Mittwoch, 20. August 2014

Rezension: »Wer ist hier die Mutter? Ein Comic-Drama« von Alison Bechdel

Vielleicht sollte am Anfang dieser Rezension eine Warnung stehen. Alison Bechdels autobiographisches Comic-Drama Wer ist hier die Mutter? über eine Mutter-Tochter-Beziehung hallt lange nach. Besonders in Töchtern und Müttern von Töchtern, die sich beim Lesen auf das Gefühl des Wiedererkennens gefasst machen können.

Die Heldin Alison hat eine Schreibkrise, über die sie mit ihrer Therapeutin spricht. Es geht um ihre Mutter:
»Ich kann dieses Buch nicht schreiben, wenn ich meine Mutter nicht aus dem Kopf kriege. Aber ich kriege sie nur aus dem Kopf, wenn ich dieses Buch schreibe.«
Die Schreibkrise steht am Anfang des Buchs und markiert somit gleichzeitig ihre Überwindung: Das Schreiben über die Krise und die Gespräche mit ihrer Therapeutin machen es möglich, dass Alison sich mit der konfliktbeladenen Beziehung zu ihrer Mutter auseinandersetzen kann. Die Geschichte der Mutter-Tochter-Beziehung ist dabei gleichzeitig die Geschichte von Alisons eigener Psychoanalyse. Eine Psychoanalyse ist (auch) Erinnerungsarbeit und so versucht Alison die losen Fäden ihrer Erinnerung an ihre Kindheit und ihre (gescheiterten) Beziehungen sowie die aktuellen Konflikte mit ihrer Mutter zu einem Ganzen zusammenzuweben. Die schwarz-weiß-rot gehaltenen Zeichnungen werden dabei immer wieder unterbrochen von Textdokumenten, aus denen Alison zitiert: hauptsächlich den Werken des Psychiaters Donald Winnicott und Virginia Woolfs. Hier greift auch das Medium des Comics besonders stark, denn Bechdel verbindet die zitierten Passagen mit der Darstellung von Alltagsszenen zwischen Alison und ihrer Mutter. Durch diese Übereinanderlegung entsteht eine völlig neue weitere Bedeutungsebene. Es wirkt, als könnte man direkt in Alisons Kopf schauen und auf ihre Erinnerungen und Gefühle zugreifen, während sie über einen Text Winnicotts nachdenkt.

Wer ist hier die Mutter? (im Original im Übrigen: Are you my mother?) berührt auch die generationenübergreifenden Verletzungen, die von Müttern auf Töchter übertragen werden. An einer Stelle fragt die Teenager-Alison ihre Mutter:
»Was ist das wichtigste, was du von deiner Mutter gelernt hast?« Die antwortet sofort:»Dass Jungs wichtiger sind als Mädchen.« Die von Alison so sehnsüchtig gewünschte Anerkennung ihrer Mutter ist dieser bereits ebenfalls verwehrt worden. Dieser Aspekt der Mutter-Tochter-Beziehung macht Wer ist hier die Mutter? nicht zuletzt zu einem feministischen Text.

Mein Fazit: 
Wer ist hier die Mutter? ist absolut lesenswert, ein unglaublicher kluger, ehrlicher, bewegender Comic.

Alison Bechdel: Wer ist hier die Mutter? Ein Comic-Drama. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2014.

Von Jessica

 

Sonntag, 17. August 2014

Und was liest du so? - Lesetipps von lesErLeben-LeserInnen - Heute mit Marion

Einer der Gründe für den Launch unseres Blogs war, dass so auch begeisterte LeserInnen, die wegen zu großer Entfernung oder anderer zeitaufwendiger Verpflichtungen nicht an unseren LitClub-Treffen teilnehmen können, trotzdem mitbekommen, was wir lesen und worüber wir diskutieren. Wir wollen euch in dieser Rubrik hin und wieder jemanden vorstellen, der oder die uns lesend und mit Literaturtipps begleitet. 

Marion – wünscht sich eine Katze, die ihr beim Lesen Gesellschaft leistet, 
nimmt aber momentan dissertationsbedingt mit Äpfeln vorlieb.

mag: 
  • Charaktere mehr als Plot 
  • besonders Bücher, in denen man dieselbe Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt bekommt. (Dazu fällt mir z. B. der Tillerman Cycle von Cynthia Voigt ein.) 

schlägt uns vor:
  • Salvage the Bones von Jesmyn Ward 
  • Chaim Potok, insbesondere The Gift und My Name is Asher Lev 

 findet besonders wichtig: 
  • Bücher im Original lesen zu können, was natürlich leider nur sehr eingeschränkt möglich ist...

hat zuletzt im Urlaub gelesen:
Im Urlaub komme ich in den letzten Jahren nicht zum Lesen, aber wenn wir das mal umdefinieren in "was hab ich zuletzt in der vorlesungsfreien Zeit gelesen": 
  • L’enfant noir von Camara Laye
  • The Match von Romesh Gunesekera

liest aktuell: 
  • alle vier Bände von Henry Roths Mercy of a Rude Stream im zweiten Versuch. Allerdings stellt sich auch beim zweiten Durchgang heraus, dass die Hauptfigur, Handlung und Erzählweise zunehmend weniger interessant und sympathisch werden. 

Von Freya 


Donnerstag, 14. August 2014

Rezension: >>Als die Tauben verschwanden<< von Sofi Oksanen


Edgar ist ein Ekel und ein Opportunist. Seine Fähigkeiten sich anzupassen sind bemerkenswert. Sein Streben nach Macht ist unablässig, die Kälte, mit der er sein persönliches Wohlergehen über jegliches Mitgefühl und jede Menschlichkeit stellt, erschreckend. Und um Edgar dreht sich dieser Roman. 

Die Handlung ist verzwickt. Sie springt zwischen den Jahren 1941 bis 1965 hin und her. Beginnen tut die Geschichte mitten im Waffengefecht in den Wäldern Nordestlands. Roland und sein Cousin Edgar befinden sich im Kampf gegen die Russen – unter der Flagge der estnischen Unabhängigkeit. Dabei kümmert sich Roland widerwillig um seinen nervenschwachen Cousin, einen Schwätzer und Deserteur der Roten Armee, der lieber von Heldentaten predigt als mit anzupacken.
 
Roland dokumentiert im Kriegsgeschehen alles über die Zerstörung der Bolschewiken, was für die Zeit der Unabhängigkeit Estlands gebraucht werden könnte. Er ist ein Mann mit Idealen, der sich für sein Land opfert. Ein Gegenpol zu Edgar. Ihm ist sein Cousin, „den der Krieg überhaupt nicht verändert hatte“, fremd. 

Während die beiden Männer im Wald über Leichen stolpern, wartet die in Tallinn alleine zurück geblieben Frau von Edgar auf den Untergang der Stadt. Zu Juudits großer Überraschung wird Tallinn nicht zerstört, sondern von den Deutschen eingenommen. Nun beginnt ein anderes Leben voller Liebe, in dem Juudits Angst, ihr Mann könnte zurückkehren, ihr ein ständiger Begleiter ist. Auch für die anderen Personen der Erzählung ändert sich das Leben gewaltig. Nicht zuletzt für Edgar, der problemlos die Seite wechselt und sich eine neue Identität anlegt. Und so verrät er alle, die er verraten kann. Verschont wird lediglich, wer ihm noch nützlich ist. 

Als die Tauben verschwanden könnte auch als Krimi durchgehen, gespickt mit Rätseln und dunklen Machenschaften. Und das vor einem sehr spannenden geschichtlichen Hintergrund, über den man viel erfährt. Doch muss man sich als Leser wirklich ins Zeug legen, um die Erzählfäden auseinanderzuhalten. So folgt man den verschiedenen Figuren, die sich als Erzähler der einzelnen Kapitel abwechseln, und erfährt langsam aber sicher, was sie miteinander verbindet. Es ist, trotz der dominanten Präsenz Edgars, ein mehrstimmiger Roman. Sprachlich bietet der Roman keine großen Überraschungen. Die Komplexität der Handlung überschattet die Sprache, obwohl Oksanen häufig eindrückliche Bilder findet, wie das Lächeln von Mutter, das wie eine gefettete Bratpfanne glänzt.

Wir kennen alle den Verlauf der Geschichte und folglich wird Edgars Nazi-Karriere ein Strich durch die Rechnung gemacht. Alles wird noch einmal anders. Es finden sich neue Feinde und neue Verbündete, manch einer verfällt dem Alkohol und Edgar wird zum sowjetischen Schriftsteller, der die Geschichte so schreibt, wie sie ihm passt. Als die Tauben verschwanden ist ein Roman darüber, was totalitäre Machtsysteme aus den Menschen machen. Wie sie anfangen, sich gegenseitig auszuspielen und nicht einmal mehr wissen, warum sie dies tun.

von Hanna 

Sofi Oksanen: Als die Tauben verschwanden. Kiepenheuer & Witsch, 2014.

Samstag, 9. August 2014

Selbst ist der Leser - Wie liest man eigentlich "engagiert"?

Was tun mit einem Buch?

Jede Woche beleuchten wir, was engagierte Literatur ist. Aber was macht eigentlich einen engagierten Leser aus? Zu dieser Frage regte mich unsere Rekordleserin Jessica bei unserem letzten Treffen an, als sie ihre Ausdauer für 900 Seiten Hilary Clinton anzweifelte.

Ich möchte also einen Blick werfen auf uns – darauf, wie wir lesen und was wir mit den Büchern tun, die wir lesen.

Lesetechniken, Lesegewohnheiten, Leseunarten

Ein Buch hat immer zwei Geschichten, seine Erzählung und seine Materialität. Und mit beidem kann man spielen. Da gibt es die Spannungskiller, die kein Buch anfangen können, ohne zunächst die letzte Seite gelesen zu haben. Andere verbannen “ungezogene” Bücher – frei nach Joey Tribbiani – ins Gefrierfach. Anne beichtete uns neulich ihre Schwäche für eindrucksvolle Buchcover. Und die Person, die mich zur Leseratte machte, hat Lieblingsbücher in zweifacher Ausführung: Ein Exemplar für das Regal sowie das zerfledderte, das abends mit einschläft, sich mit Kaffeeflecken schmückt.

Ob ein Kindl wohl gern im Gefrierfach weilt?
Es hat keine Badewannenflecken von 1997.
Keine Eselsohren vom ungestümen Umblättern.
Und es wird nie nach Dachboden riechen...
Was bedeutet das fürs engagierte Lesen?
Lesevergnügen, Lesebedauern

Aber mal was anderes: Sollte man nur zum Vergnügen zu lesen? Oder sich auch mal zwingen? Meine Liebe zu Jane Eyre entdeckte ich erst beim dritten Anlauf. Dafür, dass ich es nicht nach einem Kopfkratz-Kapitel wieder weggelegte, hat mich Stanisics Erstlingswerk reichlich belohnt. Und Howard's End schnarcht zum dritten Mal in meinem Bett. Letzteres jedoch wird sich wohl unter der Kategorie “Lesebedauern” zu Das Große Heft, Frankenstein und Mrs Dalloway gesellen  
– ohne, dass ich das Ende erreiche.

Aber reden wir doch mal über das Ende...

Nach Jessicas Hilary-Debakel fragte ich mich zunächst: Wann hat man eigentlich ein Buch gelesen? Das Ende ist das Ziel, aber wer sagt eigentlich, dass man dahin muss? Kann man einen Roman überfliegen und eine Meinung dazu haben, oder muss ich bis zur letzten Seite vorgedrungen sein? Vielleicht sind manche Bücher sogar bereichernder, wenn man sie nicht zuende liest...

Das Ende muss nicht zwingend enttäuschend sein, vielleicht ist es einfach nicht besonders gewinnbringend. Darf man der Geschichte also selbst ein Ende setzen, die Autorität des Schriftstellers übergehen? Darf man sich ihrer Chronologie entziehen, die vorgegebene Struktur des Leser-Autor-Dialogs umstürzen? Und wenn wir uns durch einen sogenannten “Klassiker” hindurchquälen müssen, sind wir dann schlicht die falschen Leser für das richtige Buch?

Vielleicht ist der wichtigste Teil des Leseprozesses stets das, was danach kommt: Die Kommunikationsebene. Das Teilen. Das Inspirieren-Lassen zu eigenen Werken. Das Vortesten für den Nachwuchs. Der neuentdeckte Drang zu guten Taten – egal, wie man gelesen hat.

Also zurück zur Frage...

Was ist nun ein engagierter Leser? 

Jemand...

  • der sich auch auf materieller Ebene auf ein Werk einlässt?
  • der durchs Lesen ein kleines Stückchen besser wird?
  • der Vorgaben umgeht, die Reihenfolge umkehrt, sein eigenes Ende setzt, sich das Buch zu eigen macht?

Was meint ihr?

 von Freya

Dienstag, 5. August 2014

Rezension: »Eis« von Ulla-Lena Lundberg


Am Anfang ist das offene Meer, später das Eis. Mit dem Boot von Post-Anton kommt der neue Pfarrer Kummel mit Frau und Kind im Frühjahr auf den Örar-Inseln an. Das junge Paar wünscht sich 1 ½ Jahre nach Kriegsende nichts sehnlicher als ein eigenes Haus mit Hof und ein bisschen Normalität. Die entlegene Gemeinde hatte schon lange keinen eigenen Pfarrer mehr und steht deshalb seinerseits erwartungsvoll auf dem Steg bereit. Das Pfarrhaus ist vorgeheizt, Brote sind geschmiert. Die Gastfreundschaft der Örar-Bewohner überwältigt die Kummels und so wird dies ein guter Anfang.

Das Paar richtet sich ein, der Pfarrer, angetrieben von dem brennenden Feuer in seiner Brust, ist „entzündet von allem, was er in seinem Leben noch erreichen und erleben will.“ Sie lernen viel über die Gepflogenheiten der Inselbewohner, die ohne Klopfen ins Haus einzutreten pflegen, geben sich große Mühe, sich in der Gemeinschaft einzufinden. Auch als der Pfarrer herausfindet, dass diese so scheinbar ideale Welt seine Risse hat, lässt seine Motivation nicht nach – er besitzt eine fast naive Gutmütigkeit.


Eis erzählt auf sehr realistische Weise von dem Leben in den finnischen Schären nach dem zweiten Weltkrieg. Nicht die Politik bewegt diese Geschichte, sondern das Alltagsleben. Es wird geschildert, wie gebacken und gekocht, wie gemolken und Milch gesiebt wird, wie man navigiert, sich über das Eis bewegt, wie Eltern und Kinder sich streiten. Den Rahmen der Erzählung bildet Post-Anton, der einzige Ich-Erzähler neben dem allwissenden Erzähler. Er vertritt die Stimme der Inselbewohner, erklärt ihre Kultur und Sicht auf die Dinge, und das Verhältnis zu den „Letesgubbar“, verstorbene Seelen, die einen über das tosende Meer leiten. Wenn man ihnen denn gut zuhört... 

Rastlos, mit der gleichen unruhigen Geschwindigkeit der Pfarrersfrau, schreitet die Erzählung voran: „Krack, werden die Umzugskisten aufgebrochen, beginnt das Auspacken, ist die Anrichte voll.“ Und gleichzeitig werden die alltäglichen Abläufe und die Natur bis ins Detail beschrieben. Die Autorin malt ein realistisches Bild, in das man versinken kann. Ein Bild, das sehr an die Bilder von Anton Tschechow erinnert. 

Der Roman hat seine Längen, gerade aufgrund der ausführlichen, repetitiven Beschreibungen. Doch manchmal versteckt sich ihnen auch eine Prise Humor: „Hier [im Stall] ist es einfach: ausmisten, Heu aufschütten und Wasser einfüllen, Euter waschen und einfetten, melken, durchseihen, die Kannen ans Joch hängen – frohe Weihnachten und gute Nacht!“ Die Übersetzung überzeugt, Asche über mein Haupt, streckenweise fast mehr als das schwedische Original. Da erlebt Pfarrer Kummel eine Verproviantierungstour von Gottes Gnaden und die erste Nacht auf dem Pfarrhof verbringen er und seine Frau platt wie eine Flunder.

Das Pflichtbewusstsein, mit der das Ehepaar Kummel das Leben angeht, ist auffällig übertrieben. Die Tüchtigkeit und Prinzipientreue von Mona Kummel führt im Laufe des Romans zur totalen Ermattung des Lesers. Weil das alles ein bisschen zu viel des Guten ist, entsteht der Eindruck, es liege etwas im Argen. Und das tut es. Eis ist ein Roman über die großen Fragen des Lebens: Geburt, Tod, Krankheit, Glück, Glaube, Aberglaube, Gutes, Böses. Er ist anspruchsvoll und verlangt dem Leser auf dem Weg ins Unglück viel Engagement ab. Mit ein bisschen Mut sollte man sich vor Lesebeginn wappnen und ansonsten die Geschichte so nehmen, wie sie kommt. Um es mit den Worte von Post-Anton zu sagen: „Es ist, wie es sein soll, denn alles fließt und verändert und verwandelt sich.“ 

von Hanna 

Ulla-Lena Lundgren: Eis. Mare Verlag, 2014. 

Freitag, 1. August 2014

Rückblick: unsere Themen im Juli

Wir werfen jeden Monat einen Rückblick auf unsere Posts - und wollen euch so die Orientierung und das Nachlesen unserer Beiträge erleichtern! 


Nun ist auch der Sommer bei uns angekommen und wir freuen uns auf jede Menge Urlaub. Daher haben wir unser Blog-Programm etwas heruntergeschraubt für Juli und August. 

Julia hat sich den Sammelband Euromaidan zur Ukraine-Krise, herausgegeben von Juri Andruchowytsch, angeschaut und ihn besprochen. Rezensiert hat Anne-Kathrin auch das Sachbuch Konzentriert Euch! Eine Anleitung zum modernen Leben von Daniel Goleman - über das sie ein gemischtes Fazit zieht. Begeisterter ist sie von engagierten Büchern, die sie zum Denken, Reflektieren und Lernen anregen, wie der Roman Drachenläufer von Khaleed Hosseini.

Jessica hat wieder eine ihrer Lieblingsserien auf ihr Engagement hin überprüft - dieses Mal die TV-Serie Treme, die die US-amerikanische Gesellschaft des Südens nach Hurricane Katrina porträtiert. Und auch ihren Stapel ungelesener Bücher hat Jessica im Juli mit uns geteilt.

Dienstag, 29. Juli 2014

Jessicas SUB im Juli

Der Juli war bisher der Lesemonat meines Jahres. Inspiriert von einem Kurzurlaub im Bücherhotel (für Lesefans wie euch absolut zu empfehlen!), habe ich versucht wieder häufiger nur aus Spaß zu lesen. In meinem Arbeitsalltag geht das leider oft unter, da ich beruflich viel lese. Mir geht's da wie Silvia im Juni. Ich merke aber immer wieder, dass ich erstaunlich viel Zeit zum Lesen finde, wenn ich mich ein Buch an der Nase gepackt und mit Haut und Haaren in seine Welt gezogen hat. Weil das nicht mit jedem Buch und nicht in jedem Moment funktioniert, sollte der eigene SUB immer gut gefüllt sein. Damit das richtige Buch zur richtigen Zeit nur eine Armlänge entfernt ist.

Mein SUB sind nun gerade folgendermaßen aus:
  • Die geheime Geschichte von Donna Tartt (Silvia hat mich mit ihrer Empfehlung von Tartts Distelfink neugierig gemacht)
  • Das dunkle Schiff von Sherko Fatah
  • Der Sommer ohne Männer von Siri Hustvedt (bin gerade dabei und finde es toll)
  • Eines Tages, Baby von Julia Engelmann (was soll ich sagen: ich bin auch eine der 5 Mio Fans...)
  • Hystorien von Elaine Showalter 
  • Bellefleur von Joyce Carol Oates

Von Jessica

Mittwoch, 23. Juli 2014

Engagierte TV-Serie: »Treme«

Wir lesen nicht nur engagierte Literatur, sondern schauen auch fleißig diverse TV-Serien. Da auch diese in unseren Augen engagiert sind, haben wir eine kleine Exkurs-Reihe zu unseren Lieblingsserien gestartet. 

Foto: Roland Büchter
Da ich ein großer Fan von The Wire bin, wollte ich unbedingt auch David Simons Serie Treme über New Orleans sehen. Wie so oft bei guten Serien, ist es schwierig sie auf dem deutschen Markt zu bekommen... (warum eigentlich???) Ich hatte die Serie, die von 2009-2013 in den USA lief, schon fast wieder vergessen als ich zufällig in einem Laden in Frankreich auf die komplette Serie als DVD-Box stieß. (Hierzulande kann man leider nur die ersten drei Staffeln als teuren UK-Import kaufen...!) Ich habe gleich zugeschlagen, und in diesem Fall lohnte es sich richtig, da noch eine CD mit dem Soundtrack zur Box gehörte. Und damit bin ich beim Inhalt dieser grandiosen Serie: es geht um das Leben in New Orleans nach Katrina. Aber in erster Linie geht es um Musik.

Die Handlung setzt ein paar Monate nach dem Hurrikan ein. Die ersten BewohnerInnen kommen zurück nach New Orleans und stehen vor ihren zerstörten Häusern. Es gibt in vielen Teilen der Stadt keine Stromversorgung und kein Wasser. Es fehlt an Material und an Fachkräften um die Stadt wiederaufzubauen. Und an Geld. Die Versicherungen zahlen nicht oder nur langsam, die von der Regierung bereitgestellten Notunterkünfte reichen nicht aus, die Aufbauhilfe fließt nur zögerlich. Bei den Ärmsten scheint sie überhaupt nicht anzukommen.

Wie auch bei The Wire öffnet sich Treme über die Geschichten der Hauptfiguren zu einem Porträt der amerikanischen Gesellschaft. Zu den Hauptfiguren gehören u.a. ein DJ und exzessiver Musikliebhaber, ein desillusionierter Literaturprofessor und Gelegenheitspolitiker (grandios gespielt von John Goodman), eine Restaurantbesitzerin und Köchin, ein Mardi-Gras Indian sowie dessen Sohn, der erfolgreicher Jazzmusiker ist. Die Hauptrolle in der Serie spielt allerdings die Musik, und so darf man sich auf eine Reihe von Gastauftritten unterschiedlichster international bekannter oder lokaler MusikerInnen freuen, z.B.  Allen Toussaint, Dr. John, Elvis Costello, Steve Earle, Sammie Williams usw.
 
Die DVDs enthalten Musikkommentare zu allen Episoden, so dass Treme nicht nur gute Unterhaltung, sondern gleichzeitig auch eine Einführung in die Entstehung und Entwicklung eines wichtigen Teils amerikanischer Kultur ist: wir sehen und hören Jazz, Blues, RnB, Bluegrass, Zydeco, Brass und Cajun. Neben der Musik spielen auch die kulinarischen Besonderheiten der Region eine Rolle. Und natürlich die vielen traditionellen Feste, von denen der Mardi Gras der jährliche Höhepunkt ist.

Im Verlauf der Serie, die trotz der Zerstörungen durch Katrina optimistisch und mit einem starken Willen der Bevölkerung die Stadt wieder aufzubauen beginnt, wird nach und nach ein kritischerer Ton angeschlagen. Mit dem Fließen der Gelder für den Wiederaufbau kommt es zur Korruption, die Stadt schafft es nicht die Infrastruktur wiederherzustellen, die Situation nach dem Hurrikan wird genutzt um Sozialbauten zu schließen oder gar abzureißen, und so die ehemaligen BewohnerInnen an der Rückkehr nach New Orleans zu hindern. Die wenigen, die geblieben oder wiedergekommen sind, kämpfen ums wirtschaftliche Überleben. Und dennoch...die Stadt erfindet sich neu, in dem sie sich auf ihre Traditionen und ihre Kultur besinnt. 

Ein fantastisches Porträt New Orleans', der Musik, des Essens und der Traditionen des amerikanischen Südens. 

Von Jessica
 

Samstag, 19. Juli 2014

Rezension: »Konzentriert Euch! Eine Anleitung zum modernen Leben« von Daniel Goleman

Während ich diesen Blogeintrag schreibe, habe ich parallel zwei E-Mail-Programme offen, warte auf einen Rückruf, trinke meinen Morgentee, schaue schnell zwischendrin mal Nachrichten und plane auf einer To-Do-Liste die nächste Woche.

Nach Konzentration auf das Wesentliche hört sich das nicht an. Multitasking, das haben wir in den letzten Jahren erfahren, ist wenig hilfreich, um konzentriert und zielführend zu arbeiten. Umso dankbarer sind gestresste Menschen über Sachbücher, die Abhilfe aus der Misere versprechen. Konzentriert Euch! Eine Anleitung zum modernen Leben, das neue Sachbuch des Psychologen Daniel Goleman (der für seinen Beststeller Emotionale Intelligenz noch Jahre nach dessen Erscheinen in aller Munde ist) scheint genau solch ein Buch zu sein.

Doch in gewisser Weise wird diese Erwartung, Konzentriert Euch! sei eine Anleitung fürs Wesentliche, nicht erfüllt. Denn auch wenn Goleman immer mal wieder auf das Spannungsverhältnis Konzentration-Stress-Multitasking zu sprechen kommt, dominieren in seinem Werk Themen, die wieder in Richtung emotionale Intelligenz gehen - mit starker Emphase auf den Fähigkeiten, die eine Führungskraft mitbringen muss.

Wer sich also ein Sachbuch wünscht, das Anleitungen gibt, wie wir uns im Alltag auf das Wesentliche konzentrieren können, wird enttäuscht. Für (angehende) Führungskräfte und Menschen, die alles rund um das große Themenfeld emotionale Intelligenz interessiert, ist Konzentriert Euch! definitiv ein kurzweiliges und interessantes Lehrwerk - allerdings mit einigen Schnitzern: So ist beispielsweise die Formulierung (oder Übersetzung?) »Ein frustrierter Gemüsehändler verbrennt sich auf einem Marktplatz in Tunesien und liefert damit den Zündfunken für den Arabischen Frühling« daneben geraten. Denn aus Frustration verbrennt man sich nicht selbst, sondern aus purer und allumfassender Verzweiflung.

Dieser Satz ist umso verwunderlicher, da die Empathie ein zentrales Kapitel in Golemans Buch einnimmt. Einerseits ist Goleman von der Wirkmacht von Empathie für unsere Mitmenschen und auch im beruflichen Kontext überzeugt, die wir durch Konzentrationsleistung ausbilden können. Andererseits macht er in diesem Zusammenhang aber auch auf eine Hierarchisierung unserer Gesellschaft aufmerksam, in der Empathie, beziehungsweise die Aufmerksamkeit, die wir anderen schenken, Ausdruck für ein Unterordnungsverhältnis sein kann. Goleman formuliert dies als »Verteilung der Aufmerksamkeit entsprechend der Machtverhältnisse« und bringt dafür ein einfaches Beispiel: »Je länger jemand eine E-Mail ignoriert, bevor er schließlich darauf reagiert, desto mehr gesellschaftliche Macht hat diese Person im Verhältnis zur anderen.«

Das stärkste Element seines Buches ist wohl Golemans Plädoyer für systemisches Denken: Denn diejenigen, die Systemzusammenhänge erkennen können - was für Goleman ein Produkt aktiven konzentrierten Denkens sein kann - haben damit eine wesentliche Fähigkeit zur Hand, um Visionen entdecken und in die Tat umsetzen zu können.

Daniel Goleman: Konzentriert Euch! Eine Anleitung zum modernen Leben, München: Piper, 2014.

Von Anne-Kathrin

Samstag, 12. Juli 2014

Was kann engagierte Literatur? Sie schafft Interesse für die gemeinsame Welt!

Welche Wirkmacht hat engagierte Literatur eigentlich auf einen selbst?

Auf diese Frage haben wir nach knapp vier Jahren Literaturclub (vier Jahre!) einige Antworten gefunden. Eine davon lautet: Mithilfe einer spannenden Geschichte und dem empathischen Vorgang des In-sich-hinein-Versetzens in eine literarische Figur (oder mehrere) lernen wir die Welt aus einer anderen Perspektive kennen - und wir lernen in diesem Prozess auch, mehr Aufmerksamkeit für Themen, Orte und Menschen aufzubringen, die nicht zu unserem unmittelbaren »Circle of concern« gehören.

Jüngst habe ich wieder ein Beispiel dafür erlebt: Endlich las ich Drachenläufer von Khaleed Hosseini. Ausgangspunkt des Romans ist die Jugendzeit der Hauptfigur Amir in Afghanistan Ende der 1970-Jahre, die zunächst in eine heile Welt eingebettet ist. Doch die Erzählung erstreckt sich auch auf die Invasion der Sowjetunion in Afghanistan im Dezember 1979 und die darauffolgende Radikalisierung des öffentlichen Lebens durch die Taliban.

Die Geschichte um die Freundschaft zwischen Amir und seinem ungleichen Freund Hassan ist wunderschön erzählt - schon deshalb lohnt es sich, den Roman zu lesen. Was Drachenläufer aber vor allem in mir geweckt hat, ist ein stärkeres Interesse für Afghanistan. Natürlich habe ich seit 2001 mit einem Auge auf den Nachrichtenbildern das Kriegsgeschehen in Afghanistan verfolgt. Aber mein Wissen zu diesem Konflikt war doch leider immer fragmentiert, genauso wie meine Aufmerksamkeit für das Land und seine Bevölkerung.

Dank des Romans interessiere ich mich nun in viel stärkerem Maße für Afghanistan und seine Geschichte, und verstehe die jüngsten Ereignisse viel besser als früher - weil der Roman mir eine emotionale Komponente zu dem Land und vor allem den AfghanInnen geschenkt hat, die mein Interesse nun in viel stärkerem Maße auf die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse in Afghanistan lenkt.

Von Anne-Kathrin

Sonntag, 6. Juli 2014

Rezension »Euromaidan. Was in der Ukraine auf dem Spiel steht«, herausgegeben von Juri Andruchowytsch

Im Laufe der Proteste auf dem Maidan in Kiew entstand eine Menge an Texten über die Ukraine, die Proteste und den Beweggründen für die Ereignisse auf dem Maidan, sowohl in den sozialen Medien, als auch in der Presse. Im vorliegenden Buch hat Juri Andruchowytsch nun Beiträge zusammengestellt, die versuchen die Ereignisse auf dem Maidan und in der Ukraine zu beleuchten und zu fassen.

Es kommen sowohl TeilnehmerInnen der Proteste auf dem Maidan zu Wort, als auch UkrainerInnen die im Ausland leben. Außerdem sind einige Beiträge von PolitikwissenschaftlerInnen, SoziologInnen und HirstorikerInnen enthalten, die versuchen die Tatsachen darzustellen und einige Entwicklungen zu erklären. Die Texte des vorliegenden Bandes stammen hauptsächlich vom März 2014. Dazu kommt ein Fotoessay, der die Proteste und vor allem die Protestierenden begleitete, die aus ihrem Alltag in den Protest getreten waren.

Was bei den Texten der TeilnehmerInnen des Protests zuerst auffällt ist die starke Heroisierung der Protestierenden und die häufige Verwendung des Heldenbegriffs, zusammen mit einer Enttäuschung über das Verhalten der europäischen PolitikerInnen und Bevölkerungen. Die meisten waren von der Breite, dem Durchhaltevermögen und der brutalen Entwicklung der Proteste überrascht. Ein Journalist postet auf Facebook, dass er zum Maidan geht und daraus wird eine Revolution. 
»Die Wochen des blutigen Widerstands haben die Ukraine verändert. […] Ein Zurück gibt es nicht. Und das gilt für alle: für die Demonstranten, für die Polizisten, aber auch für die Kriminellen, die auf der Seite der Regierung gestanden haben.«
Dass es sich bei den Ereignissen in der Ukraine um eine Revolution handelt, stellt keine/r der AutorInnen in Frage. Es wird deutlich, dass die Beteiligten von der brutalen Entwicklung der Ereignisse geprägt sind und dabei tiefe Gräben geschaffen wurden. Diese sind sowohl zwischen den verschiedenen Oppositionen und der Staatsmacht entstanden, aber auch gegenüber dem von Putin geführten Russland. Viele AutorInnen stellen das Verhalten und die Aktionen des alten Regimes in direkten Zusammenhang mit Russland und versuchen die Argumente, die in Russland gegen die Revolution stark gemacht werden, mit Berichten, Umfragen und Analysen zu widerlegen. Gleichzeitig werden die ersten Stimmen laut, die deutlich machen, dass die Neuwahl des Präsidenten und die Rückkehr alter Oppositioneller keineswegs das Ziel der Protestbewegung war.

Euromaidan bietet meiner Ansicht nach eine interessante Zusammenstellung von Beiträgen und vermittelt uns die Gefühle einiger ProtestteilnehmerInnen rund um die Ukraine-Krise. Zusammen mit den wissenschaftlichen Darstellungen und den Erklärungsversuchen der Beteiligten so kurz nach den Protesten - und während der Umbruch noch in vollen Gängen ist - gibt das Buch einen Einblick über das Geschehen. Außerdem bringt es uns LeserInnen auch dazu uns nach der eigenen Einstellung und der Vorstellung von Europa zu fragen. Die AutorInnen zeigen keine Lösung auf, sondern verlangen vielmehr von uns, über die Entwicklungen nachzudenken und das Geschehen aktiv weiterzuverfolgen. 

Von Julia
  
Juri Andruchowytsch (Hrsg.): Euromaidan. Was in der Ukraine auf dem Spiel steht, Suhrkamp Berlin 2014

Mittwoch, 2. Juli 2014

Rückblick: unsere Themen im Juni

Wir werfen jeden Monat einen Rückblick auf unsere Posts - und wollen euch so die Orientierung und das Nachlesen unserer Beiträge erleichtern!



Zu Beginn des Monats erzählt Anne-Kathrin von unserem letzten Vorlesen im SeniorInnenheim. Die Lesung dauerte nur 25 Minuten, aber hat allen - Vorleserinnen und ZuhörerInnen - viel Spaß gemacht!

Eva und Jessica haben schon im letzten Monat nach der Lesung mit Chimamanda Ngozi Adichie von ihrem neuen Roman Americanah geschwärmt. Hier ist nun endlich die Rezension, die euch alle zum Lesen dieses tollen Buchs verführen wird!

Pünktlich zum Start der WM stellt Anne-Kathrin fest: »Public Viewing« war gestern - wir sind Fans von »Public Reading«! Sie fordert uns alle auf mehr öffentlich über Literatur zu diskutieren. Yeah!
Der Vorschlag unserer engagierten TV-Serie des Monats kommt von Freya, die uns Call the Midwife ans Herz legt.  

Auch im Juni haben wir mal wieder eine Lesung besucht. Diesmal waren wir bei der Vorstellung von Unerwünscht. Drei Brüder aus dem Iran erzählen ihre deutsche Geschichte der Brüder Mojtaba, Milad und Masoud Sadinam. Mojtaba und Masoud Sadinam haben aus ihrer bewegenden Geschichte gelesen, aber auch eine spannende Diskussion über Flüchtlings- und Asylpolitik aus einer persönlichen Sicht geführt.

Unsere Leserin Dorith stellt uns in ihrer Rezension erstmals ein engagiertes Kinderbuch vor. Das himmel-blaue T-Shirt von Birgit Prader und Birgit Antoni erzählt behutsam von der Entstehung eines fair-hergestellten T-Shirts.

Wir haben im LitClub das nächste Buch beendet und diskutieren in »Und wie seht ihr das?« Jón Kalman Stefánssons Sommerlicht, und dann kommt die Nacht. Und mal wieder können wir uns nicht einigen!

Und Silvias SUB im Juni enthält ein ehrgeiziges Projekt: sie hat sich Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit vorgenommen!  

Montag, 30. Juni 2014

Silvias SUB im Juni

Lesezeit ist kostbar, insbesondere, wenn man gerade Eltern geworden ist, und eigentlich die gesamte übrig bleibende Zeit zwischen Windeln wechseln, Füttern, Haushalt und in Zukunft wieder Job für sein Promotionsprojekt verwenden sollte. Darf ich abends im Bett überhaupt noch ein Buch lesen, das nicht zu den Primärtexten meiner Dissertation gehört? Ab und an eins zwischendurch sollte nicht schaden, denke ich. Gerade habe ich im Rekordtempo Donna Tartts Distelfink beendet und freue mich nun auf jedes Buch, dass ich in Zukunft immer mal dazwischen schieben werde. In meinem Regal tummeln sich praktischerweise noch ein paar Werke, die schon länger auf ihre Lektüre warten. Darunter ein ganz besonders ambitioniertes Projekt, ganz oben auf der Liste (die daher heute auch nicht allzu lang gerät) ...
 
SUB
 
- Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust
- The Original of Laura von Vladimir Nabokov
- The God of Small Things von Arundhati Roy
- On Beauty von Zadie Smith
- And the Ass Saw the Angel von Nick Cave
- Die Straße von Andreas Maier
 
 
Von Silvia

Samstag, 28. Juni 2014

»Und wie seht ihr das?« - »Sommerlicht, und dann kommt die Nacht« von Jón Kalman Stefánsson

In unserer Rubrik »Und wie seht ihr das?« wollen wir euch unsere Literaturclub-Treffen näher bringen: In Interviewform werden wir euch Fragen und Meinungen präsentieren, die wir so in geselliger Runde an- und ausdiskutiert haben und so gleichzeitig auch die Werke besprechen, die wir lesen.

Was waren Eure ersten Eindrücke bei Sommerlicht, und dann kam die Nacht? 

Jessica: Ich habe ein bisschen gebraucht um mich auf die skurrilen Figuren in diesem Dorf auf Island einzulassen. Doch gleich die erste Geschichte rund um den Geschäftsmann, der sich aus dem Leben zurückzieht, um Latein zu lernen und die Sterne zu studieren, ist so poetisch, kurios und doch auch lebensnah, dass mich das gepackt hat.

Freya: Es war als würde man versuchen, krampfhaft durch ein kleines Schlüsselloch zu luken: der erfolglose Versuch also, tief in das Geschehen einzutauchen. Das Buch hat sicher gewisse Qualitäten, ich kann mir z.B. vorstellen, dass gerade die Distanz zu den Figuren für viele Leser den Witz und die Allgemeingültigkeit der hier beschriebenen Beziehungen und Handlungen verstärkt, aber mich hat es von Beginn an unheimlich frustriert

Julia: Das Setting wirkte im ersten Moment etwas seltsam und mir war nicht klar, wie hier eine interessante Geschichte entstehen sollte. Doch die erste Beschreibung eines Mannes der plötzlich, und ohne Sprachkenntnisse, auf Latein träumt, hat mein Interesse geweckt und ich wollte unbedingt mehr über diese Gemeinschaft wissen. 

Das Buch beschreibt die Lebenswege einzelner Mitglieder der Dorfgemeinschaft. Wie fandet Ihr diese Struktur? 

Jessica: Ich konnte der Erzählung gut folgen und hab mich sehr gern wieder auf jede neue Figur, ihr Leben, Leiden und die schönen Momente zwischen den DorfbewohnerInnen eingelassen. 

Freya: Es war als würde man abwechselnd durch die verschiedenen Fenster eines Puppenhauses schauen. Oder als hätte man einen Schuhkarton voller mit Anekdoten gefüllter Zettel. Damit möchte ich nicht sagen, dass die vom Autor festgelegte Abfolge nicht wohlüberlegt ist, aber es sind eben Bruchstücke eines Ganzes, das man nicht greifen kann. Mir fehlt hier eine große Geschichte, aber das ist natürlich auch Geschmackssache. 

Julia: Ich fand es sehr interessant die verschiedenen Dorfbewohner kennenzulernen und zu lernen, wie sie miteinander in Beziehung stehen. Oft deuteten nur ein, zwei Sätze auf die tatsächlichen Gefühle und Einstellungen der Personen hin. Das ergab ein interessantes Geflecht. 

Gab es eine Person die Euch besonders gefallen oder interessiert hat? 

Jessica: Ehrlich gesagt hat mich besonders der Astronom fasziniert mit dessen Geschichte der Roman beginnt. Er zieht sich für das Studium der Sterne aus seiner Familie, seinem Beruf und dem Dorfleben zurück und scheint auch sonst aus der Zeit gefallen; z.B. korrespondiert er nur per Brief mit anderen Gelehrten aus der ganzen Welt. Durch ihn und sein Interesse für das Universum bekommt das Leben in dem Dorf, was im Anschluss im Verlauf des Romans geschildert wird, eine geradezu philosophische Dimension: das kleine isländische Dorf und seine BewohnerInnen sind ein Teil des Universums. Scheinen ihre Sorgen und Nöte und die Geschehnisse im Dorf auch noch so klein im Vergleich zum Rest der Welt, sind sie dennoch universell: es geht um Liebe, um Sinn, um Verlust, den Tod, Einsamkeit, Freundschaften und Familie. 

Freya: Für mich ging es in dem Roman gar nicht wirklich um die Figuren; er wirkte mehr wie ein Abriss bestimmter Typkategorien. Zwar hatte ich nicht das Gefühl, dass die Figuren bloße Schatten waren oder gar Karikaturen, aber sie wirkten eher wie Marionetten des Autors, was, auch wenn alle Romanfiguren der Welt letztendlich nichts anderes sind, ein Effekt ist, mit dem ich nicht viel anzufangen weiß. Das rote Kleid und der Astronom sowie der Selbstmörder stechen heraus, aber eher aufgrund der Art und Weise, in der die anderen Dorfbewohner sie betrachten als durch ihr eigenes Auftreten. Aber so war es wohl auch vom Autor beabsichtigt. 

Julia: Gleich die erste Figur des sog. Astronomen hat mich sehr interessiert. Er träumt in einer ihm unbekannten Sprache und macht sich daran sie zu erlernen. Anschließend ändert er sein ganzes Leben radikal und in einem winzigen Dorf in Island ist plötzlich eine Person über Briefe mit der ganzen Welt verbunden. Außerdem fand ich Elisabeth mit ihrem (im Dorf so auffälligen) roten Kleid sehr interessant und habe mich gefreut, als auch über sie mehr bekannt wurde. 

Würdet Ihr das Buch als engagiert bezeichnen? 

Jessica: Ich weiß nicht… Der Autor wirft einen Blick in einen kleinen und dadurch häufig vergessenen Winkel der Welt.  

Freya: Ich würde sagen, es ist der Versuch eines engagierten Romans, der sein Ziel aber nicht ganz erreicht. Stefánsson hat philosophisch-poetische Ansätze und versucht, seinen Dorfgeschichten mit eingebetteten Was-ist-der-Sinn-des-Lebens Fragen Gewicht zu verleihen, aber der Versuch wirkt tollpatschig und platt. Beim Lesen wirken genau diese Fragen so offensichtlich, so wiedergekäut, dass das in meinen Augen einzige Potenzial für ein literarisches Engagement antiklimaktisch versickert. 

Julia: Bei dieser Frage bin ich unentschieden. Das Buch beleuchtet auf der einen Seite Gemeinschaften und die Versuche ihrer Mitglieder ihrem Leben einen Sinn zu geben, aber ich weiß nicht ob das in dieser Form besonders engagiert ist. 

Würdet Ihr das Buch weiterempfehlen? Warum (nicht)? 

Jessica: Uneingeschränkt ja. 

Freya: Eigentlich nicht. Tatsächlich muss ich mich aber zwingen, nicht zu sehr nach meinem eigenen Empfinden zu gehen; wer Romane mit einer skizzenhaften, puzzleartigen oder anekdotenhaften Schreibweise mag, ist hier vielleicht genau richtig. Erhellend ist das Buch aber nicht. Vermeintliche Erkenntnisse wie: »Die Suche selbst ist das Ziel, ein Endergebnis würde uns seiner selbst berauben« tauchen immer wieder auf, aber auch wenn manche davon nett formuliert wurden, fehlt mir das Stückchen Weisheit, was ich in jedem Roman zu finden hoffe. Vielleicht ist das Problem mit Sommerlicht schlicht, dass es mich nicht überrascht hat. 

Julia: Unbedingt. Mir hat das Buch aufgrund der vielfältigen Charaktere sehr gut gefallen.