Dienstag, 3. März 2015

Rezension »Steinträume« von Akrim Aylisli

»Wenn man für jeden gewaltsam ums Leben gekommenen Armenier nur eine Kerze anzünden würde, wäre der Schein dieser Kerzen heller als das Mondlicht.«
 
Ein angesehener Mann veröffentlicht nach einem schockierenden öffentlichen Ereignis 2012 einen Roman mit diesem Satz. Obwohl der Roman in seinem Heimatland nicht erscheint verliert er dort seine Pension, sämtliche Auszeichnungen, sein Leben wird bedroht, seine Werke verboten und seine Familienmitglieder verlieren ihre Arbeit.

Genau so erging es dem aserbaidschanischen Autor Akrim Aylisli bei der Veröffentlichung seines Romans Steinträume. Obwohl schon 2006 geschrieben hat er ihn nicht veröffentlicht, erst als er mit Entsetzen den Jubel und die offiziellen Ehrungen für einen aserbaidschanischen Offizier erlebt, der nach einem Gefängnisaufenthalt für den Mord an einem Armenier ins Land zurück kehrt, kann er sich zu einer Veröffentlichung entscheiden.

Die Hauptperson des Romans ist ein angesehener Schauspieler, Sadai Sadygly, der schwer verletzt wird, als er versucht einem armenisch stämmigen Mitbürger gegen einen aufgebrachten Mob zu verteidigen versucht. Während ein Arzt, ein Schauspielerkollege, seine Frau, ihr Schwiegervater und eine Krankenschwester an seinem Krankenbett wachen, erinnert er sich im Koma an seine Jugend. 

Vorher wird jedoch durch die Lebensumstände seines Schauspielerkollegen deutlich gezeigt wie weitreichend die Missstände des politischen Systems sind. Der Autor macht deutlich, dass Titel und Ämter auf Grundlage von Vetternwirtschaft vergeben werden und die Mächtigen jedweden Verstoß gegen die Gesetze ungestraft begehen können. Außerdem zeigt er wie sehr viele Personen sich diesem System anpassen und es schaffen ihr Leben dadurch vor und nach den Machtwechseln an der Spitze möglichst angenehm zu gestalten. Die Verletzungen von Sadai Sadygly sind für ihn ein weiterer Beweis wie schlimm es um seine Gesellschaft steht.

Sadai Sadygly wuchs in einem Dorf auf, deren ursprünglich armenisch-christliche Bevölkerung durch die türkische Besatzung Anfang des 19. Jahrhunderts ermordet wurde. Er erinnert an die Ermordeten, stellt einige der Personen vor und beleuchtet den Hintergrund der Einwohner aus seiner Zeit. Außerdem beleuchtet er dadurch auch weitere Verbrechen gegen die armenische Bevölkerung und die von den Regierenden verbreitenden Vorurteile gegen sie. Es wird deutlich, dass die armenische Minderheit benutzt wird, um von sozialen Problemen abzulenken, ein starkes Nationalgefühl zu verbreiten und die Frustration der Bevölkerung zu entladen.

Aylisli veröffentlichte, laut eigener Aussage, dieses Buch um aufzuzeigen, wie viel Gutes in der aserbaidschanischen Bevölkerung  steckt, wie sehr die armenische Minderheit und die aserbaidschanische Mehrheit und ihre Religionen benutzt werden. Vor dem Hintergrund der Eskalation um den Status von Berg-Karabach und immer wieder aufkeimenden Pogromen, möchte er trotz aller Gefahren für ihn persönlich zu einer friedlichen Lösung beitragen. Dies macht ihn, auch trotz seines langen regimekonformen Verhaltens, für mich zu einem engagierten Autoren.
 
Akrim Aylisli: Steinträume, Osburg Murmann Publishers Hamburg 2015

von Julia

Mittwoch, 18. Februar 2015

Rezension »Menschenrechte, Demokratie und Frieden. Perspektiven globaler Organisation« von Ingeborg Maus

»Menschenrechte«, »Demokratie« und »Frieden« sind derzeit in verschiedenen Zusammenhängen wieder einmal aktuelle Begriffe. Egal ob es um die Kriegshandlungen in der Ukraine geht oder das Vorgehen gegen den IS, in diesen wie auch in anderen Krisengebieten fallen immer wieder die Begriffe »Humanitäre Intervention« und »UNO« und man muss sich der Frage stellen, mit welchen Mitteln wir Frieden erreichen können und wollen.
Menschenrechte, Demokratie und Frieden enthält eine Zusammenstellung mehrerer Beiträge von Ingeborg Maus zum Thema von 1998 bis 2010 und im Anhang die Verschriftlichung eines Interviews aus dem Deutschlandfunk, sowie die überarbeitete Fassung eines Festvortrags. 

Maus geht in ihren Beiträgen von Kants Zum ewigen Frieden aus und versucht deutlich zu machen, dass die bisher angeführten Begründungen für humanitäre Interventionen auf Grundlagen beruhen, die schon fast mutwillig konstruiert wurden. Ihrer Kritik nach werden Verfassungen heute meist nur noch anhand ihrer Integration der Menschenrechte als solche klassifiziert oder durch einen stark verkürzten Anspruch an Deliberation demokratisch genannt. Dadurch geht einerseits der eigentliche Gedanke verloren, was eine demokratische (nach Kant republikanische) Verfassung ist, andererseits werden die Menschenrechte herabgewürdigt zu einem rein prozeduralen Gehalt. Diese erhalten ihre Konkretisierung und ihren Schutz erst durch die rechtsstaatliche Verfassung. Eine solche nach Kant republikanische Verfassung müsste durch die Teilnahme aller Betroffenen am Gesetzgebungsprozess ausgezeichnet sein.

Wenn aber Interventionen gerade diese Rechte schützen sollen, die innerstaatlich in einer Verfassung erst konkretisiert werden können, stellt sich die Frage wie die Legitimation von militärischen Interventionen zum Schutz des Menschenrechts aussehen soll, beziehungsweise ob und wenn ja wie sie demokratisch organisiert werden können. Folgt man Kant (dessen Ansicht ist, besser eine schlechte Verfassung als gar keine, wie im Kriegszustand) ist ein Weltstaat dabei keine Lösung, da er diesen Anspruch gar nicht erfüllen kann. Alle die derzeit eine »gewachsene« weltumspannende Verfassung bereits durch das Völkerrecht als vorhanden sehen, bekommen nach Maus ein normatives Problem mit einem stark verkürzten Verfassungsbegriff, der diese Bezeichnung aufgrund fehlender demokratischer Fundierung eigentlich gar nicht verdient.

Menschenrechte, Demokratie und Frieden bietet meiner Ansicht nach einige sehr interessante Überlegungen und versucht den Fokus wieder vermehrt auf die tatsächliche Gestaltung und Ausübung von Menschenrechten zu lenken. Maus' Rückbezug auf Kant und dessen eigentliches Verständnis von Verfassung und der Durchsetzung des Friedens bringt wieder mehr Bewegung in die teilweise starren und sehr völkerrechtlichen Auseinandersetzungen zum Thema.

Auch wenn man Maus nicht in jedem Argument folgen kann, deutet sie wieder auf die wichtigen Punkte und stellt die Frage, ob eine, durch militärische Intervention erzwungene, demokratische und menschenrechtskonforme Ordnung nicht an sich widersinnig und damit zum Scheitern verurteilt ist.  

Ingeborg Maus: Menschenrechte, Demokratie und Frieden. Perspektiven globaler Organisation, Suhrkamp, Berlin 2015.

von Julia

Samstag, 14. Februar 2015

Rückblick auf die Diskussion feministischer Essays von Katie Roiphe und Eva Illouz im Frauenkulturzentrum

„Könnte es […] nicht sein, dass theatralisch inszenierte Phantasien von sexueller Hingabe für manche eine Befreiung, ein Urlaub oder eine Flucht aus der Trostlosigkeit und der harten Arbeit der Gleichberechtigung sind?“ (Katie Roiphe). Nach der Einleitung und Vorstellung der zu behandelnden Autorinnen integrierten die Referentinnen Eva, Julia und Jessica unseres Blogs LesErLeben ihre ZuhörerInnen in die eigene rege Diskussion über die Thesen der israelischen Soziologin Eva Illouz und der amerikanischen Autorin Katie Roiphe, indem sie ausgewählte Textpassagen vorlasen. 


Begonnen wurde mit einem Text von Roiphe, der sich damit auseinandersetzt, dass wir bei der ganzen angestrengten Korrektheit und Selbstoptimierung des modernen Lebens vergessen, das Leben einfach mal zu leben. Dies macht vielleicht den Reiz von Serien wie Mad Man aus, bei denen ein Großteil der modernen Regeln einfach außer Kraft gesetzt werden. Anschließend kamen Roiphe und Illouz mit Textstellen zu Fifty Shades of Grey zu Wort. Während Roiphe darüber nachdenkt, ob die stereotypen Rollen in der „weichgespülten“ sadomasochistischen Phantasie von E.L. James vielleicht der Wunsch nach einer Auszeit von der harten Arbeit der Gleichberechtigung darstellt, geht Illouz von einer anderen Position an den Erfolg des Buches heran. Sie erkennt die überall unterlegten feministischen Codes auch im selbstsicheren und durchsetzungsstarken Verhalten der weiblichen Hauptfigur und stellt die Frage, ob eine solche Rollenzuweisung die, ihrer Meinung nach in gleichberechtigten Beziehungen verlorengegangene, Erotik wiederbeleben kann. 

Die einleitende Frage „Wie frei sind wir wirklich?“ wurde in der anschließenden lebhaften Diskussion sogleich umformuliert in „Wie frei will ich sein?“. Denn die Debatte um sexuelle Unterwerfungsphantasien bei Frauen (Stichwort: Fifty Shades of Grey), und ob diese denn im Zuge von Feminismus und Gleichberechtigung überhaupt legitim seien, ist nicht neu. Die Angst vor Verantwortung und Unabhängigkeit sowie vor dem Verlust der bekannten, gesellschaftlich akzeptierten und propagierten Weiblichkeit begleitet den Feminismus schon lange. Die Quintessenz ist wohl, laut der Diskussionsrunde, dass es gilt, eine eigene individuelle Balance zu finden zwischen Selbstständigkeit und dem Bedürfnis nach Abhängigkeit innerhalb einer Beziehung. Dieses Austarieren der eigenen Persönlichkeit ist anstrengend. Manchmal ist es einfacher in alte Rollen zu verfallen aber prinzipiell verbindet doch alle Teilnehmerinnen die Motivation, sich ihre Freiheiten erkämpfen zu wollen.

Dennoch bleibt die Frage, wie frei wir wirklich sind in Anbetracht der gesellschaftlichen Normen und Einflüsse. Hier heben die Referentinnen besonders den Kapitalismus und den Drang oder Druck zur Selbstoptimierung hervor. Roiphe kritisiert diese Einflüsse und propagiert mehr Akzeptanz für ein unaufgeräumtes und unangepasstes Leben. Die ZuhörerInnen reagieren hierzu sehr selbstkritisch und legen offen, dass es ihnen selbst noch merklich auffällt, wenn Männer mit Kinderwagen durch die Stadt laufen, oder dass sie beobachten, wie Hausmänner oftmals nicht ernst genommen werden. Es wird auch allgemein eine Entwicklung der heutigen jüngeren Frauen zurück zu alten Rollenverhältnissen beobachtet. Daher scheint der Einwand einer Teilnehmerin sehr erhellend, die eine Aufwertung des Häuslichen, der Familie und des Privaten in unserer Gesellschaft allgemein fordert. Nur so könne man der Reduktion der erotischen Anziehungskraft auf deren Marktnutzen und Wirtschaftlichkeit oder auf die alten Geschlechterrollen (Stichwort: Überraschungs-Ei für Mädchen) wirkungsvoll begegnen.

Aufgrund der zahlreichen TeilnehmerInnen und der regen Diskussion können Eva, Julia und Jessica also auf eine gelungene Veranstaltung zurückblicken.

Julia und Sigrid

Eva Illouz - Die neue Liebesordnung - Frauen, Männer und «Shades of Grey». Berlin: Suhrkamp Verlag. 2013.

Freitag, 13. Februar 2015

»Nie aufs Schreiben verzichten« - Zum Tod von Assia Djebar

Vor einer Woche ist Assia Djebar, die wohl bekannteste algerische Autorin, im Alter von 78 Jahren gestorben. 

Sie war in vielerlei Hinsicht eine bedeutende Persönlichkeit. Geboren noch zur Zeit der französischen Kolonialherrschaft in Algerien, durfte sie dank ihres Vaters, eines Lehrers, als eines der wenigen muslimischen Mädchen in der französischen Schule lernen. Später studierte sie als erste Algerierin an der Elite-Hochschule Ecole Normale Superieur in Paris. Sie war außerdem eine der wenigen Frauen und die bisher einzige Algerierin, die in die traditionsreiche Academie francaise aufgenommen wurde. 
Assia Djebar ist Autorin von Romanen und Essays, die sich mit ihrem Heimatland Algerien auseinandersetzen, mit dessen leidvoller jüngerer Geschichte und insbesondere der Situation von Frauen. Sie arbeitete auch als Filmemacherin, Journalistin, Historikerin und Universitätsdozentin. 

Ich habe sie einmal, bei der Vorstellung ihres letzten Werks Nulle part dans la maison de mon père, getroffen und sie war genauso beeindruckend und facettenreich wie ihr Lebenslauf vermuten lässt. Mit ihr verschwindet eine wichtige Stimme der französischsprachigen Literatur und - auch wenn sie selbst sich gegen diese Bezeichnung gewehrt hat - eine Symbolfigur für Frauen aus Algerien und der ganzen Welt. 

Von Jessica

Montag, 9. Februar 2015

Veranstaltung: „Wie frei sind wir wirklich? - Frauenleben im Zeitalter der Selbstoptimierung und des Kapitalismus. Diskussion feministischer Essays von Katie Roiphe und Eva Illouz“

Wir laden euch herzlich zu unserer Veranstaltung
„Wie frei sind wir wirklich? - Frauenleben im Zeitalter der Selbstoptimierung und des Kapitalismus. Diskussion feministischer Essays von Katie Roiphe und Eva Illouz“
morgen, am Dienstag, 10. Februar 2015, ab 19 Uhr, ins Frauenkulturzentrum in Gießen (Walltorstr. 1) ein!
Wie frei sind wir wirklich in unserer Lebensgestaltung? Wer entscheidet wie ein gutes Leben auszusehen hat? Welchen Einflüssen auf unsere  Beziehungen und unser Familienleben sind wir ausgesetzt? Mit Messy Lives hat Katie Roiphe, amerikanische Journalistin und alleinerziehende Mutter zweier Kinder, ein Plädoyer gegen die unsichtbaren Regeln des bürgerlichen Lebens und für ein unaufgeräumtes Leben geschrieben.
Eigentlich wissen wir ja, was wir tun müssen, um gesund und glücklich zu sein: regelmäßiges Joggen, Yoga für die spirituelle Erdung, wenig Fleisch und viel Gemüse essen, auf Alkohol und raffinierten Zucker verzichten. Für Konflikte in der Familie gibt es Paartherapie und Erziehungsratgeber. Katie Roiphe entzieht sich allerdings diesen modernen Diktaten einer sich selbstoptimierenden Gesellschaft und wirft einen kritischen Blick auf die Tendenz zum braven Angepassten und „Aufgeräumten“ in unserem Leben.
Die israelische Kultursoziologin Eva Illouz beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Romantik und Konsum. Sie hat zuletzt in 2011 in ihrer viel diskutierten Studie Warum Liebe weh tut das gestörte Verhältnis der Geschlechter im Kapitalismus analysiert und gleichzeitig neue Formen leidenschaftlicher Liebe gefordert. Beide Autorinnen haben sich außerdem mit dem Phänomen des Bestsellers Shades of Grey und dessen Bedeutung für weibliche Sexualität auseinandergesetzt.

Ausgewählte Textstellen aus den Essays der beiden Autorinnen werden vorgestellt und Grundlage einer Diskussion sein.
Wir würden uns sehr über euer Kommen freuen!

Freitag, 6. Februar 2015

Und sie hat doch noch etwas zu sagen – Atticus und Scout Finch gehen in die zweite Runde!

Vergeblich haben Fans des nun fast 89 jährigen Schreibtalents über 50 Jahre lang gewartet. Jetzt wird das Unmögliche doch noch Realität: Harper Lee veröffentlicht ihren zweiten Roman.

Und nicht nur irgendeinen.

Oft betonte die mit Auszeichnungen überhäufte jedoch medienscheue Autorin im Laufe ihres Lebens, dass sie mit ihrem einzigen literarischen Werk “To Kill a Mockingbird” alles gesagt habe, was sie habe sagen wollen und daher die Schreibarbeit offiziell niederlege: 


“I wouldn't go through the pressure and publicity I went through with To Kill A Mockingbird for any amount of money. […] I have said what I wanted to say and I will not say it again." 


So ihre Worte.

Mit 88 scheint sie sich das zumindest teilweise noch einmal anders überlegt zu haben: Zwar hat Lee sich nicht an einem neuen Werk versucht. Am 14. Juli erscheint jedoch ihr ursprünglich erster Roman, ebenfalls geschrieben in den 1950er Jahren. Auf Anraten ihres Verlegers unterbrach sie den Schreibprozess an “Go Set a Watchman”, um sich “Mockingbird” zu widmen.

Zunächst einmal kein Fehler, wie sich herausstellen sollte: Der Klassiker, der 1961 den Pulitzer-Preis gewann und bald darauf verfilmt wurde, ist seit seiner Veröffentlichung zu keiner Zeit aus dem Druck genommen worden und gilt mit seinen beeindruckenden Charakteren, der einnehmenden Südstaaten-Atmosphäre und nicht zuletzt wegen seines Feingefühls bezüglich einer immer noch aktuellen Thematik vielen als bestes Buch der amerikanischen Literatur des 20. Jhd. 

Nov. 2007: Harper Lee bekommt die Presidential Medal of Freedom
(Foto: White House/ Eric Draper; Quelle: Wikimedia Commons

Dabei sind “Go Set a Watchman” und “Mockingbird” stark miteinander verwoben: Scout Finch, die Hauptfigur des Erfolgsromans, der sich um Rassismus im Alabama der 1930er Jahre aus der Sicht eines Kindes und ihres Vaters, dem Anwalt Atticus Finch, dreht, ist auch Bestandteil des bislang geheimgehaltenen Werkes Lees – diesmal im Erwachsenenalter. Sie reflektiert ihre Kindheit, die gesellschaftlich-politische Einstellung ihres Vaters Atticus, sowie ihre eigene. “Mockingbird” entstand in Teilen aus den Rückblenden von Lees eigentlichem Erstlingswerk. “Watchman” ist also zeitlich Vorgänger sowie inhaltlich Nachfolger des literarischen Hits zugleich. Allein die Entstehungsgeschichte ist somit Anreiz zum Lesen.

Selbst war Lee laut eigener Aussage nicht bewusst, dass das Manuskript noch existiert. Der Verleger Harper Collins, der den Roman veröffentlicht, erwartet hohe Verkaufszahlen und lobt “Go Set a Watchman” in den höchsten Tönen. Ohne Frage werden die Erwartungen vieler Leser überaus hoch sein. Und doch – oder gerade deswegen - werden einige davor zurückschrecken, ihn zu lesen, um nicht das Risiko einzugehen, den Zauber von Mockingbird zu zerstören. Denn in gewisser Weise machte neben der außerordentlichen Qualität des Romans auch die Überzeugung, dass es Lees einziges Werk bleiben würde, "Mockingbird" all die Jahre zu etwas Besonderem. 

Was Lee selbst zu dem Buch sagt? “It's a pretty decent effort”. Wir sind gespannt... 

von Freya 

Harper Lee: Go Set a Watchman. New York/ London: Harper Collings/ Heinemann, 2015. 

Montag, 2. Februar 2015

Anne-Kathrins SUB im Januar

Wahnsinn! Mein SUB im Januar sieht deutlich anders aus als derjenige vom August

Mein SUB (= Stapel ungelesener Bücher):
 
- Vielleicht Esther von Katja Petrowskaja
- The Ginger Man von J. P. Donleavy
- Die granulare Gesellschaft von Christoph Kucklick
- Alle Tage von Terézia Mora
- The Company She Keeps von Mary McCarthy
- Keiner stirbt von Peter Kurzeck
- Gerechtigkeit für Igel von Ronald Dworkin
- Mit anderen Augen- Versuch über den Politiker und Privatmann Willy Brandt von Peter Brandt
- Die Liebe einer Frau von Alice Munro
- Professor Unrat von Heinrich Mann 

Mein SAB (= Stapel angelesener Bücher)

- Die Antwort von Alice Schwarzer 

Fröhliches Lesen euch allen!
 
Von Anne-Kathrin

Sonntag, 25. Januar 2015

Rezension: »Not That Kind of Girl« von Lena Dunham


Schonungslos. Offen. Witzig. Verstörend. Verzweifelt. Und irgendwie Mut machend. So habe ich Lena Dunhams Lebensbericht einer 27jährigen gelesen. Not That Kind of Girl hat im englischen Original den Untertitel A Young Woman Tells You What She's 'Learned'. Die Anführungszeichen, die in der deutschen Fassung fehlen, geben im Titel den ironischen Geschmack des Buches wieder. Das ist keine Autobiographie einer frühreifen und oberschlauen Mitzwanzigerin, wie es ihr in der Kritik unterstellt wurde. Es ist auch kein postpubertäres Tagebuch. Vielmehr schildert die Autorin in der Form autobiographischer Essays einzelne Episoden ihres Lebens mit einer Schonungslosigkeit, die manchmal an die Grenzen des Erträglichen stößt. Insbesondere in den Szenen, in denen sie von ihren ersten (frustrierenden) sexuellen Erfahrungen erzählt, will man als LeserIn weiterblättern und hofft, dass sie nicht noch weiter ins Detail geht. Was sie aber dann doch tut. 

Wir erfahren von dem Verlust ihrer Jungfräulichkeit, ihrer ersten Masturbation und dem einen Mal, das mit einem Kondom in der Zimmerpalme endete. Vieles ist peinlich, ein bisschen verrückt und häufig komisch. Aber Lena Dunhams Sprache bleibt dabei klar und schnörkellos. Die Texte sind außerdem witzig illustriert, und manchmal sind es nur Listen wie »Was ich in meiner Handtasche habe« oder »17 Dinge, die ich von meinem Vater gelernt habe«. Sie erzählt von ihren Therapien, ihren Ängsten und ihren Gedanken an den Tod.

Auch wenn Lena Dunham eine besondere Persönlichkeit ist - neben ihrer Tätigkeit als Autorin ist sie vor allem bekannt als Erfinderin, Produzentin, Regisseurin und Schauspielerin der TV-Serie Girls -  schreibt sie von den Dingen, die uns alle, auch die Über-30-Jährigen, zumindest von Zeit zu Zeit beschäftigen: Fühle ich mich wohl in meinem Körper? Wenn nicht, wer gibt mir das Gefühl, das mit mir etwas nicht stimmt? Werde ich in meinen Beziehungen gut behandelt? Welche Menschen zählen wirklich in meinem Leben? Wo ist mein Platz in dieser Welt? Und wie komme ich dahin?

Das Buch will nicht provozieren, sondern offenlegen wie die Autorin bestimmte Ereignisse erlebt hat, was sie dabei gefühlt hat. Es ist der Versuch sich selbst und die Welt um sich herum besser zu verstehen. Deshalb ist es an vielen Stellen so berührend und deshalb macht es auch Mut, trotz Enttäuschungen und Rückschlägen den eigenen Weg zu gehen.

Lena Dunham: Not That Kind of Girl. Was ich im Leben so gelernt habe. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2014.

Von Jessica

Dienstag, 13. Januar 2015

Rezension: »Physik der Schwermut« von Georgi Gospodinov

In den letzten Monaten ging es hier sehr nordisch zu. Da möchte ich mal wieder Literatur aus dem Osten einbringen – aus einem kleinen Land, das 2007 in die EU aufgenommen wurde, bis 2013 aber nicht dem Schengen-Raum angehörte und immer wieder als Beispiel einer unerwünschten Armutsmigration von den Rändern Europas ins reiche Zentrum herhalten musste: Bulgarien. 


Migration ist ein auch ein zentrales Thema in der bulgarischen Literaturgeschichte. Viele in Mitteleuropa bekannte Autoren wie Ilija Trojanov, Julia Kristeva, Tzvetan Todorov, Georgi Markov oder Dimitré Dinev sind selbst emigriert. Sie haben sich meist eine neue Sprache zu eigen gemacht und publizieren nicht auf Bulgarisch. Anders jedoch Georgi Gospodinov, dessen Roman Physik der Schwermut 2014 in einer deutschen Übersetzung erschien. Er hatte 1999 sein erstes Werk in Bulgarien veröffentlicht und konnte in den folgenden Jahren mit dem Natürlichen Roman im Ausland auf sich aufmerksam machen. 2007 erschien dieses Buch auf Deutsch.

Einfühlen in die Fruchtfliege und den Minotaurus


Der zweite Roman Physik der Schwermut inszeniert ein Gedankenexperiment. Der Erzähler leidet an übermäßiger Empathie. Er fühlt sich stark in das Andere ein – in Mitmenschen, Tiere, Zeiten – und beschreibt dessen Erleben. Im Prolog werden diese verschiedenen Perspektiven vorgestellt, z.B. als 1913 geborenes männliches Wesen, als Fruchtfliege, als Embryo im Mutterleib. Aus diesen Standpunkten entsteht ein Kaleidoskop von Erfahrungen und Reflexionen, die menschliche Urängste thematisieren. Insbesondere das Gefühl der Verlassenheit wird mithilfe des Mythos vom Minotaurus – einem Wesen mit dem Körper eines Menschen und dem Kopf eines Stiers, das in einem Labyrinth eingesperrt wurde – untersucht. Der Minotaurus, der in der Sage ein menschenfressendes Ungeheuer ist, zeigt sich bei Gospodinov als Opfer der Zeiten und Lebensbedingungen, als geprägt von Krieg und Sozialismus. 

Leichte Gedanken über Mythos und Geschichte 

Wer bei Gospodinov konkrete Meinungen und Informationen über die gegenwärtige bulgarische Gesellschaft erfahren möchte, wird enttäuscht. Der Roman besteht aus Vergangenheitsschnipseln, die zwar Episoden aus der Geschichte des Landes aufgreifen, aber kein festes Bild ergeben. Er springt wild zwischen Orten und Zeiten hin und her. Es gibt zahlreiche Anspielungen, die man erkennen kann, aber nicht muss. Obwohl die Erfahrungen, die die einzelnen Lebewesen im Roman machen, durchaus zu schwermütigen Reflexionen anleiten, liest sich das Buch jedoch mit Leichtigkeit. Es ist sehr humorvoll, mit schönen Wendungen und viel Sprachwitz, der auch in der Übersetzung verstanden werden kann, geschrieben. Es lohnt sich, den Humor und die Lakonie zu entdecken, die der bulgarischen Sprache und Literatur innewohnen.

Georgi Gospodinov: Physik der Schwermut. Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann. Droschl-Verlag Wien 2014. 336 Seiten. 23 Euro.

Von Christiane 

PS: Christiane kennt ihr bereits spätestens seit unserem Interview mit ihr über engagierte Kinder- und Jugendliteratur. Schaut auf jeden Fall auch auf ihrem Blog vorgelesen | was Eltern über Kinderbücher denken und Kinder so dabei machen vorbei!

Sonntag, 11. Januar 2015

Rezension: »Die Neuerfindung des Erfolgs« von Arianna Huffington



Der programmatische Titel klingt vielversprechend: Arianna Huffington, Autorin, Mitbegründerin des weltweit erfolgreichen Medienunternehmens Huffington Post, will Erfolg neu definieren. Weniger das Streben nach Macht und Geld soll unseren Erfolg ausmachen, als das was sie die "dritte Größe" nennt: Wohlbefinden, Weisheit, Staunen und Großzügigkeit.
 
Konkreter Anlass für das persönliche Umdenken der Autorin war ein Zusammenbruch. In einem Zustand äußerster Erschöpfung verlor sie das Bewusstsein und verletzte sich beim Fallen am Kopf. Dieser Unfall, der dramatisch hätte ausgehen können, hat sie ihre bisherige Lebensführung und die Regeln, nach denen unser Arbeitsalltag funktioniert, überdenken lassen. Als Ergebnis hinterfragt sie die gängige Auffassung von Erfolg, die uns alle in die Erschöpfung treibe, da wir einen Arbeitsalltag mit 12-16 Arbeitsstunden sowie Familienleben, Freizeit und Schlaf nicht unter einen Hut bringen könnten.

Soweit, so richtig.

Als Ausweg aus dieser Situation schlägt sie vor sich auf vier Grundwerte zu besinnen: Wohlbefinden, Weisheit, Staunen und Großzügigkeit.
 
Um das Wohlbefinden zu steigern empfiehlt sie als zentralen Punkt mehr zu schlafen (mindestens 8 Stunden pro Nacht), zu meditieren und spazieren zu gehen. Die weiteren drei Bereiche ergeben sich daraus: auf die eigene innere Stimme hören, den Tod nicht verdrängen sondern sich die eigene Sterblichkeit vor Augen halten, sich Zeit nehmen für die Liebsten und für Bedürftige und sein Potential einsetzen, um der Welt etwas Gutes zu tun.
 
Huffingtons Ansatz mutet sehr amerikanisch an und hat einen deutlichen „du-hast-alles-selbst-in-der-Hand“-Unterton. Dieser kann einerseits natürlich befreiend wirken. Es ändert sich selten etwas, wenn man sich selbst immer als Opfer begreift. Andererseits suggeriert es eine Handlungs- und Entscheidungsfreiheit, auf die nicht unbedingt jeder oder jede zurückgreifen kann. In weiten Teilen des Buches geht es darüberhinaus hauptsächlich um die Steigerung der eigenen Leistungsbereitschaft. In wie fern das Wirtschaft nützt, ist eindeutig. So hat man beim Lesen der Beispiele, was große amerikanische Unternehmen wie Google oder Starbucks für das Wohlbefinden der MitarbeiterInnen tun, weniger den Eindruck es gehe um deren Wohlergehen als darum den Profit zu steigern
 
Auch hält sich die Autorin zurück über gesellschaftspolitische Veränderungen nachzudenken. Zur Entlastung für junge Familien wird zum Beispiel nicht (oder nur in einem Nebensatz) auf mögliche staatliche Unterstützungsmaßnahmen wie Elternzeit o.ä. verwiesen, sondern an den Willen und die Handlungsfreiheit des Einzelnen appelliert.

Als (europäische) Leserin sehe ich das kritisch und die Neudefinition von Erfolg bleibt meiner Meinung nach ohne institutionelle und strukturelle Begleitmaßnahmen eine Mogelpackung.

Das Buch hat zudem noch zahlreiche Längen. Die Autorin bringt für jedes ihrer Argumente eine Reihe an Beispielen, als würde die schiere Quantität allein die Wirksamkeit beweisen; mehr Schlaf sorgt für Wohlbefinden und Leistungssteigerung, denn SportlerInnen tun es, WissenschaftlerInnen haben es erkannt und selbst Charlie Rose versucht mehr Nachtruhe zu bekommen. Das müssen wir als LeserInnen nicht unbedingt wissen und es wirkt redundant. Ebenso wie viele der zahlreichen Zitate lose im Text stehen und die Argumente nicht unterstützen.

Das Buch will alles: griechische Philosophie, europäische Literaturtradition, fernöstliche Medizin, Tradition aller Religionen und neueste wissenschaftliche Erkenntnisse (im Übrigen in der Regel von WirtschaftswissenschaftlerInnen, nicht SoziologInnen, PhilosophInnen, PsychologInnnen o.ä.) zu einer Anleitung zum guten Leben verknüpfen.

Leider bleibt es dabei häufig viel zu oberflächlich. Stark ist das Buch, wenn sie von ihren eigenen Erfahrungen erzählt. Deshalb ist mein Fazit, dass Die Neuerfindung des Erfolgs gern auf die Hälfte der Seiten hätte verzichten können. Ein dichter Essay mit einer Liste an Tipps hätte ausgereicht. Eine wirkliche Neudefinition des Erfolgs bleibt die Autorin uns schuldig...

Von Jessica

Arianna Huffington: Die Neuerfindung des Erfolgs.Weiheit, Staunen, Großzügigkeit - Was uns wirklich weiterbringt. München: Riemann Verlag, 2014.
 

Mittwoch, 7. Januar 2015

Gute Vorsätze fürs neue Jahr - mehr lesen!

Die meisten von uns überlegen sich gute Vorsätze für den Beginn des Jahres. Mehr Sport treiben, gesünder essen, weniger Serien gucken...
Aber mal ehrlich: bis Ende Februar haben wir das wieder vergessen. Warum nehmen wir uns also nicht mal etwas vor, das Spaß macht? 

Ich schlage daher für alle Lesebegeisterten folgenden guten Vorsatz vor: dieses Jahr lesen wir mehr, wir lesen nur noch, was uns gefällt und worauf wir gerade Lust haben!

Dazu gibt es folgende Regeln:

  1. Hört sofort auf zu lesen, wenn euch ein Buch nicht gefällt!
  2. Lest, worauf ihr gerade Lust habt, auch wenn ihr euch vorgenommen hattet, etwas anderes zu lesen.
  3. Habt immer etwas zu lesen dabei (um Nr. 2 und Nr. 3 zu kombinieren lohnt es sich einen e-book Reader anzuschaffen).
  4. Nehmt euch Hörbücher für lange Autofahrten mit.
  5. Für Abenteuerlustige: Geht in die Bibliothek, stellt euch vor irgendein Regal und nehmt fünf nebeneinander stehende Bücher mit nach Hause. Lest aus jedem Buch mindestens die erste Seite. 
Mir scheint das mal ein Vorsatz zu sein, den ich einhalten kann. Wie sieht es mit euch aus?

(Und auch Mark Zuckerberg will dieses Jahr mehr lesen und facebook zu einem riesigen Buchclub machen. Wenn dadurch mehr Leute lesen, warum nicht? Was meint ihr dazu?)

Von Jessica

Mittwoch, 24. Dezember 2014

Schöne Feiertage und bis bald im neuen Jahr!


Wir wünschen euch allen schöne und erholsame Feiertage und danken euch sehr dafür, dass ihr uns auch in diesem Jahr kräftig mit Lesen, Kommentieren und Inspiration unterstützt habt!

Für das neue Jahr 2015 wünschen wir euch Gesundheit, Glück und viel guten Lesestoff!

Wir machen bis zum 5. Januar Blogpause und freuen uns schon jetzt auf das Wiederlesen im Jahr 2015!

Eure lesErLeben-Leserinnen :-)

Montag, 22. Dezember 2014

Rezension: »Kalevala« von Tilman Spreckelsen und Kat Menschik

Die Weihnachtszeit ist nicht immer besinnlich. An den Feiertagen entscheiden sich essentielle Angelegenheiten, Konflikte entladen sich, das große Drama steht zusammen mit dem Weihnachtsmann vor der Tür.

Wer Lust hat, sich über die Feiertage auch literarisch in einer düsteren Atmosphäre zu suhlen, für den gibt es ein ideales Buch für unter den Tannenbaum: die Kalevala, die finnische Nationalsage. 


Die Sage, die der Journalist Tilman Spreckelsen und die Illustratorin Kat Menschik aktuell nacherzählen, ist erdig, brutal, kalt, boshaft, wortkarg, helden- und antiheldenreich, größenwahnsinnig, blutrünstig und gruselig. Faszinierend auf eine eigenartige Weise, dunkel, finnisch. 

Ungebändigte Emotionen in einer vorzivilisierten Welt

Die Kalevala ist nicht nur, aber auch eine alternative Geschichte zur Entstehung der Erde. Die Geschichte beginnt mit einer Ente, die sechs goldene Eier und ein eisernes in einem Nest auf die Knie desjenigen Wolkenmädchens legt, das den Helden der Geschichte, den mächtigen Zauberer Väinämöinen, gebären wird. Noch vor seiner Geburt allerdings zerbrechen die Eier: »Aus Eiweiß und Eigelb wurden der Himmel und die Erde, Sonne und Mond, Wolken und Sterne.«

Väinämöinen schafft die Welt um ihn herum, verwandelt Ödland in geschäftige Dörfer. Er trifft auf Männer, die wie er auf Brautsuche sind. Er trifft auf und ist gleichzeitig auch oft Urheber von Leidenschaft und Verzweiflung, auf ungebändigte Emotionen und Reaktionen, die nur wenig mit unserer heutigen zivilisierten Welt gemein haben.

Gemetzel, Verweiflung, Heldentum

Ein solcher fantastischer Ausflug in eine dunkle, vorzeitliche Märchenwelt voller Gemetzel, Wiederauferstehung und Heldentum kostet einige Nerven, aber sie verspricht auch einen speziellen Zugang zur reichen finnischen Kultur, aber vor allem auch zur fantastischen Literatur. Denn die Kalevala gilt als Inspiration für J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe und Der Hobbit. Wer also Lust hat, über die Feiertage den gerade im Kino laufenden abschließenden Teil der Hobbit-Trilogie anzuschauen, der kann dies nun in dem Wissen tun, dass Mittelerde ihren Ursrpung gewissermaßen in Finnland hatte. 

Trotzdem ist diese Sage sicherlich nichts für junge LeserInnen, und auch nicht für jene, die über Mord und Todschlag nicht gerne lesen. Für alle anderen bietet die Nacherzählung von Spreckselsen und Menschik einen düster-schaurigen Einstieg in eine magische Zeit vor unserer Zeit.

Tilman Spreckelsen/Kat Menschik: Kalevala. Eine Sage aus dem Norden, Galiani, Berlin 2014.

Von Anne-Kathrin

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Auf meiner Wunschliste

Jaron Lanier – Wem gehört die Zukunft?

 

Zugegeben, der diesjährige Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels war mir persönlich zuerst unbekannt. Aber bereits die Ausschnitte seiner Rede aus der Paulskirche, die ich in den Nachrichten hörte, weckten mein Interesse. Er überzeugte mich thematisch auf einem Terrain, das uns allen gleichzeitig bekannt wie fremd ist: die digitale Welt.

Die virtuelle Realität
Wir alle nutzen das Internet, bewegen uns in einer digitalen Welt, die so demokratisch erscheint. Auf den ersten, naiven Blick ermöglicht sie jedem, die Informationen darin abzurufen und für sich selbst zu nutzen. Aber wir hinterlassen Spuren in dieser virtuellen Realität: Spuren, die für uns als Nutzer nicht unmittelbar sichtbar sind. Große Datenmengen (Big Data) werden im Hintergrund verarbeitet, verkauft und somit genutzt, um bspw. Firmen zu ermöglichen, Werbung auf uns zuzuschneiden oder Kundenverhalten besser beeinflussen zu können. Und dies geschieht ohne jegliche gesellschaftliche oder politische Kontrolle. Big Data ist den Global Playern unserer Zeit frei zugänglich.

Digitaler Humanismus
Und hier setzt Jaron Lanier an: Er vertritt die Meinung, dass nur wenige Technologen von diesem Wissen um die Datenspuren und deren Verarbeitung vor allen Dingen wirtschaftlich profitieren. Diese Ausbeutung der Daten ist undemokratisch und veranlasst Lanier, zu einem Humanismus in der digitalen Welt aufzurufen. Dieser bezieht sich nicht nur auf die Daten und deren wirtschaftlichen Nutzen, sondern auch auf das Verhalten der Nutzer im Netz. In Zeiten von Shitstorms und Massenbewegungen, die über das Internet ganze Revolutionen wie den Arabischen Frühling anzetteln, muss man sich laut Lanier die Frage stellen, wie weit kann eine solche Bewegung gehen? Und wenn sie sich zu einer brutalen und unbändigen Bewegung entwickelt, wer oder was hält sie in Zaum?

Wir realisieren den Effekt unserer Handlungen nicht mehr, denn wir erkennen in dieser virtuellen Realität die politischen und soziokulturellen Zusammenhänge nicht: Wir freuen uns darüber, dass alle Informationen und pseudo-demokratischen Möglichkeiten umsonst sind, ohne zu fragen warum? Und auf wessen Kosten?

Nachdem ich mich nun ein bisschen mit der Person Lanier, der übrigens keinen Facebook-Account besitzt, bekannt gemacht und seine Theorien in Ansätzen gelesen habe, steht Wem gehört die Zukunft? ganz oben auf meiner Weihnachtswunschliste. Der Versuch, das Narrativ der digitalen Welt zu definieren, und Lösungsansätze für die Probleme zu finden, die aus der Unkenntnis dieses Narrativs entstehen, fasziniert mich. Und schließlich betrifft mich dieses Thema als regelmäßiger Internetnutzer ganz unmittelbar.

Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?. Hoffmann und Campe. Hamburg 2014.

von Sigrid