Dienstag, 3. Mai 2016

Podcast #1 - Buchbesprechung von »Regretting Motherhood« (Orna Donath)

Was sind wir aufgeregt! *Trommelwirbel*... ähem, hinaus in die Welt die folgende Ansage:

Jessica und Anne-Kathrin wollten sich schon seit Jahren mal an einem Podcast versuchen - und hier ist er, in all seiner erfrischenden Unperfektion, aber dafür mit viel Authentizität und Freude gemacht :-)

Das Thema von Podcast#1? Eine eher unklassische Buchbesprechung von Regretting Motherhood. Wenn Mütter bereuen von Orna Donath! Die israelische Wissenschaftlerin hat mit ihrer Studie über Mütter, die bereuen, Mütter geworden zu sein, in den vergangenen Monaten hohe Wellen geschlagen. Jessica hat das Buch gelesen und teilt ihre Eindrücke mit uns.


Hier könnt ihr unseren Podcast#1, unser Gespräch über Regretting Motherhood, hören:



Wie hat euch Podcast#1 gefallen? Sollen wir weitermachen? Oder sollen wir uns lieber weiterhin dem Schriftlichen widmen? :-) Kommentare sind sehr erwünscht!

Von Anne-Kathrin

Freitag, 22. April 2016

Buchvorstellung: »Familiäre Pflichten«, hrsg. v. Monika Betzler und Barbara Bleisch

Die Familie: Irgendwie ist sie mehr oder weniger immer da, im Guten wie im Schlechten, und mehr oder weniger fest verlaufen unsere jeweiligen Rollen in ihren Bahnen. Wir alle kommen aus einer Familie, die meisten von uns haben (noch/wieder) eine Familie, viele wünschen sich eine und manche sind froh, dass sie ihr mehr oder weniger entkommen sind.

Interessant ist das Familienleben in der Realität, so oder so. Aber auch auf einer theoretischen Ebene kann es sehr spannend sein, sich über die vielfältigen Verbindungen innerhalb unseren Familien Gedanken zu machen - vor allem auch darüber, welche Rechte und Pflichten aus dem Familienverhältnis erwachsen. Was können wir eigentlich von unseren Eltern, unseren Kindern, unseren Geschwistern legitimerweise an (moralischer, zeitlicher, finanzieller, pflegender etc.) Unterstützung erwarten? Und welche Ansprüche können unsere Schwestern, unsere Väter, unsere Kinder an uns stellen? Gibt es eigentlich überhaupt so etwas wie Pflichten, die uns qua Zugehörigkeit zu einer Familie auferlegt sind?

Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigen sich die AutorInnen der Aufsätze in Familiäre Pflichten. Herausgegeben von der Philosophieprofessorin Monika Betzler und der Philosophin und Moderation Barbara Bleisch, werfen ForscherInnen aus Großbritannien, Deutschland, USA und Neuseeland in dem Sammelband philosophische Blicke auf Familienbeziehungen und auf deren normative (Spreng-)Kraft. Sie ergründen, woraus sich gegebenenfalls Pflichten - der Eltern gegenüber ihren erwachsenen Kindern, der Kinder gegenüber ihren Eltern, und Geschwister gegenüber ihren Geschwistern - ergeben könnten.
 
Reicht beispielsweise die Liebe zueinander aus, um daraus ein Recht auf Unterstützung, auf Pflege, auf Kontakt abzuleiten? Was würde daraus für Familien folgen, in denen sich einzelne oder alle Mitglieder voneinander entfernt haben, wo keine Liebe (mehr) vorhanden ist? Und können Eltern aus dem Aufziehen ihrer Kinder gegenüber ihren nun erwachsenen Kindern Unterstützung einfordern, in dem sie daran appellieren, dass die Kinder ihnen dies schuldig seien? 

In ihren teilweise konträren Ansichten zur Begründung und dem Ausmaß von elterlichen (»parentalen«) Pflichten, Kinderpflichten und Geschwisterpflichten führen uns die AutorInnen (darunter Ursula Wolf, Axel Honneth und Simon Keller) in Familiäre Pflichten vor Augen, dass die Familie auch im Hinblick auf etwaige Gesetzmäßigkeiten eine komplexe Angelegenheit ist. 

So bleibt die Familie nach der Lektüre zwar weiterhin ein emotional aufgeladener Ort faszinierender menschlicher Verbindungen, im Guten wie im Schlechten; das Buch kann uns aber dabei helfen, diese familiären Bindungen und Rollen besser zu verstehen. Es kann dazu beitragen, nur vage in Worte zu fassende Reflexe, Gefühle und Gedanken innerhalb und zu den/r eigenen Familie/n philosophisch zu reflektieren. Und das ist ebenfalls ziemlich faszinierend.

Monika Betzler/Barbara Bleisch (Hrsg.): Familiäre Pflichten, Suhrkamp, Berlin 2015.

Von Anne-Kathrin

Dienstag, 12. April 2016

Über den Besitz von Büchern, die Identität und das Loslassen

Lange Zeit habe ich mich stark über Bücher definiert. Über die Anzahl und die Qualität dessen, was ich gelesen habe; vor allem aber auch über die physische Präsenz von Büchern in meiner Wohnung. Bücher waren und sind ein entscheidender Teil meiner Identität. Oder eher: Ich konstruiere einen Teil meiner Identität unter anderem mithilfe von Büchern und einem generellen Belesensein. Dies wollte ich – bewusst und unbewusst – nach innen und nach außen zeigen und »beweisen«. Ich wollte mich mit so vielen Büchern wie möglich umgeben. Ich wollte diesen wichtigen Teil meiner Identität jeden Tag äußerlich verkörpert sehen. Ich wollte auch, dass andere sehen, wie wichtig Bücher mir sind – und auch, wieviel ich schon gelesen habe. 
 
An der Verbindung von Identität und Lesen hat sich nichts geändert. Ich lese weiterhin viel und ausgesprochen gerne, im Job und privat; Belletristik, Klassiker, US-amerikanische Populärpsychologie, neuerdings sogar ziemlich unliterarisch geschriebene Wälzer über das sachgerechte Renovieren von Fachwerkhäusern.

Allerdings hat sich im Laufe der letzten zwei, drei Jahre mein Verhältnis zum Besitz geändert: Je wohler und sicherer ich mich in der Welt fühle, desto mehr habe ich angefangen, an meinem Besitzdenken zu zweifeln. Je mehr ich mich als Teil unserer gemeinsamen Welt sehe, desto weniger möchte ich mit mir (im übertragenen und auch im wörtlichen Sinne) herumschleppen.

Mittlerweile macht mich der Teil meines Besitzes nervös, der mich nicht wahrhaft glücklich macht. Das habe ich von der international hochgelobten japanischen Einrichtungsexpertin Marie Kondo gelernt. Sie sagt: Behalte nur das, was dich glücklich macht. Das habe ich auf Klamotten angewandt, auf Haushaltsgeräte, auf Bettwäsche und Kugelschreiber (habt ihr auch Massen an Werbekulis, die in euren Schubladen schlummern?). Und dann eben auch auf Bücher.

Um ehrlich zu sein: Die meisten Bücher haben mich beim Lesen glücklich gemacht, aber danach eben nicht mehr, als sie unbenutzt im Regal standen. Im Gegenteil, ihre schiere Anwesenheit hat mir auf den Kopf gedrückt, auf die Schultern, den Nacken verspannt. So jedenfalls hat es sich angefühlt. Warum standen sie also noch im Regal? Damit ich sie ein zweites Mal lesen konnte, wovon ich schon beim ersten Zuklappen wusste, dass das nicht geschehen würde? Damit ich weiß, was ich alles gelesen habe? Damit andere Menschen sehen, wie wahnsinnig belesen ich doch bin?

Ich behalte nun nur noch die Bücher, die ich definitiv noch einmal lesen werde; Bücher, die mein Leben wahrhaft bereichert haben und dies auch weiterhin tun werden. Alle anderen Bücher gebe ich weiter, meist in öffentliche Büchertauschregale. Das Ergebnis ist: Wer in mein Bücherregal schaut, wird nur die Bücher sehen, die ich fantastisch finde. Aber mensch kann nun nicht mehr automatisch darauf schließen, dass ich viel lese. So what? Ich muss niemandem etwas beweisen, nicht mir selbst und auch nicht anderen.

Mit zunehmendem Aussortieren hat sich also auch mein Drang zur Beweisführung geändert. Ich habe verstanden, dass der Teil meiner Identität, der sich an Büchern festgehalten hat, loslassen kann. Und dass er trotzdem weiterexistiert, vielleicht sogar stärker als zuvor. Ich liebe das Lesen, ich liebe Bücher! Ich muss nur nicht mehr jedes Buch besitzen. Und dadurch fühle ich mich freier und entspannter.

Ich freue mich nach wie vor, die sich biegenden Bücherregale anderer zu bewundern, und ich bin auch ein bisschen neidisch auf so manche riesige Privatbibliothek. Aber ich freue mich auch, wenn ich nach Hause komme und weiß, ich brauche kein größeres Zimmer für meine Bücher. Es ist genug Platz da. Und auch ich, ich bin genug, so wie ich bin.

Von Anne-Kathrin

PS: E-Books wären sicherlich eine Option; ich mag sie aber einfach nicht.

Donnerstag, 31. März 2016

Rezension: »Das zerstörte Leben des Wes Trench« von Tom Cooper

 Der Roman: Anders als es der etwas irreführende deutsche Titel verspricht, handelt Tom Coopers Erstlingswerk Das zerstörte Leben des Wes Trench nicht nur von einem zerstörten Leben, sondern gleich von einer ganzen Reihe gescheiteter Existenzen. Das liegt vor allem daran, dass die vielen Charaktere, welchen die Romanerzählung kapitelweise folgt, eine Gemeinsamkeiten haben: Sie stammen alle aus Jeanette, einer kleinen, vormals recht beschaulichen Stadt im Bayou[1], in der die Menschen schon seit Generationen vom Krabbenfischen leben. Gegenwärtig (d.h. ungefähr im Jahr 2010) ist der Ort mitsamt seinen Bewohnern allerdings nicht nur immer noch von der Zerstörung durch Hurricane Katrina gezeichnet, sondern hat darüber hinaus auch noch akut mit den katastrophalen Folgen einer Ölpest – ausgelöst durch den Untergang der Deepwater Horizon im Golf von Mexiko – zu kämpfen.


Tom Coopers Roman beschäftigt sich aber in erster Linie mit den Auswirkungen dieser Ereignisse auf die in den Südstaaten der USA ansässigen Menschen. Und es ist ein düsteres Bild, welches der Autor zeichnet, geprägt vor allem durch die Armut, Existenzängste und Perspektivlosigkeit seiner Protagonisten. Da ist zum Beispiel der tablettensüchtige Gus Lindquist, der bei einem Arbeitsunfall einen Arm verloren hat und mit seinem Metalldetektor verzweifelt auf der Suche nach einem verschollenen Piratenschatz ist. Und Brady Grimes, der sich nichts sehnlicher gewünscht hat, als den Bayou zu verlassen und nun im Auftrag einer Ölgesellschaft zurückkehrt, um mögliche Schadensersatzforderungen der hiesigen Fischer bereits im Keim mit viel zu geringen Abfindungsversprechen zu ersticken. Und natürlich Wes Trench, die Titelfigur, ein Sechzehnjähriger, der zwar »die Phantasie und das Herz eines Dichters« besitzt, wie ihm sein Lehrer sagt, aber der trotz seines jungen Alters bereits »krumm, verbittert und untröstlich« ist und genau weiß, dass seinesgleichen Krabbenfischer wird, anstatt die Schule zu beenden.

Das hat mir gefallen: Das zerstörte Leben des Wes Trench versteht es, seinen Leser_Innen einen ehrlichen, manchmal humorvollen (der Roman beginnt mit dem mysteriösen Verschwinden einer Armprothese), aber meist recht bedrückenden Einblick in die oft miserablen und mehrheitlich freudlosen Leben der (übrigens ausschließlich männlichen) Protagonisten zu gewähren. Fernab von Hollywood-Kitsch und romantischem Südstaatenideal entwirft Tom Cooper das eindrucksvolle Bild eines Gesichts der USA, das man in medialen Darstellungen eher selten antrifft. Pathetisch wird der Roman aber trotz all des erzählten Elends nicht. Der distanzierte Ton lädt nicht zum Mitleiden mit den teils unsympathischen Antihelden ein, und obwohl ein kritischer Unterton in den sachlichen – manchmal schon fast ironisch wirkenden – Beschreibungen von Land und Leuten mitschwingt, hütet sich Cooper wohlweislich vor dem Schwingen des moralischen Zeigefingers.

Das hat mir nicht gefallen: Ein Kritikpunkt ist, dass dem Autor, wie mir scheint, seine Erzählung zum Ende hin etwas entgleitet und sich nicht ganz entscheiden kann, ob sie nun sozialkritischer Roman oder doch Südstaatenkrimi werden will. Der Spannungsbogen, der versucht die Protagonisten letztlich sinnvoll miteinander in Verbindung zu setzen, gerät dadurch etwas in Mitleidenschaft. Auch kann der/die Leser_In einige der Charaktere leider nur oberflächlich kennenlernen, es scheinen insgesamt einfach etwas zu viele zu sein, als dass ihre Leben genügend Platz auf den Romanseiten finden würden. Schade eigentlich, sind doch die meisten von ihnen interessant genug, um einen eigenen Roman zu verdienen.

Mein Fazit: ein überwiegend gelungener Debütroman, der Fans der Fernsehserie True Detective aber sicher besser gefallen wird als Liebhaber_Innen von Vom Winde verweht.

Infos:
· Ullstein Verlag, 382 Seiten, bisher nur als Hardcover erschienen
· Originaltitel: The Marauders
· Der erste Roman des Autors (der übrigens derzeit in New Orleans lebt)

Von Leonie


[1] Bezeichnung für stehende Gewässer bzw. Sumpflandschaften in den US-amerikanischen Südstaaten vor allem im Bereich des Mississippi.

Dienstag, 22. März 2016

Rezension: »Telluria« von Vladimir Sorokin

Schon meine erste Lektüre eines Romans von Vladimir Sorokin ließ mich beeindruckt aber auch erschöpft zurück, wie man hier nachlesen kann. Nach Telluria, für dessen Lektüre ich einige Zeit gebraucht habe, erscheint mir Der Schneesturm jedoch sehr viel harmloser als noch vor einigen Jahren.

Telluria hat keinen Anfang und kein Ende im klassischen Sinn; der Text besteht aus fünfzig längeren, kürzeren oder kürzesten Kapiteln, die wie in einem Mosaik jeweils nur einzelne Aspekte der fiktionalen Welt zu erkennen geben. LeserInnen müssen hochkonzentriert bleiben, um die ganze Komplexität dieser fiktiven eurasischen Welt zu verstehen, die aus Kleinstaaten besteht und im 21. Jahrhundert so anders aussieht als unsere eigene.

Besondere Bedeutung hat in dieser Welt die Droge Tellur, die in Form eines in den Kopf zu schlagenden Nagels konsumiert wird und unglaubliche Träume zur Folge hat. Ganz ohne Risiko ist ein Trip nicht – wie es ja für die meisten Drogen gilt... Das Einschlagen des Nagels, wenn nicht fachgerecht durchgeführt, kann im schlimmsten Fall den Tod des Konsumenten zur Folge haben. Deshalb genießen die Zimmermänner auch ein hohes gesellschaftliches Ansehen. Die meisten Figuren des Romans haben irgendeinen Bezug zu dieser Droge – sie handeln mit Tellur-Nägeln, sie haben einen Trip oder streben danach, einen Nagel in den Kopf geschlagen zu bekommen; oder sie sind Zimmermänner und schlagen die Nägel in anderer Leute Köpfe.

Anachronistisch und fantastisch gestaltet ist die Welt von Telluria. Wir begegnen Riesen, Zwergen und allerlei futuristischen Geräten, aber dennoch ist das Pferd das Fortbewegungsmittel der Wahl (besonders groß oder besonders klein, versteht sich). Die politische Ordnung der Romanwelt ist ebenso fragmentiert wie die Struktur des Romans: die Sowjetunion besteht aus 15 Kleinstaaten, von denen Telluria als Staat teilweise nicht anerkannt wird; Europa wird von Salafisten regiert – in Köln darf zur Zeit der Handlung das erste Mal seit langer Zeit wieder Karneval gefeiert werden (dies nur als Beispiel). 
 
Selbstverständlich ist der Roman auch wieder reich an intertextuellen Anspielungen – Sorokin parodiert und zitiert nach Herzenslust. Für LeserInnen, die Konzentration und Durchhaltevermögen mitbringen und Spaß an literarischen Formen haben (und zu diesen zähle ich mich) ist Telluria eine lohnenswerte Lektüre. 
 
Vladimir Sorokin: Telluria. Kiepenheuer und Witsch 2015.

Von Silvia

Samstag, 5. März 2016

Rezension »Am Ende bleiben die Zedern« von Pierre Jarawan

Das Erstlingswerk des bekannten Poetry-Slammers Pierre Jarawan, Am Ende bleiben die Zedern, handelt von der Suche nach Zugehörigkeit und Herkunft. 

Der Einstieg ins Buch ist dramatisch, nur um anschließend zurückzutreten. Nach einer Gewalttat springt man in eine neue Szene und begleitet den jungen Samir bei den Erinnerungen an seinen Vater. Samirs Welt dreht sich um seinen Vater. Er beschreibt ihn als besonderen Menschen, der ein sehr gutes Gespür für seine Mitmenschen hat, ein hervorragender Geschichtenerzähler und daher sehr beliebt ist. Dadurch ist auch Samir sehr beeindruckt und er liebt die Geschichten seines Vaters. Diese erzählt er am liebsten seiner Freundin Yasmin, der Tochter des besten Freundes seiner Eltern, der mit Samirs Eltern vor dem Bürgerkrieg aus dem Libanon nach Deutschland geflohen ist. Alles scheint perfekt, bis der Vater eines Abends ausgeht und nicht wiederkommt. Trotz Suche von Polizei, Familie und Freunden bleibt er verschwunden und Samirs Welt bricht zusammen. 

Diese Verlusterfahrung beeinflusst sein ganzes weiteres Leben. Er bleibt in einer Art Vakuum, das auf seinen verlorenen Vater ausgerichtet ist, und keine Entwicklung zulässt. Sein Leben kreist nur um dieses Verlassen und den Libanon, seine Familie und seine Freunde haben darin keinen Platz, denn sie verändern sich.

Durch positive Einflüsse und Veränderungen angeregt, bricht Samir zwanzig Jahre nach dem Verschwinden des Vaters schließlich in den Libanon auf, dort vermutet er seinen Vater. Doch begibt er sich nicht nur auf die Suche nach seinem Vater sondern auch auf die Suche nach dem Libanon, von dem sein Vater immer erzählt und geschwärmt hat. Grundlage für die Suche ist das Tagebuch seines Vaters und ein altes Dia, das er seinem Vater stibitzt hat. Unterstützt wird er bei seiner Suche vom Taxifahrer Nabil, den er zufällig kennengelernt hat, der aber zu einem wichtigen Ansprechpartner wird.

Nach und nach erkundet Samir die Orte, die im Leben seines Vaters von Bedeutung waren. Samirs Vorstellung des Libanon ist von den Geschichten seines Vaters geprägt, die Samir mit Recherchen über die Geschichte des Libanon und den Ereignissen, die Samir miterlebt hat, ergänzt hat. Nabil steuert Wissen um die aktuelle gesellschaftliche und politische Lage bei, wie sie die BewohnerInnen Beiruts tagtäglich erleben. So erkundet man mit Samir gleichzeitig die Vergangenheit und Gegenwart eines Landes und einer Familie.

Ȇberall sehe ich Leute, die sich fragen,
welchen Sinn das alles hat.
Und ich möchte Ihnen zurufen: der Libanon ergibt keinen Sinn.
Dieses Land ist ein Mysterium, für jeden, der es liebt.« 

Das Buch fesselt den/die Leser/in von Anfang an und man hat das Gefühl mit Samir mit zu leben und zu leiden. Man taucht ein in die Geschichte des vom Bürgerkrieg und militärischen Interventionen gezeichneten Libanon. Vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingskrise bekommt das Buch noch mal eine neue Bedeutung. Während Jarawan den Konflikt der zweiten Generation von Einwanderern beschreibt, verliert er die aktuelle Krise nicht aus dem Blick. Für Geflüchtete und deren Kinder ist die Fluchterfahrung immer noch sehr real und daher die aktuelle Diskussion besonders intensiv. Jarawan sensibilisiert für diesen Blick.

Insgesamt schafft Jarawan eine gute Balance aus individueller Familiengeschichte, Geschichte des Libanons im Bürgerkrieg und Bezug auf die aktuelle Flüchtlingssituation ohne ins Klischeehafte abzuschweifen. 

Wer gerne vom Autoren selbst etwas zu seinem Buch hören möchte, kann sich den Trailer zum Buch anschauen.

Pierre Jerewan: Am Ende bleiben die Zedern, Berlin Verlag 2016

von Julia

Samstag, 30. Januar 2016

Rezension: »Die beste Entscheidung unseres Lebens« von Friederike Achilles und Philipp Rusch

»Die beste Entscheidung unseres Lebens«: Das ist für die AutorInnen Friederike Achilles und Philipp Rusch ihre Reise um die halbe Welt. In Kuba, Ecuador, Kolumbien, USA, Guatemala, und Thailand, um nur einige der Länderstationen zu nennen, haben Achilles und Rusch kleinere oder größere Abenteuer, immer aber viel atemberaubende Natur, (meist) sehr nette Menschen und viel Horizonterweiterung erlebt - und darüber eine Sammlung von Reiseessays veröffentlicht.


Der Untertitel ihres Buches, Wie wir einfach loszogen und um die halbe Welt reisten, hat mich zwar anfangs in die Irre geleitet - ich dachte, Achilles und Rusch würden mir sagen, wie ich das auch anstellen könne: einfach loszuziehen, den Job, die Verpflichtungen hinter sich zu lassen. Das bleibt aber ihr Geheimnis. Aber wirklich enttäuscht war ich nach den ersten Seiten schon nicht mehr. 

Denn Die beste Entscheidung unseres Lebens ist ein Reisebericht, der sich anfühlt wie die Erzählungen von guten FreundInnen. Nach ein paar Seiten hatte ich das Gefühl, Achilles und Rusch schon lange zu kennen. Das liegt vor allem daran, dass ihre Reisereportagen sehr persönlich sind. Unter anderem dürfen wir beim Besuch von Schuchs Großfamilie in Indien teilhaben; an ihrem Wunsch, Machu Picchu eine touristische Pause zu gönnen; an einen denkwürdigen Ausflug zur bolivianischen Salzpfanne Salar de Uyuni; auch an einem unfreiwilligen Drogenerlebnis und vor allem auch an der Gedankenwelt der beiden. Ihr Blick auf die Dinge ist notwendigerweise subjektiv, und das versuchen Achilles und Rusch auch gar nicht zu verschleiern 

Das AutorInnenpaar unterlässt weitestgehend politische Bewertungen einiger ihrer durchaus nicht ganz unbedenklichen Reiseziele. Doch sie wissen um Phänomene wie Stereotype, um Armutstourismus, und darum wie auch die optimistischste Reisende manchmal nur kapitulieren kann - so zum Beispiel nach der Tour durch eine bolivianische Silbermine, von der Schuch erzählt: »[W]ir sind dem TÜV entwischt. Und der Sicherheit, der Sauberkeit auch, den rauchfreien Bahnsteigen, der guten Ernährung [...] Mit Geschäften ganz ohne Dynamit im Sortiment. Uns geht es so gut, viel zu gut. Wusste ich nicht. Weiß ich nicht immer. Drei Affen an meiner Seite. Auch dafür machen wir das. Für alles, was wir nicht wussten. Oder häufig vergessen.«

Achilles und Schuch schaffen es, die Kontraste zwischen der Freude über das Kennenlernen der Welt mit all ihren wunderbaren und nicht wunderbaren Menschen und dem schönen und dem sehr unschönen Leben, die Leichtigkeit  des Reisenden und die Schwere des Schicksals anderer Menschen einzufangen und gleichzeitig loszulassen.

Ihre Reiseessays sind frisch und witzig geschrieben - und vor allem selbstironisch. Wie andere Reisende auch sind Friederike und Philipp (ich nenne schon nicht mehr ihre Nachnamen, so sehr wirkt die Illusion, wir seien befreundet) immer wieder in TouristInnenfallen getappt, hatten Blasen an den Hacken und auch mal (Welt-)Reiseknatschigkeit. Das begeistert mich so an diesem schönen, leichten Reisebuch - ich denke nicht nur, dass ich die AutorInnen schon lange kenne; ich kann mich in ihnen wiederfinden. Ich glaube nun auch, dass ich es auch schaffen kann: einfach loszuziehen und um die halbe Welt zu reisen. Dazu muss ich kein erfahrener Globetrotter sein, sondern einfach ich selbst, das reicht.

Von Anne-Kathrin