Donnerstag, 18. Dezember 2014

Auf meiner Wunschliste

Jaron Lanier – Wem gehört die Zukunft?

 

Zugegeben, der diesjährige Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels war mir persönlich zuerst unbekannt. Aber bereits die Ausschnitte seiner Rede aus der Paulskirche, die ich in den Nachrichten hörte, weckten mein Interesse. Er überzeugte mich thematisch auf einem Terrain, das uns allen gleichzeitig bekannt wie fremd ist: die digitale Welt.

Die virtuelle Realität
Wir alle nutzen das Internet, bewegen uns in einer digitalen Welt, die so demokratisch erscheint. Auf den ersten, naiven Blick ermöglicht sie jedem, die Informationen darin abzurufen und für sich selbst zu nutzen. Aber wir hinterlassen Spuren in dieser virtuellen Realität: Spuren, die für uns als Nutzer nicht unmittelbar sichtbar sind. Große Datenmengen (Big Data) werden im Hintergrund verarbeitet, verkauft und somit genutzt, um bspw. Firmen zu ermöglichen, Werbung auf uns zuzuschneiden oder Kundenverhalten besser beeinflussen zu können. Und dies geschieht ohne jegliche gesellschaftliche oder politische Kontrolle. Big Data ist den Global Playern unserer Zeit frei zugänglich.

Digitaler Humanismus
Und hier setzt Jaron Lanier an: Er vertritt die Meinung, dass nur wenige Technologen von diesem Wissen um die Datenspuren und deren Verarbeitung vor allen Dingen wirtschaftlich profitieren. Diese Ausbeutung der Daten ist undemokratisch und veranlasst Lanier, zu einem Humanismus in der digitalen Welt aufzurufen. Dieser bezieht sich nicht nur auf die Daten und deren wirtschaftlichen Nutzen, sondern auch auf das Verhalten der Nutzer im Netz. In Zeiten von Shitstorms und Massenbewegungen, die über das Internet ganze Revolutionen wie den Arabischen Frühling anzetteln, muss man sich laut Lanier die Frage stellen, wie weit kann eine solche Bewegung gehen? Und wenn sie sich zu einer brutalen und unbändigen Bewegung entwickelt, wer oder was hält sie in Zaum?

Wir realisieren den Effekt unserer Handlungen nicht mehr, denn wir erkennen in dieser virtuellen Realität die politischen und soziokulturellen Zusammenhänge nicht: Wir freuen uns darüber, dass alle Informationen und pseudo-demokratischen Möglichkeiten umsonst sind, ohne zu fragen warum? Und auf wessen Kosten?

Nachdem ich mich nun ein bisschen mit der Person Lanier, der übrigens keinen Facebook-Account besitzt, bekannt gemacht und seine Theorien in Ansätzen gelesen habe, steht Wem gehört die Zukunft? ganz oben auf meiner Weihnachtswunschliste. Der Versuch, das Narrativ der digitalen Welt zu definieren, und Lösungsansätze für die Probleme zu finden, die aus der Unkenntnis dieses Narrativs entstehen, fasziniert mich. Und schließlich betrifft mich dieses Thema als regelmäßiger Internetnutzer ganz unmittelbar.

Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?. Hoffmann und Campe. Hamburg 2014.

von Sigrid

Samstag, 13. Dezember 2014

Literarische Weihnachten - Was schenken?

Es sind weniger als zwei Wochen bis Weihnachten - da kann man schon mal langsam nervös werden, wenn man keine Geschenkideen, geschweige denn eingekauft oder gewerkelt hat. 

Zumindest, wenn ihr etwas für Leseratten sucht, haben wir ein paar Tipps für Euch:  
(Foto: Roland Büchter)
  1. Kennt ihr das - ihr wollt eigentlich nur noch schlafen, aber die alte Nachteule neben euch will noch zwei Stunden im Bett lesen? Schaut doch mal, ob ihr nicht ein schönes Booklight findet! 
  2. Das Wort Leseratte ist der Anlass für Barbara Wersbas schön illustriertes Buch "Ein Weihnachtsgeschenk für Walter" (2007). Denn Walter ist eine Ratte, die - wie sollte es auch anders sein - lesen kann! Er lebt bei einer Autorin, die sich skandalöserweise dazu entscheidet, eine Maus statt einer Ratte zur Hauptfigur ihres Werkes zu machen. Das kann Walter sich natürlich nicht einfach so gefallen lassen... Für etwas ältere Kinder, oder Erwachsene, die sich gerne ein wenig verzaubern lassen. 
  3. Mit Steinchen gefüllte Türstopper eignen sich auch super als Buchstützen und sehen meistens nicht so verstaubt aus wie die üblichen Kandidaten. Vielleicht näht ihr ja sogar selbst welche...
  4. Bücher gibt es auch im absoluten Miniformat: Ohrringe und Anhänger für Literaturliebhaber gibt es aus den verschiedensten Materialien und in kreativen Designs. Einfach mal ein bisschen im Netz stöbern! Handgefertigte Unikate sind in und mittlerweile leicht aufzutreiben. Nur der Luxus der "Qual der Wahl" bleibt euch eventuell nicht erspart! 
  5. Ein Gutschein für eine Lesung des Lieblingsautors - da ist die persönliche Widmung mit etwas Glück gleich mit dabei! 
  6. Eine Ebook-Hülle aus Leder hat ja jeder! Aber wie wäre es mit einer selbstgenähten aus robustem Filz? Keine ausgefransten Nähte, die man umnähen muss, und Motive lassen sich schnell und problemlos applizieren. 
  7. Für die schreibbegeisterten Literaturfreaks: Wie wäre es mit einem Gutschein für einen Autorenworkshop
  8. Habt ihr Bücher zuhause, die ihr nicht mehr braucht? Dann ist die Weihnachtszeit sicher ein guter Zeitpunkt, mal im Kinderkrankenhaus, in der Bibliothek oder beim Roten Kreuz nachzufragen, ob gerade Bücherspenden gebraucht werden! 
Was sind eure Ideen für dieses Jahr? 

von Freya

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Anti-Stress-Therapie – Es lebe die Buchhandlung!

Zum ersten Mal seit Wochen fühle ich mich einigermaßen erholt. Und arm. Nicht, weil ich im Urlaub war. Nein, ich komme gerade mit einem Stapel Bücher unter dem Arm aus der Buchhandlung.

Ich gebe es zu – früher noch regelmäßig und stundenlang in den Lesecken von Büchereien und Buchläden zu finden, erstehe ich meine Lektüren mittlerweile schon seit Jahren in erster Linie bei einem, nun ja, allen wohlbekannten Online-Riesen. Es geht schnell, es ist oft billiger, und ich habe nicht schwer zu schleppen.

Leider habe ich über die Jahre aber doch einige Dinge vergessen. Vergessen, warum ich früher mit meiner Mutter durch die Buchläden getingelt bin und ganze Tage bei Barnes & Noble oder in der süßen Buchhandlung Schnelle auf dem Sofa oder Fußboden verbrachte. Vergessen, warum ich als Kind in der Stadtbücherei herumlungerte. Vergessen, warum sich das Schleppen, zwei, drei Euro mehr, und die investierte Zeit manchmal lohnen
 
(Foto: Roland Büchter)

Eigentlich wollte ich nur schnell Haferflocken für meinen angeschlagenen Magen kaufen gehen. Doch bevor ich mich versah, hatte ich so ziemlich jedes Regal abgelaufen, hatte Dutzende von Büchern in den Händen – manche brachten mich zum Schmunzeln, andere begeisterten mich, wieder andere provozierten ein Augenrollen – und summte, wie mir irgendwann auffiel, abwechselnd leise "Es ist ein Ros' entsprungen" und "Für Elise" vor mich hin.

Und irgendwann merkte ich, dass es mir ziemlich gut ging. So entspannt, wie lange nicht mehr, stand ich da, und mit jedem Buch-Cover, mit jeder Seite, die ich überflog, vergaß ich eine Sorge mehr. Ich war wieder Kind und hatte die wunderbare Gabe, die Realität auszublenden, wiederentdeckt. Der Stapel in meinen Händen wurde immer größer, so dass ich ihn hin und wieder beiseite legen musste, um mir ein weiteres Buch anzuschauen. Nach zwei Stunden weckte mich eine Verkäuferin aus meiner Trance, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass der Laden in zehn Minuten schließe. “Achso... ja... kein Problem”, sagte ich etwas beduselt.

Und es war auch keines. Denn hätte ich noch mehr gekauft, hätte das Geld für die Pizza nicht mehr gereicht. Nun sitze ich mit geschwollenem Magen, aber ausnahmsweise ohne Magenkrämpfe, auf dem Sofa. Und ich dachte, ich müsste erst nach Italien fahren

Nächste Woche hole ich mir einen Ausweis für die Stadtbibliothek... 

von Freya 

Montag, 8. Dezember 2014

Rückblick: unsere Themen im November

Wir werfen jeden Monat einen Rückblick auf unsere Posts - und möchten euch so die Orientierung und das Nachlesen unserer Beiträge erleichtern! 



Im November haben wir über Frauenfiguren in isländischen Romanen öffentlich diskutiert. Aber auch hier auf lesErLeben waren wir wieder recht kreativ:
 
Inspiriert von Anne-Kathrins Ein-Wort-Schreibübung hat sich Anne im November an eine »Dramatische Geschichte« über Karin und Martin gewagt - ein Drama mit mindestens zwei Silben. 

Wo lässt es sich besser lesen als auf dem »stillen Örtchen«? Jessica hat anlässlich des Welttoilettentags eine kleine Hommage an diesen für BücherfreundInnen sehr geeigneten Leseort geschrieben.

Wunderbar streiten lässt es sich über die Essays der Feministin Katie Rophie, findet Anne-Kathrin. Sie hat Roiphes Essayband Messy Lives rezensiert.

Über die Weihnachtsfeiertage hofft Julia auf genug Muße, um zwei Klassiker auf ihrem SUB zu lesen. Wir wünschen sie ihr (und uns allen) von Herzen! :-)

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Vorlesen im Altenpflegeheim - die vierte!

Ein bisschen schön und ein bisschen traurig war es dieses Mal im Altenheim in Heuchelheim. Dass wir eine etwas kleinere Gruppe waren als sonst, lag zum einen daran, dass es für einige unserer Stammzuhörerinnen viel Besuch gab. Aber dass wir von unserer besonders kecken Mascha-Kaléko-Bewunderin Abschied nehmen müssten, hatten wir nicht geahnt. Auch unsere begeisterte Sängerin haben wir vermisst, doch wir drücken die Daumen, dass es ihr bald wieder besser geht! 

Über viele vertraute Gesichter konnten wir uns trotzdem freuen - und zum ersten Mal auch über einen Herren in unserer illustren Runde! Angesichts des Temperaturumschwungs der letzten Tage hatten wir beschlossen, dass es auch Ende November bereits Zeit ist, für ein wenig Advents- und Weihnachtstimmung zu sorgen. Und so stimmten wir mit Gedichten und Geschichten unseren Kreis gespannter Zuhörer auf die nächsten Wochen ein. 

Kommt sicher auch in diesem Jahr vorbei: die Weihnachtsmaus
Von Goethe war wie immer etwas dabei, denn wie von "unserer" Pflegerin heiter angemerkt wurde, bringt dieser es immer "auf den Punkt". Auch die Kaléko-Tradition wurde weitergeführt. Beim Lesen altbekannter Texte wurde immer mal mitgeflüstert, was natürlich etwas an der Konzentration nagte, aber auch das Tollste ist am Vorlesen und gleich für das nötige weihnachtliche Flair sorgte.

Das laute Sprechen haben wir uns mittlerweile gut antrainiert und neben geschmackvollem Eichendorff-Kitsch gab es auch genug zu lachen. Sigrid lies es sich natürlich nicht nehmen, wieder in der Astrid-Lindgren-Ecke zu wühlen, und wer kann es ihr verdenken? Weihnachten im Stall gab dem Nachmittag den klassisch-modernen Touch und sorgte für die typisch-weihnachtliche kindliche Nostalgie, die man als Erwachsener ja doch ein wenig vermisst.

Und eins durfte natürlich nicht fehlen. Die Weihnachtsmaus von James Krüss, die Sigi, Julia und ich zusammen vorlasen, kam wie erwartet gut an und machte ordentlich Appetit auf Weihnachtsplätzchen. Gut, dass das Abendessen nicht mehr weit war... 

von Freya


Dienstag, 2. Dezember 2014

Literatur und politischer Protest: Thailändische Studierende protestieren mit Handzeichen aus den "Tributen von Panem"

In diesen Wochen, in denen der dritte Teil der Tribute von Panem in den Kinos läuft, ist ein Symbol aus der Welt der Fiktion in der Realität angekommen. 

Die Tribute von Panem (Orig. The Hunger Games) der amerikanischen Autorin Suzanne Collins ist eine Jugend-Dystopie, in der in einem fiktiven Land zwölf Distrikte von einem einzigen, dem Kapitol, ausgebeutet und unterworfen werden. Die Hauptfigur, Katniss Everdeen, wird über die drei Bände der Saga von einem mutigen Mädchen, das sich für seine Schwester opfern will, zur Symbolfigur des Widerstands gegen die brutale Regierung des Kapitols. Das Zeichen des Widerstands, das in der Verfilmung aufgegriffen wurde, ist eine erhobene Hand mit drei ausgestreckten Fingern.

Dieses Handzeichen ist medienwirksam kurz vor dem Kinostart des dritten Teils von Studierenden in Thailand als Symbol des Protests gegen die Militärregierung benutzt worden und hat damit die Grenzen zwischen Fiktion und Realität durchbrochen. Die Protestierenden nutzen die Aufmerksamkeit, die der Film in der Weltöffentlichkeit bekommt, um einen Teil davon auf ihre Situation zu lenken. Aber sie bedienen sich auch einer Geste, die im Buch die Hoffnung der Widerstandsbewegung symbolisiert und mit Hilfe derer sich die Aufständischen gegenseitig erkennen. Es ist ein Erkennungszeichen und ein politischer Akt.
Die Konsequenzen für die öffentliche Anwendung des Handzeichens sind sowohl im Buch wie auch in der Realität die gleichen: Wer sich offen zum Widerstand bekennt, wird verhaftet.

Es ist absolut gänsehautverdächtig, wie Literatur (in diesem Fall die Verfilmung) auf reale politische Verhältnisse wirken kann. Und wie leicht ein literarisches Zitat, und sei es eine Geste, eine Gefahr für die eigene Sicherheit bedeutet.

Von Jessica

Samstag, 29. November 2014

Julias SUB im November

Beim Blick auf meine beiden Bücherstapel und meinen letzten SUB-Post fällt mir auf, dass ich einiges gelesen habe in den letzten Monaten. Allerdings sind einige Bücher auf dem Stapel geblieben, den sie schon im Januar zierten. Vor allem die umfangreicheren Klassiker scheinen sich in ihrem Stapel wohl zu fühlen. Vielleicht findet sich in der Weihnachtszeit auch ein bisschen Muße um mich den beiden zu widmen. Natürlich erst, wenn die Lektüre der entsprechenden Weihnachtsliteratur erfolgt ist. Die erneute Lektüre von Die Weihnachtsmaus war nur der Auftakt für die vielen Weihnachtsgeschichten. Solltet Ihr noch Tipps für tolle Bücher zum Winter und zu Weihnachten haben, lasst es mich wissen.

SUB (= Stapel ungelesener Bücher)
- Haruki Murakami: Wie ich eines schönen Morgens im April das 100% Mädchen sah
- Arwen Elys Dayton: Resurrection
- Ezra Pound: Poems
- Virginia Woolf: Night and Day

SAB (= Stapel angelesener Bücher)
- Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit (wanderte auch schon vor einiger Zeit vom SUB hierher)
Außerdem die zwei alten Bekannten:
- James Joyce: Ulysses
- Herman Melville: Moby Dick

Montag, 24. November 2014

Rezension: »Messy Lives« von Katie Roiphe

Wenn der erste Blick ins Inhaltsverzeichnis eines Essaybandes auf den Titel »Der perverse Reiz des unaufgeräumten Lebens« trifft, klingt das schon einmal vielversprechend - und verrät damit auch gleich das zentrale Anliegen der Autorin Katie Roiphe in Messy Lives.

Denn Roiphe, US-amerikanische Journalistin und Schriftstellerin, plädiert in ihren Essays für ein Leben mit mehr Um- und Abwegen. Zu steril sei unser bürgerliches Leben, zu konservativ, zu bio, zu angepasst. Unaufgeräumtheit ist für sie ein Wert, für den sie kämpft. Nicht nur ihre Analyse der Retro-Serie Mad Men (die wir hier als engagierte TV-Serie besprochen haben) zeigt ihr: Wir aus der bürgerlichen Mittelschicht legen uns einen Ordnungs- und Sicherheitsfetisch zu, der nicht nur spießig ist, sondern uns auch unnötig beengt. Sie beklagt

»diese offen zutage tretende Phantasielosigkeit, diese geistige Enge und dieser Provinzialismus in eigentlich liberalen, progressiven New Yorker Kreisen, vor allem diese von allen betriebene ständige Beschäftigung mit dem Thema Gesundheit und diesem nie offen verhandelten Vorurteil gegenüber denjenigen, die versuchen, anders zu leben«.

Unabhängige und kluge Schreibe
Roiphe betont immer wieder, manchmal vielleicht etwas zu häufig, wie unaufgeräumt ihr eigenes Leben sei:

»Meine beiden Kinder haben zwei verschiedene Väter, mit keinem von beiden bin ich zusammen. Es hat gedauert, auf dieses Niveau von Unaufgeräumtheit zu kommen, aber am Ende habe ich es geschafft.«

Sie schreibt über das Kinderhaben und Familienwerte, über Literatur, über das Internet, und auch ein bisschen über Politik. Ihre intelligente Analyse über die Feindseligkeit, die Hillary Clinton als Frau im Präsidentschaftswahlkampf entgegenschlug, ist ein Beispiel für ihre sehr kluge und unabhängige Schreibe.
 
Damit eckt Roiphe aber auch an vielen Stellen an. Gerade die Ansichten der Feministin Roiphe zu klassischen und nicht-klassischen feministischen Themen laden zu Debatten ein. Zu streiten lohnt sich nicht zuletzt über ihre These, die Shades of Grey-Fantasien von weiblicher Unterwerfung seien verknüpft mit der zunehmenden Macht, die sich Frauen im beruflichen Leben schaffen. Diskussionswürdig erscheint ebenfalls Roiphes Präferenz im Hinblick auf literarischen Sexismus: So verteidigt sie mit Nachdruck die machistischen Texte von Autoren wie John Updike, Norman Mailer und Philip Roth. Sie ziehe, so schreibt sie, diese Autoren und ihrem Sexismus den nicht weniger sexistischen jungen Autoren der Gegenwart vor. Denn in deren narzistischer Welt spielten Frauen gar keine Rolle mehr. 

Beitrag zur »völligen Vernichtung der literarischen Kultur«
Roiphes Thesen sind manchmal fragwürdig, oft steil und meist irgendwie unbequem. Das macht sie zu einer spannenden und guten Essayistin. Eine, die sich eher über Kritik freut, die den Diskurs schätzt, die Ansporn aus Dissenz zieht, wie ihre Reaktion auf einen Leserbrief aus der New York Times zeigt:

»'Sie leisten nicht nur einen Beitrag zur völligen Vernichtung der literarischen Kultur, sondern auch zur Zerstörung unserer Zivilisation. Denken sie mal darüber nach.'  [...] Ich habe diesen Kommentar im Büro an die Wand gepinnt, wo er als Inspiration für Tage, an denen ich nicht in die Gänge komme, bis heute hängt.«

Katie Roiphe: Messy Lives. Für ein unaufgeräumtes Leben, Ullstein, Berlin 2013

Von Anne-Kathrin

Mittwoch, 19. November 2014

Lesetipps aus besonderem Anlass - Heute ist Welttoilettentag!

Heute ist Welttoilettentag! 

Ich frage mich zwar schon seit langem, wer für diese seltsamen Welt-irgendwas-tage zuständig ist, aber ich nutze gern jede Gelegenheit um über das Lesen zu schreiben. Und der Welttoilettentag ist eine gute Gelegenheit über das Lesen zu schreiben. 

Das sieht übrigens auch die Stiftung Lesen so, die zu diesem Anlass auffordert, Lesetipps für das stille Örtchen zu geben.



Für mich ist das Badezimmer oder die Toilette seit meiner Kindheit ein Ort, um ungestört zu lesen. Als Kind und Jugendliche (und manchmal wohl auch noch heute) war ich mit einem guten Buch in der Hand nicht mehr ansprechbar: Die Geschichte konnte mich so sehr in den Bann ziehen, dass ich um mich herum nichts mehr wahrnahm. Meine Familie war davon nicht immer begeistert; vor allem wenn ich an der Reihe war den Geschirrspüler auszuräumen oder abzuwaschen. Deshalb habe ich mich, wenn das Buch gerade besonders spannend wurde oder ich kurz vor dem Ende war (hasst ihr das auch so, wenn euch jemand auf den letzten drei Seiten unterbricht?), auf die Toilette zurückgezogen. Denn wer auf der Toilette sitzt, kann nicht sofort abtrocknen kommen...

Meine Familie ist natürlich dahinter gekommen, aber ein paar Minuten Extra-Lesezeit hatte ich dadurch meistens doch. Das ist besonders wichtig bei spannenden Büchern, Krimis oder Fantasy-Romanen.

Meine aktuelle Liste von Büchern, die so spannend sind, dass sie auf der Toilette weitergelesen werden müssen, sieht deshalb so aus:

Ursula Poznanski: Erebos
Marie Brennan: A natural history of dragons
Yasmina Khada: Die Schuld des Tages an die Nacht
Ursula K. Le Guin: Earthsea
Ian Rankin: John-Rebus-Romane 
Cornelia Funke: Reckless

Viel Spaß beim Lesen!

Von Jessica

Donnerstag, 13. November 2014

Off the record: „Dramatische Geschichte“ – Eine kleine Schreibübung mit mindestens zwei Silben…

Ich habe mich von Anne-Kathrins Schreibübung mit dem Text aus einsilbigen Wörtern inspirieren lassen und versucht, einen kurzen Text ausschließlich aus Wörtern zu verfassen, die mindestens zwei Silben haben. Dabei habe ich ziemlich schnell festgestellt, dass das ganz schön mühselig ist. Schmerzlich vermisst habe ich vor allem den Großteil der gängigen Artikel, Pronomen, Konjunktionen und Präpositionen. Herausgekommen ist die sinnlose, aber dramatische Geschichte von Karin und Martin, die sich nur deshalb so fürchterlich streiten müssen, weil mir auf die Schnelle nichts Positives und Fröhliches mit mindestens zwei Silben in den Sinn gekommen ist…
 
 
Dramatische Geschichte

Karina hatte keine gute Erklärung zugunsten ihrer nächtlichen Abwesenheit finden können, obwohl Martin immer wieder danach fragte. Karinas hartnäckige Bemühungen hatten zumindest kleine Lügen zutage gefördert, diese waren jedoch offensichtlich, ihre angestrengten Versuche hätten wirklich niemanden zufrieden stellen können. Beide waren erheblich verstört wegen dieser schlimmen Situation. Obwohl Auseinandersetzungen zwischen ihnen bislang immer friedlich verlaufen waren, konnte diesmal keine Versöhnung herbeigeführt werden. Martin verließ Karina fluchtartig unter großem Geschrei einschließlich knallender Türen. Karina weinte bitterlich. 
 
Von Anne

Freitag, 7. November 2014

Rückblick: unsere Themen im Oktober

Wir werfen jeden Monat einen Rückblick auf unsere Posts - und möchten euch so die Orientierung und das Nachlesen unserer Beiträge erleichtern! 


Was hat der Welttierschutztag mit Literatur zu tun? Mehr als man denkt: In der Literatur- und Filmwelt sind Tiere ein populäres Thema, dem sich mittlerweile auch Universitäten mit Fächern wie Animal Studies widmen. Freya hat daher eine Liste mit Romanen zusammengestellt, in denen Tiere die Hauptrolle spielen.


Im Oktober haben wir mit Halldór Laxness' Atomstation unser Leseland Island verlassen. Wie wir den Roman fanden und im Litclub diskutiert haben, lest ihr in der Rubrik Und wie seht ihr das?

Der Oktober ist Buchmessen-Monat. Eva hat ihre Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse in Bildern festgehalten. Das diesjährige Gastland war Finnland, und wir haben es aus diesem Anlass zu unserem neuen Leseland gemacht. Für welche Bücher wir uns entschieden haben, lest ihr hier.

Anne-Kathrin macht auf den Bücherflohmarkt der Gießener Initiative Gefangenes Wort e.V. am 15.11. aufmerksam. Der Erlös des Bücherverkaufs kommt in diesem Jahr AutorInnen in Äthiopien und Kamerun zugute, die dort inhaftiert sind. 

In unserer Rubrik Und was liest du so? empfiehlt uns diesmal Christiane Bücher, die sie in der letzten Zeit bewegt haben. Darunter ist auch die autobiographische Graphic Novel Stiche. Erinnerungen von David Small. Bisher haben wir im Litclub noch keine Graphic Novel gelesen. Vielleicht wird dies die erste? 

Anne-Kathrin hat Wolkenfern den Nachfolgerroman von Joanna Bators Sandberg gelesen und ist begeistert. Wir hatten Sandberg gemeinsam im Litclub besprochen und freuen uns, ein paar der skurrilen, aber liebenswerten Figuren wiederzutreffen. 

Anne hat im Oktober ihren SUB vorgestellt, aus dem sie ein paar Bücher wieder aussortiert hat. Denn: manchmal ist es die falsche Zeit für ein Buch.




Freitag, 31. Oktober 2014

Annes SUB im Oktober

An meinem regelmäßigen SUB merke ich wie die Zeit vergeht… Und vor allem auch wie lange einige meiner Bücher ungelesen liegen bleiben. Derzeit stapeln sich meine un- und angelesenen Bücher an ihrem traditionellen Platz neben meinem Bett so hoch, dass sie über das Kopfkissen hinaus ragen und mich jeden Abend vor dem Einschlafen böse angucken.

Um mich vor Alpträumen zu bewahren, kapituliere ich und muss mal wieder feststellen, dass manchmal einfach die falsche Zeit ist für Bücher, die man sich zwar zur richtigen gekauft hat, aber dann doch nicht dazu kam, sie zu lesen. Vorerst ungelesen ins Regal wandern deshalb u.a. Der Kindheitserfinder von David Grossman, Hinter der Blechwand von Andrzej Stasiuk, Bonita Avenue von Peter Buwalda und Drei starke Frauen von Marie NDiaye.

Aber hier sind meine aktuellen
»gerade jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür«-Bücher:

SUB

- Ein Abend bei Claire von Gaito Gasdanow
- Alle Tage von Terésia Mora
- Die Herrlichkeit des Lebens von Michael Kumpfmüller
- Nacht ist der Tag und Blitzeis von Peter Stamm
- Das Fischkonzert von Halldór Laxness
- Wolkenfern von Joanna Bator
SAB

- Am Gletscher von Halldór Laxness
- Oktober und wer wir selbst sind von Peter Kurzeck

Von Anne

Dienstag, 28. Oktober 2014

Rezension: »Wolkenfern« von Joanna Bator


»Das Problem sind die Muslimisten, sprach der mit dem Schnauzbart und verbiss sich in die nächste Tomate, bis es blutrot triefte.« [...] Jadzia wurde jetzt richtig böse, richtig böse. [...] Diese Leute, unter die sie gegangen war, ärgerten sie mit ihren Meinungen viel mehr als Dominika, denn sie war nicht auf Pilgerfahrt, um sich Politisierereien anzuhören. Politisiererei nannte Jadzia jede Meinungsäußerung, die nicht zu ihren eigenen Ansichten passte oder sie ganz konfus machte, so dass sie alles durcheinanderbrachte. [...] Sie zupfte ihren Angorapullover über der Brust zurecht, streifte ein paar Krümelchen ab, holte Luft, doch in dem Moment ordnete Kaplan Michał das Ende des Halts an, und es ging ohne Blutvergießen ab.«

Jadzia Chmura ist mit einer Reisegruppe auf Pilgerfahrt, zu der auch der mit dem Schnauzbart gehört. Wer hätte das geglaubt - Jadzia verlässt mittlerweile des Öfteren den auf einem Sandberg gebauten Plattenbau in Wałbrzych, um sich zaghaft und manchmal missgelaunt dem Unbekannten außerhalb ihrer kleinen Welt zu stellen.

Anlass dafür ist nicht etwa die Tatsache, dass die realsozialistischen Grenzen Polens mittlerweile geöffnet wurden. Es ist Dominika, ihre Tochter, die Jadzia zum Reisen inspiriert. 

Denn als Dominika nach einem schweren Autounfall aus dem Koma erwacht, muss sie vor allem eins: weg. Weg aus Wałbrzych, weg auch aus der wiedervereinigten BeErDe, wo sie von SpezialistInnen behandelt wurde, hinaus in die Welt.

Das führt zunächst sehr zum Missfallen ihrer alles hygienisch schrubbenden, überängstlichen, wenig weltoffenen Mutter Jadzia. Doch mit jedem Telefonat, jeder Postkarte, die sie von Dominika bekommt, schreibt sich auch Jadzias eigene Geschichte weiter. Bis sie selbst aktiv zu schreiben beginnt.
  
Doch nicht nur ihre Geschichte entwickelt sich. Liebevoll und fließend nimmt sich Joanna Bator auch den Nebenfiguren an, die das Leben der Chmuras in Vergangenheit und Gegenwart tangieren: Dominikas neue Freundin Sara aus New York; die Teetanten, die das Konzentrationslager überlebten und als Sirenen ins Nirvana einkehren; die nun in einem deutschen Dorf den Klatsch der Nachbarschaft befeuernde Grażynka Rozpuch, die wir bereits aus Sandberg kennen; die trikotierende Josephine, die von ihrem Mann nie so geliebt wurde wie der ebenfalls eine nicht unwesentliche Rolle spielende Nachttopf Napoleons.

Bator zelebriert einfache und ungewöhnliche Menschen, vor allem aber starke Frauen mit kleinen und größeren Macken. Sie feiert den Zufall und das Leben, den Tod, die Liebe und die Freundschaft. Brutal geht es auch dieses Mal auf subtile Weise zu, sehr komisch und auch mal leise.

Alles ist wieder dabei in Wolkenfern, das mühelos mit dem Vorgängerroman Sandberg mithalten kann. Bator spielt mit den Feinheiten der Sprache und einer derartigen wortfinderischen Leichtigkeit, dass man bei jedem zweiten Satz in Verzückung gerät. Hoch gelobt werden muss auch die wieder fantastische Übersetzung von Esther Kinsky.

Von Begeisterung für das Buch zu sprechen, ist eine absolute Untertreibung. Wolkenfern ist großartig, fantastisch, einfach eine riesengroße Freude!


Von Anne-Kathrin

PS: Wir haben den Vorgängerroman Sandberg im Rahmen unserer literarischen Reise nach Polen gemeinsam im LitClub gelesen. Wie wir ihn fanden, könnt ihr hier und hier nachlesen!