In unserer Rubrik »Und wie seht ihr das?« wollen wir euch unsere realen Literaturclub-Treffen näher bringen: In Interviewform werden wir euch Fragen und Meinungen präsentieren, die wir so in geselliger Runde an- und ausdiskutiert haben und so gleichzeitig auch die Werke besprechen, die wir lesen.
Auf dem Sandberg, einer Siedlung in Wa'brzych in Niederschlesien, landen nach dem zweiten Weltkrieg Menschen aus allen Himmelsrichtungen um ihr Leben neu aufzubauen. Der Roman konzentriert sich dabei auf die Lebensgeschichten von Frauen aus drei Generationen, die auf ganz unterschiedliche Arten ihr Glück suchen.
Was waren eure ersten Eindrücke zu Sandberg von Joanna Bator?
Julia: Der erste Eindruck war der Umschlag, der mit seinem rosa Design eher etwas abschreckend süß wirkt. Schon nach den ersten Seiten war allerdings klar, dass dieser Eindruck täuscht. Es begann mit einer sehr eindrücklichen Darstellung der Unterschiede zwischen der Mutter Jadwiga (Jadzia) und der Tochter Dominika, um direkt einen Sprung zum ›Anfang‹ der Familiengeschichte zu machen. Es wird deutlich, dass die Figuren sehr vielschichtig sind und mit schwierigen persönlichen Umständen zurechtkommen mussten.
Anne: Auch ich war etwas irritiert von dem quietschrosa
Cover des Buches, das – so wurde schon nach kurzer Zeit der Lektüre klar – so
gar nicht zu dessen Inhalt passt. Die Erzählung und die dargestellten Figuren
haben mich nach anfänglicher Skepsis schnell in ihren Bann gezogen.
Anne-Kathrin: Ich fand das Cover total ansprechend ;-) Das ganze Buch hindurch bin ich in meiner Begeisterung für Sandberg nicht
enttäuscht worden! Mir haben es besonders der trockene Humor, der die
Geschichte von der ersten Seite an durchzieht und der die Sprache in
einer sehr unterhaltsamen Weise formt, sowie die Stärke, die die Autorin
Joanna Bator ihren weiblichen Hauptfiguren verleiht, angetan. All diese
Finessen merkt man gleich auf den ersten Seiten.
Silvia: Ich war direkt auf den ersten Seiten überrascht und eingenommen von dem ungewohnt frischen Ton, von der feinen Sprache und den tollen Bildern. So gefiel mir dann auch das Kapitel 13 besonders gut, in dem es um die kreativen Sprichwörter der »Müllerin von Brzezina« und ihrer Tochter Zofia (Dominikas Großmutter mütterlicherseits) geht. »Wie es einem geschrieben steht, so fällt der Stein ins Wasser.« Unvergesslich.
Hilke: Die erste Szene ist ziemlich treffend für die weitere Geschichte und den Ton im Buch. Man ist gleich mitten in der Geschichte. Es fängt in der jetzigen Zeit an und beschreibt die Beziehung zwischen den beiden Hauptpersonen Dominika und ihrer Mutter Jadzia. Die Szene beschreibt zum Beispiel wie Dominikas Knochen wie Eiswaffeln knacken würden, wenn Jadzia sich auf ihre Tochter setzen würde. Nach dieser Szene fängt ein Rückblick an; die Lebensgeschichte der Hauptpersonen und das Leben in einer polnischen Provinzstadt.
Kasia: Ich war positiv überrascht, dass dieses Buch sehr angenehm
zu lesen war. Und als man einmal angefangen hat, musste man einfach
weiterlesen. Die Sprache war nicht zu gehoben aber auch nicht zu
umgangssprachlich. Für mich als Muttersprachlerin war es echt lustig, mitten in
deutschen Sätzen polnische Namen zu lesen – und diese in Koseform! Ich war mir sicher, dass meine deutschsprachigen Mitleserinnen gewisse
Schwierigkeiten bezüglich der Aussprache haben werden.
Schätzt ihr die dargestellten Lebensgeschichten und die Schilderung der gesellschaftlichen Zusammenhänge als historisch genau ein?
Julia: Meiner Ansicht nach, gibt es einen guten Einblick in die Lebenswelten von Polinnen seit dem 2. Weltkrieg (der Fokus des Buches ist aus Sicht der Frauen geschrieben). Die erwähnten Ereignisse sind historisch korrekt und nachdem wir geklärt haben, dass auch sogar die im Buch genannte Fernsehserie Die Sklavin Isaura zu der Zeit gesendet wurde, ergibt es ein stimmiges Bild.
Silvia: Einen solchen Anspruch sollte man an fiktionale Literatur generell nicht stellen. Ein Roman und jeder andere fiktive Text bildet nicht ›Realität‹ ab, sondern verhandelt im Modus der Fiktion verdichtet kulturelle Praktiken. Zudem könnte ich auch mit meinem Hintergrund nicht beurteilen, ob die geschilderte Gesellschaft im Roman der historischen Situation nahe kommt.
Anne-Kathrin: Auch wenn ich weiß, dass Literatur immer fiktional ist und generell als solche behandelt werden sollte (allerdings gibt es auch dafür Grenzen – siehe die Diskussion um den Fall Esra von Maxim Biller, die letztendlich vor dem Bundesverfassungsgericht gelandet ist), macht für mich engagierte Literatur gleichzeitig auch immer ein Stück weit aus, dass sie mich bildet. Im Falle von Sandberg habe ich nur beschränkte Erfahrungswerte und weiß nicht, ob ich die historische Genauigkeit überhaupt richtig einschätzen kann, jedenfalls was die gesellschaftliche Seite, also die des Alltagslebens, betrifft. Aber aus dem, was ich theoretisch von mehreren Quellen erfahren habe, scheint Sandberg sehr nah an dem zu sein, was wir als gelebte Realität betrachten.
Hilke: Die Geschichten wirken auf mich sehr wahrheitsgemäß, und in unseren Diskussionsrunden haben Kasia und Szilvi bestätigt dass sie vieles wiedererkannt haben, wie z.B. die Reaktion von Frauen auf der Fernsehserie Die Sklavin Isaura.
Anne: Auch wenn ich mich in der polnischen Geschichte,
Kultur und Gesellschaft zu wenig auskenne, um dies beurteilen zu können,
schließe ich nicht aus, dass es genau so gewesen sein könnte ;)
Kasia: Mir fehlen
leider Informationen zum Thema der Vertreibung in Polen. Aber die Umsiedlung der
polnischen Familien von den ehemaligen polnischen Gebieten auf die neuen war
bestimmt für die Beteiligten nicht einfach. Der im Buch beschriebene Alltag
schien mir realistisch dargestellt zu sein – z.B. der Weg von Jadzia ins
Krankenhaus, wo sie die Zwillinge geboren sowie die Hilfe der Polizeibeamten
hat sowie die Zustände dort. Oder die Stimmung in den Hochhäusern, die
Landschaft um den Sandberg herum etc. Der Umgang der Leute miteinander – das
Beobachten, Tratschen etc. – das ist aus meiner Sicht durchaus realistisch.
Unterhaltsam fand ich außerdem den Abschnitt über die brasilianische Telenovela Niewolnica Isaura (Sklavin Isaura) sowie die Massenhysterie, die anscheinend
ausgebrochen war, als die Hauptdarsteller in Polen zu Besuch waren. Ich habe das
als Kind nicht so miterlebt, hatte aber im Zimmer ein Poster mit den
Hauptprotagonisten Leoncio und Isaura hängen. :) Oh je, Erinnerungen werden wach…
Wie hat euch der Ton der Erzählung gefallen (wir haben diskutiert, dass manche Ereignisse – vor allem die weniger guten – eher beiläufig erzählt wurden, was eine bestimmte Stimmung erzeugt)?
Julia: Besonders die schwierigen Ereignisse wurden mit einer gewissen Naivität erzählt. An manchen Stellen waren dieser Ton und der gute Stil (Dank hier an die Übersetzerin) die einzigen Gründe weiterzulesen, da die Geschichten doch
›schwer verdaulich‹ waren.
Silvia: Siehe meinen Beitrag zu Frage eins: sehr gut!
Anne-Kathrin: Ich stimme Silvia zu – unglaublich gut! Als Beispiel ein Satz: »Zur kirchlichen Trauung ging Jadzia in einem Kleid aus einer ehemals deutschen Gardine.« Das ist für mich absolutes Lesevergnügen. Und ich finde, dieser Ton passt wunderbar für die vielen kleinen und großen Tragödien, die diesen Roman durchziehen.
Hilke: Der direkte und ›entrümpelte‹ Stil gefällt mir gut. Das beiläufige Erzählen wirkt irgendwie auch sehr realistisch, die schlimmen Ereignisse werden nicht verschwiegen aber auch nicht romantisiert. Die Beschreibungen sind gelegentlich auch sehr humorvoll. Beispiel: »Hinter der Wand seufzt Jadzia, was sie angeht, wartet sie auf gar nichts mehr und wird in diesem verschissenen Storchennest bald durchknallen, denn außer Krampfadern hat sie im Leben nichts zustande gebracht.«
Anne:
Teilweise irritierend, da ich ab und an zweimal über manche Textpassagen lesen
musste. Bei dem Jungen beispielsweise, der offenbar in der Schwimmhalle
verunglückte und gelähmt blieb, war der eigentlich schreckliche Unfall so
beiläufig in Schilderung des Schwimmunterrichts verpackt, dass ich – nach der
weiteren Beschreibung seines Siechtums bis zu seinem frühen Tod – noch einmal
im Text zurück gehen musste, um das gesamte Ausmaß des Geschehens zu erfassen.
Insgesamt hat mir diese eher sachliche Erzählweise doch sehr zugesagt, weil es
Bator damit gelingt, auch die schrecklichsten Ereignisse darzustellen, ohne in
irgendeiner Weise wertend oder gar
anklagend zu wirken. Joanna Bator überlässt die Wertung der Vorgänge komplett
dem Leser. Obwohl oder vielleicht gerade weil die Autorin auch bei der
Schilderung der traurigsten und niederschmetternsten Ereignisse nicht »auf die
Tränendrüse drückt« wirkt das Geschehen anrührend.
Kasia: Für mich war der Ton absolut OK. Ich neige selbst nicht
dazu, mich an Negativen lange aufzuhalten. Daher hat mir die Gesamtstimmung des
Buches gut gefallen.
Joanna Bator: Sandberg. Suhrkamp, 2012.
Weiter geht es am Dienstag mit dem zweiten Teil der Diskussion zu Sandberg!
Von Jessica