen sind heute rechtlich gleichgestellt, sie sind genauso gut ausgebildet wie Männer, die meisten Frauen wünschen sich eine gleichberechtigte Partnerschaft, Frauen möchten Familie und Karrier. Doch trotz dieser Entwicklungen und der Wünsche vieler, sind Managerinnen unterrepräsentiert und Frauen erledigen immer noch den deutlich größten Teil der (unbezahlten) Fürsorge- und Hausarbeit. Deutschland liegt bei der Gleichberechtigung mittlerweile hinter Staaten wie den Philippinen zurück. Es gibt eine Reihe von Büchern die sich mit diesem Thema befasst und die Meinungen reichen von Ansichten wie „Frauen wollen nicht“ zu „Frauen können nicht (biologistisch oder gesellschaftlich begründet)“.

Bärbel Kerber und Gabriele Häfner nehmen sich verschiedenste aktuelle Studien vor, die sich der Situation aus mehreren Richtungen nähern: was wollen Frauen und Männer eigentlich und wie entwickeln sich Kinder zu typischen Jungs und Mädchen. Dabei wird deutlich, dass bis in die Grundschule Mädchen und Jungen eigentlich noch sehr ähnlich in Temperament und Interessen sind, was anhand neurologischer Untersuchungen gezeigt werden konnte. Doch das ändert sich, spätestens in der Pubertät werden die Geschlechtsstereotype im Verhalten dominant, Mädchen halten sich für schlechter in Mathe und Jungs sind unerschütterlich von sich selbst überzeugt. Im Berufsleben merken dann viele Frauen, dass sie mit den „frauentypischen“ Eigenschaften, die erwünscht sind, keine Karriere machen können und falls sie es doch tun, wird ihnen als erstes ihr Frau-sein abgesprochen. Spätestens mit der Geburt des ersten Kindes ist der Rückfall in die traditionelle Geschlechterrolle abgeschlossen. Meist mit einer rationalen Begründung (weniger Gehalt als „er“, schlechte Betreuungssituation, etc.) scheiden Frauen aus dem Berufsleben aus und übernehmen die komplette Haus- und Erziehungsarbeit, selbst weiterhin berufstätige Frauen übernehmen diese Aufgaben und bleiben „natürlich“ Zuhause wenn das Kind krank ist. Aktuell kommt es sogar zu einer Re-Traditionalisierung, in Zeiten ohne feste geschlechtliche und gesellschaftlichen Identitäten werden Etikettierungen herbeigesehnt und verstärkt.

Ursachen für diese Entwicklungen machen Häfner und Kerber in dem aus, was sie „die (un)heimlichen Erzieher“ nennen. Rollenerwartungen sind häufig so subtil in unser Umfeld eingebaut, dass wir uns davon unbemerkt manipulieren lassen. Frauen haben in der Gesellschaft immer noch die gleiche Rolle zu spielen, wie in den 50ern: auf Harmonie bedacht, kommunikativ, angepasst, unterstützend und bei alldem möglichst hübsch zurechtgemacht. Ganz unbewusst behandeln Eltern, Freunde und Verwandte Mädchen und Jungen unterschiedlich, schreiben ihnen unterschiedliche Fähigkeiten zu, egal ob sie diese haben oder nicht. In der Schule werden Mädchen fürs Lernen und Stillsitzen belohnt, Jungs für Talent und laut sein. Dies zieht sich anschließend weiter durch die gegeben Vorbilder. In Film und Fernsehen sind starke und intelligente Frauenrollen deutlich in der Unterzahl. Frauen sind nicht Heldinnen eines Films oder einer Serie, sondern das schmückende Beiwerk, dass sich der Held verdient. Selbst Filme mit weiblichen Hauptfiguren beschäftigen sich hauptsächliche mit dem Thema Männersuche und traditionellem Frau-sein. Bei Werbung sieht es ähnlich aus. Seit Jahren steigt der Anzahl der Werbung, die mit sexualisierten Frauenkörpern wirbt. Selbst Geschäftsfrauen müssen hier „heiß“ sein, um angenommen zu werden. Dazu wird ein Markt aufgebaut, in dem Produkte immer mehr in die Kategorien Frau/Mädchen vs. Mann/Junge eingeordnet werden. Häufig Produkte die eigentlich absolut unisex funktionieren, bestes Beispiel: Bratwürste. 

Mit diesem Druck aus dem direktem Umfeld, den Medien und fehlenden Vorbildern, fällt es Mädchen und Frauen nicht leicht die eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen, eigene Wünsche zu äußern und diese auch noch durchzusetzen. Hefner und Kerber möchten abschließend aufzeigen, dass es „Wege aus der Mädchenfalle“(157ff) gibt. Es wird aktuell versucht neue Frauenbilder in die Medien aufzunehmen, auch greifen einige Produzenten zu Werbung, die Sexismus aufdeckt. Es bilden sich mehr Initiativen, die versuchen Alternativen aufzuzeigen und positive Vorbilder zu sammeln. Denn ändern muss sich laut den Autorinnen vor allem unsere Denkweise, die Bilder von Frauen (und auch Männern) müssen neu besetzt werden.

Das Buch gibt mit der Fülle an Verweisen auf die entsprechenden Studien und Bericht einen hervorragenden Überblick, über die aktuellen Entwicklungen. Die Autorinnen beleuchten die (hier pointiert dargestellt) aktuellen Zuschreibungen von männlich und weiblich. Auch wenn ein paar mehr Statistiken nicht geschadet hätten, gibt das Buch gutes Werkzeug an die Hand, um die scheinbar wissenschaftlichen Argumente gegen gleiche Rechte und Möglichkeiten auch als scheinbar entlarven zu können.  
 
Bärbel Kerber, Gabriela Häfner: Das innere Korsett. Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen, C.H.Beck, München 2015

Montag, 10. August 2015

Unser neues Leseland: Griechenland!

In unserem letzten Post haben wir auf Stereotype hingewiesen, die anhand von Literatur gefördert werden können. Ein Beispiel ist der griechische Roman Alexis Sorbas, der das Bild des »faulen Griechen« geprägt habe, insbesondere auch die Verfilmung - so schreibt Nikos Dimou in der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins brand eins.

Passender könnte es nicht sein, dass wir uns auf unser neues Leseland geeinigt haben: Wir lesen nun griechische Literatur!

Die Verknüpfung von griechischer Literatur und die aktuelle Lage in der Wirtschafts- und Europakrise, die sich um Griechenland dreht, interessiert uns besonders. Wie wird die Krise beziehungsweise ihre Vorboten in griechischer Literatur dargestellt? Welche wiederkehrenden Motive können wir in den Werken finden, die wir lesen werden? Welche Themen sind unter griechischen AutorInnen besonders präsent? Darüber hinaus wollen wir den Blick aber natürlich auch über die Krise hinaus richten und griechische Literatur einfach kennenlernen.

Wir mussten bereits feststellen, dass nicht viele griechische Werke übersetzt worden sind. Auch das ist eine interessante Beobachtung, die einiges aussagt über die Literaturpolitik. Wir sind gespannt, auf welche Werke wir bei unseren Recherchen stoßen.

Begonnen haben wir mit den Erzählungen von Christos Ikonomou (Warte nur, es passiert schon was. Erzählungen), die wir bislang sehr toll geschrieben und thematisch sehr interessant finden.

Wenn ihr Lust habt, bei uns mitzulesen, freuen wir uns sehr auf euch! Wir treffen uns das nächste Mal am Montag, den 07. September um 17 Uhr, in der Kate in Gießen (Bismarckstr. 32, 35390 Gießen). Wenn ihr mitlesen möchtet, schreibt uns doch einfach eine kurze E-Mail an leserleben@googlemail.com, damit wir euch sagen können, welche Erzählungen wir uns bis zum Treffen anschauen.

Von Anne-Kathrin

Mittwoch, 5. August 2015

Literatur und Stereotype: der Fall Griechenland

Wir gehen davon aus, dass Literatur das Potential zur Veränderung hat. Und dass dieses Potential oftmals ein positives ist. So glauben wir, dass Literatur uns anregt, die Welt aus der Perspektive eines anderen zu sehen - auch eines anderen, dessen Leben unserem eigenen manchmal sehr fremd ist. Das ist unsere Überzeugung, aus der heraus auch der Literaturclub und dieser Blog hier entstand.

Allerdings ist dieses Potential, das wir Literatur zusprechen, nicht immer positiv. Ein Beitrag in der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins brand eins mit dem Schwerpunktthema »Faulheit« hat mich daran erinnert. Der Autor des Artikels, Nikos Dimou, weist darauf hin, dass einer der populärsten griechischen Romane im Ausland, Alexis Sorbas von Nikos Kazantzakis, die Wahrnehumung der GriechInnen im Ausland nachhaltig geprägt hat - und das nicht unbedingt auf positive Weise. 

Der Roman aus den 1960er Jahren, insbesondere aber die Verfilmung, zeige uns das »gute Leben« der Hauptfigur Alexis Sorbas, der mehr Sirtaki tanze als arbeite. Dieses Image, das der Roman und besonders der Film kreiert habe, räche sich nun in Zeiten der realen Wirtschafts- und Europakrise. Denn wegen Alexis Sorbas sei das Klischee des  »faulen Griechen« schon dagewesen.

Wer sich in den letzten Wochen und Monaten die Presse angeschaut hat, der konnte sehen, wie sehr aktuelle Politik und deren mediale Vermittlung von Stereotypen wie diesen geprägt ist. Dass ausgerechnet Literatur dazu beigetragen hat, stimmt mich nachdenklich.

Von Anne-Kathrin

PS: Kennt ihr weitere Literatur, die (nationale) Stereotype ausgebildet und/oder geprägt hat?