Donnerstag, 16. Mai 2013

Happy Birthday...to us! :-)

Heute feiern wir unseren 2. Blog-Geburtstag! Am 16.05.2011 trauten wir uns zum ersten Mal online, mit einem Post zu Der Krieg mit den Molchen von Karel Čapek. Das war vielleicht aufregend! Wir hatten die Idee, einen Blog zu kreieren, schon viel früher, aber getraut haben wir uns erst an besagtem Montag vor zwei Jahren. Und wir haben es nicht bereut :-)


Weil uns das Bloggen seit der ersten Minute online gefallen hat, schoben wir sogar einen zweiten Post an unserem Geburtstag nach, und zwar ein Foto vom Prozess der Namensfindung für den Blog (und damit auch unseren Literaturclub). 

Mittlerweile bloggen wir konstant mindestens zwei Posts pro Woche; unser Kreis der Schreiberinnen hat sich mittlerweile stark ausgeweitet und wir konnten uns auch über Gastbeiträge anderer BloggerInnen freuen. Insgesammt haben wir über 200 Beiträge gepostet - und wir freuen uns sehr auf viele weitere :-)

Herzlichen Dank an euch, liebe LeserInnen, dass ihr unsere Freude am Bloggen teilt, dass ihr unsere Posts lest und kommentiert, und dass wir uns so alle zusammen mit dem wahnsinnig spannenden Thema Engagement und Literatur beschäftigen können!

Dienstag, 14. Mai 2013

»Und wie seht ihr das?« – »Sandberg« Teil II

In unserer Rubrik »Und wie seht ihr das?« wollen wir euch unsere realen Literaturclub-Treffen näher bringen: In Interviewform werden wir euch Fragen und Meinungen präsentieren, die wir so in geselliger Runde an- und ausdiskutiert haben und so gleichzeitig auch die Werke besprechen, die wir lesen.

Wie beurteilt ihr das Ende? 

Julia: Das Ende war überraschend, aber es bot eine Art Abschluss für alle Figuren, wenn auch nicht immer im Positiven. Einerseits gab es Einschnitte in das Leben aller mit zwei Unglücken, andererseits haben die Figuren wieder zueinander gefunden.  

Silvia: Das Ende ist ein Abschluss und ein Anfang in einem. Bator hat für meinen Geschmack genau den richtigen Zeitpunkt und -ort gefunden, um ihre Figuren sich selbst zu überlassen. 

Anne-Kathrin: Besser als Silvia hätte ich es nicht sagen können – genauso habe ich es auch empfunden. 

Hilke: Anscheinend gibt es für Jadzia noch einen zweiten Anfang. Ich hätte nicht erwartet, dass Jadzia den Sandberg irgendwann verlassen würde. 

Anne: Das Buch endet so unvermittelt, wie es begonnen hat und auch ohne wirklich zu einem Ende zu kommen. Es überlässt  nicht nur die beiden Frauen-Figuren sich selbst, sondern auch den Leser, der irgendwie in dem verlassenen Sandberg zurückbleibt, während für Dominika und auch Jadzia ein neuer Lebensabschnitt beginnt, an dem der Leser mit deren Auszug aus dem Hochhaus im Sandberg keinen Anteil mehr nehmen kann.  

Kasia: Im Bezug auf die Oma von Dominika fand ich das Ende sehr traurig. Ich hätte es ihr und ihrem Ignacy gegönnt, das Wiedersehen zu genießen. Mich hätte es auch interessiert, ob sie darüber hinaus im Kontakt geblieben wären. Andererseits war ihre Geschichte da zu Ende gegangen, wo sie auch angefangen hat. Zusammen in diesem kleinen Häuschen. Das ist schon ein wenig romantisch…
Was Dominika angeht, hat es mich gefreut, dass sie für ihr Leben und ihre Zukunft nicht nach dem Plan ihrer Mutter gelebt hat. Sie war von Anfang an ein unabhängiges Mädchen, das in keinen Rahmen gepasst hat und sich nicht in eine Schublade einsperren ließ. Nur am Ende hat mich das Foto auf dem Umschlag gestört – ich weiß immer noch nicht, warum man dort ein blondes blauäugiges Mädchen zu sehen bekommt… 
Für Jadzia (Mutter von Dominika) war das Ende des Buches aus meiner Sicht enttäuschend. Sie hat zwar ihr Leben lang davon geträumt, ihre Tochter in BeErDe leben zu lassen, doch hat nie gesagt, dass sie das selbst für sich leben möchte. So wird sie aber ihre Vorstellung von einer perfekten deutschen Welt mit der Realität konfrontieren können. Ob sie dazu bereit sein wird, das, was dort auf sie zukommen wird, kritisch zu begutachten, bezweifle ich. Die Fähigkeit des kritischen Denkens besaß sie nicht – sie hat sich immer mit dem, was ihr zugestoßen ist, abgefunden. In der BeErDe wird sie daher all das sehen, was besser ist als in Polen. Für die negativen Fakten wird sie kein Auge haben. Ich denke, dass ist der einzige Weg, mit dem Leben abseits der Heimat klar zu kommen.

Inwiefern ist Sandberg für euch engagierte Literatur?  

Julia: Engagierte Literatur ist der Roman für mich aus zwei Gründen. Erstens thematisiert er Entwicklungen in Polen, die gerne von offizieller Seite positiver dargestellt wurden. Man wird Zeuge von Traumata durch Vertreibungen, Gewalt, mangelnder medizinischer Versorgung und Fehlinformationen, die unbearbeitet geblieben sind. Dies hat deutliche Auswirkungen auf die politische und gesellschaftliche Entwicklung und sollte daher unbedingt auch in der Literatur thematisiert werden. Zweitens zeigt der Roman deutlich den Generationenkonflikt zwischen verschiedenen Lebensentwürfen von Frauen, deren Rolle sich in den letzten 100 Jahren so gravierend verändert hat. 

Silvia: Das Buch fordert dem Leser absolute Aufmerksamkeit ab und lässt sich nicht einfach »runterlesen«. Die Kapitel bauen zwar weitgehend chronologisch aufeinander auf, doch hat auch jedes Kapitel sein ganz eigenes Thema und weist auf vorangegangene wie auf kommende Ereignisse hin. Trotz seiner melancholischen Grundstimmung schafft es einen Spagat, den ich gerade bei Filmen auch sehr schätze und den man kurz mit »zum Lachen und zum Weinen« bezeichnen kann. 
Außerdem ist es als Text einer polnischen Schriftstellerin zum einen in seiner Schilderung der verschiedenen Generationen von sehr unterschiedlichen Frauen, ihrer ganz unterschiedlichen Lebenssituationen und ihrer Verhältnisse zueinander sehr präzise und konsequent. Zum anderen muss es auch als Beitrag zum Überkommen der immer noch in vielen Köpfen existenten innereuropäischen Grenzen. Wie schön, dass es auf Deutsch übersetzt wurde und unsere Literaturlandschaft bereichern kann. 

Anne-Kathrin: Joanna Bator porträtiert in Sandberg eine ureigene menschliche Qualität – die Fähigkeit, weiterzumachen trotz vieler kleiner und großer Tragödien im Leben. Die Autorin macht dabei in sprachlich brillanter Weise die Menschen zu Helden, die nicht im klassischen Sinne mit Superkräften ausgestattet sind, sondern diejenigen, die trotz ihrer vielen Macken – die wir alle haben – das Beste aus ihrem Schicksal machen. 

Hilke: Sandberg spiegelt Gesellschaft und Leben in Polen wider - es ist für mich engagierte Literatur.

Kasia: Weil hier die Probleme, die die einfachen Menschen umgetrieben haben, beschrieben werden. Der Versuch, nach dem Krieg seinen Platz zu finden, Geld zu verdienen, Kinder zu erziehen, das Leben so zu leben, dass die Anderen keinen Grund haben, über einen zu tratschen… Alltag pur… Auch der Umgang mit der jüdischen Bevölkerung wurde nicht beschönigt – es gab in Polen Leute, die bereit waren, ihr Leben für ihre Mitmenschen zu riskieren; aber auch solche, die ihren Hass nie bezwingen konnten. Für mich war dieses Buch ein Rückblick in die polnische Geschichte. Aber ein Rückblick, der sich von meinen Erinnerungen und Empfindungen nicht drastisch unterscheidet. In den letzten Jahren hat sich in Polen viel geändert, das Buch wirkt auf mich aber trotzdem nicht veraltet.

Würdet ihr das Buch weiterempfehlen, warum (nicht)? 

Julia: Ich würde das Buch auf alle Fälle weiterempfehlen. Es ist wunderbar zu lesen und beschreibt eindrucksvoll das Leben von ganz unterschiedlichen Frauen. Allerdings sollte man dazu sagen, dass es nicht als leichte Lektüre vorm Zubettgehen geeignet ist. 

Silvia: Ich empfehle das Buch uneingeschränkt und hoffe, dass ich auch einige meiner Freunde und Familienmitglieder dazu ermutigen kann, es zu lesen. Für mich war es ein echter Höhepunkt im letzten halben Jahr. 

Hilke: Ja, ich werde es weiterempfehlen und werde es einer guten Freundin, die in Kasachstan geboren ist, ausleihen. Ich habe das Gefühl, dass es ihr auch gefallen wird und dass sie vielleicht bestimmte Sachen wiedererkennt. 

Anne: Ich würde das Buch auf jeden Fall weiterempfehlen. Sandberg ist sehr vielschichtig und bietet eine ganze Reihe an spannenden Charakteren. Jedoch schließe ich mich der  Einschätzung  von Julia an, dass man bei aller Empfehlung den potenziellen Leser doch ein wenig „vorwarnen“ sollte.

Kasia: Ich denke ja. Einfach weil man darin einen Blick in die polnische Vergangenheit bekommt – aber nicht so, wie diese in Geschichtsbüchern geschildert wird sondern aus dem Blick einer Familie, die ihre Höhen und Tiefen erlebt hat. Sie hat die Vorteile des politischen Systems genossen, aber  hin und wieder die Nachteile zu spüren bekommen hat. 

Von Jessica

Sonntag, 12. Mai 2013

»Und wie seht ihr das?« – »Sandberg« Teil I

In unserer Rubrik »Und wie seht ihr das?« wollen wir euch unsere realen Literaturclub-Treffen näher bringen: In Interviewform werden wir euch Fragen und Meinungen präsentieren, die wir so in geselliger Runde an- und ausdiskutiert haben und so gleichzeitig auch die Werke besprechen, die wir lesen.


Auf dem Sandberg, einer Siedlung in Wa'brzych in Niederschlesien, landen nach dem zweiten Weltkrieg Menschen aus allen Himmelsrichtungen um ihr Leben neu aufzubauen. Der Roman konzentriert sich dabei auf die Lebensgeschichten von Frauen aus drei Generationen, die auf ganz unterschiedliche Arten ihr Glück suchen.


Was waren eure ersten Eindrücke zu Sandberg von Joanna Bator? 

Julia: Der erste Eindruck war der Umschlag, der mit seinem rosa Design eher etwas abschreckend süß wirkt. Schon nach den ersten Seiten war allerdings klar, dass dieser Eindruck täuscht. Es begann mit einer sehr eindrücklichen Darstellung der Unterschiede zwischen der Mutter Jadwiga (Jadzia) und der Tochter Dominika, um direkt einen Sprung zum Anfang der Familiengeschichte zu machen. Es wird deutlich, dass die Figuren sehr vielschichtig sind und mit schwierigen persönlichen Umständen zurechtkommen mussten.

Anne: Auch ich war etwas irritiert von dem quietschrosa Cover des Buches, das – so wurde schon nach kurzer Zeit der Lektüre klar – so gar nicht zu dessen Inhalt passt. Die Erzählung und die dargestellten Figuren haben mich nach anfänglicher Skepsis schnell in ihren Bann gezogen.

Anne-Kathrin: Ich fand das Cover total ansprechend ;-) Das ganze Buch hindurch bin ich in meiner Begeisterung für Sandberg nicht enttäuscht worden! Mir haben es besonders der trockene Humor, der die Geschichte von der ersten Seite an durchzieht und der die Sprache in einer sehr unterhaltsamen Weise formt, sowie die Stärke, die die Autorin Joanna Bator ihren weiblichen Hauptfiguren verleiht, angetan. All diese Finessen merkt man gleich auf den ersten Seiten.

Silvia: Ich war direkt auf den ersten Seiten überrascht und eingenommen von dem ungewohnt frischen Ton, von der feinen Sprache und den tollen Bildern. So gefiel mir dann auch das Kapitel 13 besonders gut, in dem es um die kreativen Sprichwörter der »Müllerin von Brzezina« und ihrer Tochter Zofia (Dominikas Großmutter mütterlicherseits) geht. »Wie es einem geschrieben steht, so fällt der Stein ins Wasser.«  Unvergesslich. 

Hilke: Die erste Szene ist ziemlich treffend für die weitere Geschichte und den Ton im Buch. Man ist gleich mitten in der Geschichte. Es fängt in der jetzigen Zeit an und beschreibt die Beziehung zwischen den beiden Hauptpersonen Dominika und ihrer Mutter Jadzia. Die Szene beschreibt zum Beispiel wie Dominikas Knochen wie Eiswaffeln knacken würden, wenn Jadzia sich auf ihre Tochter setzen würde. Nach dieser Szene fängt ein Rückblick an; die Lebensgeschichte der Hauptpersonen und das Leben in einer polnischen Provinzstadt. 

Kasia: Ich war positiv überrascht, dass dieses Buch sehr angenehm zu lesen war. Und als man einmal angefangen hat, musste man einfach weiterlesen. Die Sprache war nicht zu gehoben aber auch nicht zu umgangssprachlich. Für mich als Muttersprachlerin war es echt lustig, mitten in deutschen Sätzen polnische Namen zu lesen – und diese in Koseform! Ich war mir sicher, dass meine deutschsprachigen Mitleserinnen gewisse Schwierigkeiten bezüglich der Aussprache haben werden.

Schätzt ihr die dargestellten Lebensgeschichten und die Schilderung der gesellschaftlichen Zusammenhänge als historisch genau ein? 

Julia: Meiner Ansicht nach, gibt es einen guten Einblick in die Lebenswelten von Polinnen seit dem 2. Weltkrieg (der Fokus des Buches ist aus Sicht der Frauen geschrieben). Die erwähnten Ereignisse sind historisch korrekt und nachdem wir geklärt haben, dass auch sogar die im Buch genannte Fernsehserie Die Sklavin Isaura zu der Zeit gesendet wurde, ergibt es ein stimmiges Bild. 

Silvia: Einen solchen Anspruch sollte man an fiktionale Literatur generell nicht stellen. Ein Roman und jeder andere fiktive Text bildet nicht Realität ab, sondern verhandelt im Modus der Fiktion verdichtet kulturelle Praktiken. Zudem könnte ich auch mit meinem Hintergrund nicht beurteilen, ob die geschilderte Gesellschaft im Roman der historischen Situation nahe kommt.

Anne-Kathrin: Auch wenn ich weiß, dass Literatur immer fiktional ist und generell als solche behandelt werden sollte (allerdings gibt es auch dafür Grenzen – siehe die Diskussion um den Fall Esra von Maxim Biller, die letztendlich vor dem Bundesverfassungsgericht gelandet ist), macht für mich engagierte Literatur gleichzeitig auch immer ein Stück weit aus, dass sie mich bildet. Im Falle von Sandberg habe ich nur beschränkte Erfahrungswerte und weiß nicht, ob ich die historische Genauigkeit überhaupt richtig einschätzen kann, jedenfalls was die gesellschaftliche Seite, also die des Alltagslebens, betrifft. Aber aus dem, was ich theoretisch von mehreren Quellen erfahren habe, scheint Sandberg sehr nah an dem zu sein, was wir als gelebte Realität betrachten. 

Hilke: Die Geschichten wirken auf mich sehr wahrheitsgemäß, und in unseren Diskussionsrunden haben Kasia und Szilvi bestätigt dass sie vieles wiedererkannt haben, wie z.B. die Reaktion von Frauen auf der Fernsehserie Die Sklavin Isaura

Anne: Auch wenn ich mich in der polnischen Geschichte, Kultur und Gesellschaft zu wenig auskenne, um dies beurteilen zu können, schließe ich nicht aus, dass es genau so gewesen sein könnte ;)

Kasia: Mir fehlen leider Informationen zum Thema der Vertreibung in Polen. Aber die Umsiedlung der polnischen Familien von den ehemaligen polnischen Gebieten auf die neuen war bestimmt für die Beteiligten nicht einfach. Der im Buch beschriebene Alltag schien mir realistisch dargestellt zu sein – z.B. der Weg von Jadzia ins Krankenhaus, wo sie die Zwillinge geboren sowie die Hilfe der Polizeibeamten hat sowie die Zustände dort. Oder die Stimmung in den Hochhäusern, die Landschaft um den Sandberg herum etc. Der Umgang der Leute miteinander – das Beobachten, Tratschen etc. – das ist aus meiner Sicht durchaus realistisch. Unterhaltsam fand ich außerdem den Abschnitt über die brasilianische Telenovela Niewolnica Isaura (Sklavin Isaura) sowie die Massenhysterie, die anscheinend ausgebrochen war, als die Hauptdarsteller in Polen zu Besuch waren. Ich habe das als Kind nicht so miterlebt, hatte aber im Zimmer ein Poster mit den Hauptprotagonisten Leoncio und Isaura hängen. :) Oh je, Erinnerungen werden wach…
 
Wie hat euch der Ton der Erzählung gefallen (wir haben diskutiert, dass manche Ereignisse – vor allem die weniger guten – eher beiläufig erzählt wurden, was eine bestimmte Stimmung erzeugt)? 

Julia: Besonders die schwierigen Ereignisse wurden mit einer gewissen Naivität erzählt. An manchen Stellen waren dieser Ton und der gute Stil (Dank hier an die Übersetzerin) die einzigen Gründe weiterzulesen, da die Geschichten doch
schwer verdaulich waren.

Silvia: Siehe meinen Beitrag zu Frage eins: sehr gut! 

Anne-Kathrin: Ich stimme Silvia zu – unglaublich gut! Als Beispiel ein Satz: »Zur kirchlichen Trauung ging Jadzia in einem Kleid aus einer ehemals deutschen Gardine.« Das ist für mich absolutes Lesevergnügen. Und ich finde, dieser Ton passt wunderbar für die vielen kleinen und großen Tragödien, die diesen Roman durchziehen. 

Hilke: Der direkte und entrümpelte Stil gefällt mir gut. Das beiläufige Erzählen wirkt irgendwie auch sehr realistisch, die schlimmen Ereignisse werden nicht verschwiegen aber auch nicht romantisiert. Die Beschreibungen sind gelegentlich auch sehr humorvoll. Beispiel: »Hinter der Wand seufzt Jadzia, was sie angeht, wartet sie auf gar nichts mehr und wird in diesem verschissenen Storchennest bald durchknallen, denn außer Krampfadern hat sie im Leben nichts zustande gebracht.« 

Anne: Teilweise irritierend, da ich ab und an zweimal über manche Textpassagen lesen musste. Bei dem Jungen beispielsweise, der offenbar in der Schwimmhalle verunglückte und gelähmt blieb, war der eigentlich schreckliche Unfall so beiläufig in Schilderung des Schwimmunterrichts verpackt, dass ich – nach der weiteren Beschreibung seines Siechtums bis zu seinem frühen Tod – noch einmal im Text zurück gehen musste, um das gesamte Ausmaß des Geschehens zu erfassen. Insgesamt hat mir diese eher sachliche Erzählweise doch sehr zugesagt, weil es Bator damit gelingt, auch die schrecklichsten Ereignisse darzustellen, ohne in irgendeiner Weise wertend oder  gar anklagend zu wirken. Joanna Bator überlässt die Wertung der Vorgänge komplett dem Leser. Obwohl oder vielleicht gerade weil die Autorin auch bei der Schilderung der traurigsten und niederschmetternsten Ereignisse nicht »auf die Tränendrüse drückt« wirkt das Geschehen anrührend.

Kasia: Für mich war der Ton absolut OK. Ich neige selbst nicht dazu, mich an Negativen lange aufzuhalten. Daher hat mir die Gesamtstimmung des Buches gut gefallen.
 
Joanna Bator: Sandberg. Suhrkamp, 2012.

Weiter geht es am Dienstag mit dem zweiten Teil der Diskussion zu Sandberg!

Von Jessica

Dienstag, 7. Mai 2013

Rezension: »Unerwünscht. Drei Brüder aus dem Iran erzählen ihre deutsche Geschichte.«

Mojtaba, Masoud und Milad Sadinam flüchten Mitte der 1990er Jahre mit ihrer Mutter aus dem Iran. In Unerwünscht erzählen sie die Geschichte ihrer Flucht, ihres Bangens und Hoffens auf Asyl in Deutschland, ihres langsamen Ankommens in der deutschen Gesellschaft, von den Rückschlägen, die sie hinnehmen mussten und den Freunden, die sie dabei fanden. 

Das Buch beginnt im Iran. Nachdem ihre feministisch und politisch aktive Mutter bei einer Flugblattaktion auffliegt, müssen sie sich verstecken. Sie kommen bei Freunden ihrer Eltern unter, ohne zunächst zu wissen, wie lange sie bleiben müssen. Aus Tagen werden Monate, aus Angst wird Langeweile. Und schließlich Panik als sie erfahren, dass sie nie wieder in ihr altes Leben zurückkehren, sondern mit ihrer Mutter nach Deutschland fliehen werden. 

Die Geschichte ist abwechselnd aus der Perspektive der drei Brüder erzählt, die unterschiedlich auf die neue Situation reagieren. Mojtaba, der Älteste (wenn auch nur ein paar Minuten gegenüber seinem Zwillingsbruder Masoud), versucht seine Mutter zu beschützen und kann nicht verstehen, warum sie fliehen müssen. Masoud ist der ruhige, empfindsame, ruhende Pol, der versucht die Wogen zu glätten. Und Milad, zwei Jahre jünger als seine Brüder, weiß zunächst noch gar nicht richtig, worum es geht. Er wird später derjenige sein, der sich am schnellsten in Deutschland einleben kann. 

Die drei Berichte weichen auch voneinander ab, sie folgen den Gefühlen und Wahrnehmungen der drei Brüder, die ganz unterschiedlich sind. 

Unerwünscht ist ein Zeitzeugenbericht, eine Geschichte über das Erwachsenwerden dreier Brüder und noch mehr. 

Die drei schildern ihre Ankunft in Deutschland und ihr Leben in den Asylunterkünften, die viel zu klein und schäbig sind. Sie beschweren und beklagen sich nicht. Alle drei ebenso wie ihre Mutter sind dankbar noch am Leben zu sein und versuchen sich eine neue Existenz in Deutschland aufzubauen. Doch dieser Weg wird ihnen von den Behörden häufig genug erschwert oder sogar fast unmöglich gemacht. Die drei Brüder sind offensichtlich begabt, bekommen aber kaum schulische Förderung. Ihre Mutter bemüht sich um einen Ausbildungsplatz und arbeitet als Krankenschwester, was sie fast das Bleiberecht kostet. Erst als sie den Druck nicht mehr aushält, unter Depressionen leidet und sich das Leben nehmen will, ändert sich etwas und sie und ihre Söhne können bleiben. 

Doch die Drei erzählen auch von den Freundschaften, die sie machen, von den Menschen, die sie unterstützen und ihnen helfen. 

Bis sie es endlich schaffen und sich erfolgreich für Begabtenstipendien bewerben und ihr Studium aufnehmen. 

FAZIT 

Unerwünscht erzählt eine authentische Einwanderungsgeschichte, deren Ende noch offen ist. Werden die Brüder bleiben oder weiter wandern? Die deutschen Behörden haben sie abweisend behandelt, und obwohl sie viele Freunde fanden, sitzt diese Enttäuschung tief. Als deutscheR LeserIn schämt man sich ein bisschen bei der Schilderung der Zustände für AsylantragstellerInnen, denn die Beschreibungen sind zutreffend: das System ist ablehnend, unmenschlich, bürokratisch. Es vermittelt deutlich: Ihr seid hier unerwünscht. 

Daher brauchen wir Bücher wie dieses, die uns darüber nachdenken lassen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Und das wir alle etwas tun können, um diese Gesellschaft offener und verständnisvoller zu gestalten. 

Von Jessica 

Samstag, 4. Mai 2013

Rückblick: unsere Themen im April 2013

Im April haben wir im Literaturclub unser Leseland Polen verlassen und sind sehr begeistert von den AutorInnen und Büchern, die wir im Rahmen unseres literarischen Stops in unserem Nachbarland kennengelernt haben. Wir werden einige Werke und Thesen auch öffentlich diskutieren, und zwar im Juni und August (die Termine findet ihr in den Veranstaltungsankündigungen in der rechten Spalte - wir posten sie aber auch noch rechtzeitig mit allen Details). In Kürze könnt ihr hier auch unsere Gedanken zu unserem letzten polnischen Werk, Sandberg von Joanna Bator, nachlesen.

Nun wenden wir uns den Niederlanden zu. Mit welchem Buch wir beginnen und welche anderen engagierten Werke in unserer momentanen Shortlist auftauchen, könnt ihr hier nachlesen.

Weitere Listen posteten wir im April hier auf lesErLeben - und zwar den ersten SUB-Post von Anne, die wir virtuell und in der Realität als neue Mitleserin begrüßen durften, sowie Jessicas Lesetipps zum Semesterstart.

Buchempfehlungen gab es außerdem noch in Form dreier Rezensionen: Anne-Kathrin rezensierte Bist du noch wach? von Elisabeth Rank und Hanna sagte uns, warum Ein Sommer in Augustenbad von Anneli Jordahl ein kurzweiliges Vergnügen ist, das aber leider etwas hinter ihren Erwartungen zurückgeblieben ist. Jessica hingegen war positiv überrascht über Lean In - Frauen und der Wille zum Erfolg von Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg. Darin spricht sich die Unternehmerin für Gleichberechtigung der Geschlechter in Arbeit und Privatleben aus und fällt somit in unsere weite Definition von engagierter Literatur, die auch Sachbücher umfassen kann. Sheryl Sandberg war uns auch noch einen zweiten Post in diesem Monat wert - Anne-Kathrin nahm an der ZEIT-Konferenz Frauen in Führungspositionen in Hamburg teil und erzählte uns, warum Sheryl Sandberg großen Einfluss auf die Debatte um Geschlechtergerechtigkeit haben könnte.

Die meisten Kommentaren in diesem Monat erhielt die Verlosung von Häschen in der Grube von Maria Sveland im Rahmen der netzumspannenden Blogger-Aktion »Blog den Welttag des Buches«. Wir freuen uns, dass ihr mitgemacht habt und werden dieses Wochenende den oder die GewinnerIn per Los ermitteln!

Dienstag, 30. April 2013

Annes SUB im April

Mein erster SUB! Und schon gleich zu Beginn rücke ich mit dem Geständnis heraus: Mein Stapel ungelesener und angelesener Bücher türmt sich schon seit so langer Zeit neben dem Kopfende meines Bettes, dass inzwischen Wecker und Teetasse ihren dauerhaften Platz darauf gefunden haben. Zum wenig bis gar nicht beachteten Möbelstück »verkommen« haben gerade diese Bücher seit einer ganzen Weile keine Aufmerksamkeit erfahren. Deshalb ist dieser Beitrag ein willkommener Anlass, mich mit dem schon etwas eingestaubten Stapel intensiver zu beschäftigten. Dennoch darf sich an der Höhe des Stapels nichts verändern – wohl aber an seiner Zusammensetzung.

Momentan als Nachttisch-Ersatz dienen u.a. noch die letzten Reste meiner »Du-musst-mehr-englischsprachige-Bücher-lesen«-Phase und so manches von Norbert Gstrein, das ich mir angeschafft habe, nachdem ich die Erzählung Selbstporträt mit einer Toten förmlich verschlungen habe.

SUB (= Stapel ungelesener Bücher)

  • Skippy dies von Paul Murray
  • The Hundred-Year-Old Man Who Climbed Out of the Window and Disappeared von Jonas Jonasson
  • Place de l’Étoile von Patrick Modiano
  • Eine gebrochene Frau von Simone de Beauvoir
  • In der Luft von Norbert Gstrein
  • Das Handbuch des Tötens von Norbert Gstrein
  • Vollkommen leblos, bestenfalls tot von Antonia Baum
  • Selbstporträt in Grün von Marie NDiaye
  • Roman eines Schicksallosen von Imre Kertész
  • Mann im Dunkel von Paul Auster

SAB ( = Stapel angelesener Bücher)

  • Liebesroman von Gerhard Henschel
  • Die englischen Jahre von Norbert Gstrein
  • Das Gedächtnis der Haut von David Grossmann
  • Maschas Glück von Ljudmila Ulitzkaj
 
Von Anne